Faktencheck Lauterbach: Ist Omikron für Kinder gefährlich?

Gesundheitsminister Karl Lauterbach behauptet, Omikron sei für Kinder „besonders bedrohlich“. Der Faktencheck zeigt: Das stimmt nicht.

Karl Lauterbach. 
Karl Lauterbach. AFP

Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach wurde im ZDF-„Heute Journal“ am Mittwoch interviewt. Lauterbach sagte, wenn Omikron die vorherrschende Variante werde, müsse sich jeder bereits zweifach geimpfte Deutsche ein weiteres Mal impfen lassen. Nur dann werde der vollständige Impfschutz erreicht. Schließlich fragte die Moderatorin den Minister nach der Gefahr für Kinder durch Omikron:

Frage:

„Sie waren vor allen Dingen auch immer sehr vorsichtig, was Kinder angeht und haben gesagt: Wir dürfen Corona bei Kindern nicht verharmlosen, Sie haben jetzt aber einen Stiko-Chef, der sagt, ich würde meine Kinder eher nicht impfen. Für Kinder ist das harmlos. Was sagen Sie als Gesundheitsminister dazu jetzt in dieser neuen Position?“

Antwort Lauterbach:

„Also das ist eine unglückliche Positionierung gewesen von Herrn Mertens. Ich glaube, er ist auch aus dem Zusammenhang heraus zitiert worden. Ganz klar ist Folgendes zu sagen: Wir müssen davon ausgehen, dass gerade die Omikron Variante für Kinder besonders bedrohlich ist. Das ist leider so, dass die Omikron-Variante sich nicht nur schneller verbreitet, sondern leider auch Kinder stärker befällt und somit auch zu mehr Krankenhauseinweisungen führen wird. Das heißt, wir müssen hier vorbauen.

Ich hoffe, dass wir sehr bald zu einer Stiko-Bewertung der Impfstoffe kommen. In der Altersgruppe der 5- 12-Jährigen, und bei den Älteren ist es so, also ich persönlich jetzt als Wissenschaftler gesprochen, glaube, dass die Impfung die bessere Wahl ist im Vergleich zur Erkrankung.“

Faktencheck:

Die Aussage von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, die Omikron-Variante sei für Kinder besonders gefährlich und würde zu hohen Hospitalisierungsraten führen, ist offensichtlich nicht mit Fakten belegt. Lauterbach bezieht sich offenbar auf eine Studie aus Südafrika und deren Rezeption in indischen Medien. Laut dem Virologen Klaus Stöhr, mit dem die Berliner Zeitung zu diesem Thema sprach, wurde die Studie am 5. Dezember vorab publiziert und danach Auszüge auch bei einer Tagung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 7. Dezember präsentiert (Mitteilung der WHO hier: „Omikron breitet sich aus, Zahl der schweren Fälle in Südafrika bleibt jedoch niedrig“).

Die sehr limitierten Daten aus der Studie würden darauf hindeuten, dass der Krankheitsverlauf wohl milder sein könnte. Das wird geschlussfolgert, weil sehr viele Patienten, auch viele Kinder und Jugendliche, erst im Krankenhaus bei der Aufnahme positiv auf Corona getestet wurden aber eigentlich wegen anderer Gründe eingeliefert wurden. Das berichtet die New York Times. Der Anteil der asymptomatischen und milden Erkrankungen sei deshalb offensichtlich nach ersten Beobachtung viel höher als bei den früheren Wellen. Der Befund „Corona“ sei also ein Nebenbefund gewesen.

Die Darstellung, Kinder seien stärker von Omikron betroffen, gehe an der Datenlage vorbei. Auch in den indischen Medien ist man hier mit Schlussfolgerungen sehr vorsichtig. Die gegenwärtigen Daten weltweit sagen noch nichts belastbares über die Gefährlichkeit der Variante oder den Grad der Hospitalisierung aus. Stöhr: „Aus meiner Perspektive gibt es aus den vorläufigen Daten keine Erkenntnisse, die auch nur annähernd den Schluss zulassen, Kinder wäre von schweren Verläufen bei Omikron betroffen.“ Ähnliches gelte auch für Erwachsene.

Stöhr betont die Notwendigkeit, dass sich jetzt prioritär die plus 50-60 Jährigen und Vulnerablen boostern lassen, völlig unabhängig von der Omikron-Variante. „Die frische Boosterimpfung hilft gegen Delta und frischt auch die Abwehr gegen Omikron auf. Die Impfprioritäten ändern sich also nicht.“ sagt Stöhr: „Es ist wie bei der Grippe-Impfung: Menschen über 60 und Vulnerable sollten sich jedes Jahr zu Beginn des Winters eine Auffrischung holen. Damit kann man die Krankheitslast, also die Todesfälle und Krankenhauseinweisungen am besten reduzieren. Auch die anderen Jahrgänge können in diesem Jahr vom Booster profitieren; desto jünger desto marginaler.“ Lauterbach hatte im ZDF angekündigt, dass, sollte Omikron die vorherrschende Variante werden, ein vollständiger Impfschutz nur mehr angenommen werde, wenn jemand dreimal geimpft worden sein. 

Diese Aussage kann Virologe Stöhr nicht nachvollziehen: „Warum sollte sich jemand, der vor drei Wochen erst die zweite Impfung erhalten hat, jetzt schon wieder boostern lassen? Falls die Impfung schon viele Monate zurückliegt, ist das sicherlich eine andere Frage.“

Fazit:

Die Aussage des Gesundheitsministers, Omikron sei für Kinder besonders bedrohlich, ist vor dem Hintergrund der heute bekannten Fakten falsch.