Die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange sei auch im Interesse von Demokratie und Rechtsstaat in Deutschland. Dies sagte der Vater von Julian Assange, John Shipton, im Interview mit der Berliner Zeitung im Berliner Verlag: „Es geht darum, dass die Pressefreiheit künftig auch in Deutschland weiter besteht. Wenn die Auslieferung von Julian in die USA wirklich durchgeführt wird, wird es für Journalisten, Aktivisten oder zivilrechtliche Gruppen nicht mehr möglich sein, gegen den Willen der Regierung kritische Aussagen zu machen oder Missstände zu enthüllen.“

Dies betreffe auch mögliche Maßnahmen gegen deutsche Journalisten durch die US-Regierung. John Shipton: „Es wäre zum Beispiel möglich, die Auslieferung von Journalisten zu verlangen, die Informationen über Nord Stream 2 erhalten haben und deren Veröffentlichung nach Ansicht der Regierung in Washington eine Gefährdung der nationalen Sicherheit oder anderer Interessen darstellen könnte.“

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Gabriel (links) und John Shipton, Julian Assanges Vater und Bruder während des Interviews im Berliner Verlag.

Sätze von Claudia Roth haben Erstaunen provoziert

Julian Assanges Bruder Gabriel Shipton sagte dieser Zeitung, mit der Auslieferung würde „ein Präzendezfall geschaffen mit Folgen für alle Journalisten auf der Welt“. Assange habe kein Verbrechen begangen, sondern seinerseits Kriegsverbrechen aufgedeckt. John Shipton sagte, die Freilassung von Assange würde auch ein Zeichen an autoritäre Regierungen wie jene von Russland und China senden: „Die Regierungen dieser Staaten hören zwar nicht mehr allzu sehr auf den Westen. Mit der Freilassung von Assange würde der Westen aber ein Zeichen für die Gesundheit der Gesellschaften auch in diesen Ländern setzen. Es wäre vor allem eine Botschaft an regierungskritische Journalisten, sich nicht von der Regierung einschüchtern zu lassen.“

Vor diesem Hintergrund sei man in der Familie Assange „erstaunt“, dass Bundeskulturministerin Claudia Roth zu dem Fall gesagt habe, sie erwarte, dass Assange in den USA „ein faires Verfahren“ gemacht werde. Die Bundesregierung müsse sich an US-Präsident Joe Biden richten und fordern, dass die Vorwürfe fallen gelassen und Julian Assange umgehend freigelassen werden müsse: „Deutschland ist die wichtigste Macht in Europa. Die anderen Länder werden dem deutschen Beispiel folgen.“

Die Hoffnungen der Familie

Die Familie von Assange traf sich am Montagabend mit dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Tobias Lindner. Am Dienstag soll es im Bundestag zu einem Fachgespräch zum Fall Assange kommen. Die Abgeordneten Sevim Dagdelen (Die Linke), Ulrich Lechte (FDP), Max Lucks (Grüne) und Frank Schwabe (SPD) fordern in einer gemeinsamen Erklärung die sofortige Freilassung von Assange. In Frankreich hat sich vor seinem Wahlsieg der Linke Jean-Luc Mélenchon für Assange eingesetzt und gesagt, er wolle im Fall eines Wahlsiegs als Premierminister Assange die französische Staatsbürgerschaft zuerkennen.

Allerdings haben sich die Hoffnungen von Assange auf politische Unterstützung in den vergangenen Jahren immer wieder zerschlagen. Daher sind die Hoffnungen der Familie auf Unterstützung etwa des australischen Premiers verhalten, der im Wahlkampf ebenfalls die Freilassung Assanges gefordert hatte. John Shipton: „Es ist traurig, dass Politiker im Wahlkampf etwas anderes versprechen als sie dann tun, wenn sie im Amt sind. Aber umso wichtiger sind eben Journalisten, die niemandem verpflichtet sind als der Aufklärung. Daher ist der Kampf um die Pressefreiheit entscheidend für die Demokratie.“

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
John Shipton im Gepräch mit der Berliner Zeitung

Der entscheidende öffentliche Druck

Der Gesundheitszustand des Wikileaks-Gründers habe sich in den vergangenen Wochen verschlechtert. Sein Vater sagte, er habe am Sonntag zuletzt mit Julian telefoniert: „Julian ist nach der Nachricht der Auslieferung entschlossen, weiter zu kämpfen. Er denkt von Tag zu Tag und organisiert seine Verteidigung.“ Gabriel Shipton sagte, die Verteidigung werde neue Dokumente vor allem zu grundlegenden Verfahrensfehlern der Anklage vorlegen, um die Auslieferung doch noch zu stoppen. Sowohl der Vater als auch der Bruder von Julian Assange sind überzeugt, dass Assange die Auslieferung nicht überleben würde. John Shipton: „Sie wollen ihn umbringen. Einzelhaft ist in den USA sehr gefährlich, weil nicht kontrolliert werden kann, was mit einem Häftling geschieht.“

John und Gabriel Shipton sehen aktuell eine Zunahme der Unterstützung Assanges durch die Medien. So habe der öffentlich-rechtliche australische Sender ABC eine zweistündige Dokumentation über den Fall gesendet, auch der britische Guardian sei sehr engagiert, um die Freilassung Assanges zu erreichen. Das sei nicht immer so gewesen: „Sobald die Regierungen Druck auf die Medien ausgeübt haben, haben sie Assange fallen gelassen“, sagte John Shipton. „Die Medien scheinen allerdings jetzt zu verstehen, dass es Zeit ist, ihre Verstrickung in die Zerstörung von Julian zu beenden.“

Der entscheidende öffentliche Druck käme jedoch von Aktivisten in allen Ländern der Welt. In Deutschland gäbe es in 29 Städten Solidaritätsgruppen für Assange. Vater und Bruder des Wikileaks-Gründers wissen, dass es knapp wird. Sie hätten keine langfristige Perspektive, „weil das verrückt wäre“. „Wir versuchen, Julian zu helfen und das Schlimmste zu verhindern.“