Am Montag soll einem Hauptverdächtigen im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach eine umfassende Anklage präsentiert werden. 
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KölnIm zweiten Anlauf soll am Montag (17. August) einem zentralen Verdächtigen im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach eine umfassende Anklage präsentiert werden. Der eigentliche Prozessbeginn eine Woche zuvor war wegen eines Brandes im Gerichtsgebäude geplatzt. 

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 43-jährigen Koch und Hotelfachmann unter anderem vor, seine 2017 geborene Tochter immer wieder sexuell missbraucht zu haben. Den überwiegenden Teil der Taten habe er fotografiert und gefilmt und diese Aufnahmen an Chat-Partner weitergeleitet. Der Missbrauch soll bereits im dritten Lebensmonat des Mädchens begonnen haben. Nach Angaben des Kölner Landgerichts werden dem 43-Jährigen in der Anklageschrift 79 Straftaten zur Last gelegt.

Vor allem gilt der Deutsche aber auch als zentrales Puzzlestück im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach, der in gewisser Weise nach ihm benannt ist. Durchsuchungen bei ihm – eben in Bergisch Gladbach – hatten die Ermittlungen zu dem Komplex, der sich mittlerweile auf ganz Deutschland erstreckt, im Herbst 2019 ins Rollen gebracht.

Polizisten fanden damals nicht nur riesige Mengen kinderpornografischen Materials – sie entdeckten auch digitale Kontakte zu anderen Verdächtigen. Nach und nach kamen sie immer mehr Männern in unterschiedlichen Städten auf die Spur. In der Anfangszeit gab es teilweise mehrere Festnahmen in einer Nacht. Mittlerweile werden Spuren in Foren, Gruppenchats und Messengerdiensten zu Tausenden möglichen Verdächtigen verfolgt.

Der Angeklagte soll bereits bei der Identifizierung seiner Chat-Partner geholfen haben. Nach Angaben des Gerichts ist zudem eine Einlassung im Prozess angekündigt – sie könnte bereits am Montag erfolgen. Das Landgericht wies allerdings darauf hin, dass die Öffentlichkeit in dem Verfahren für gewisse Phasen ausgeschlossen werden kann – zum Beispiel, wenn sexuelle Handlungen besprochen werden müssen.

Im Falle einer Verurteilung drohen dem Angeklagten bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe. Zudem steht die Anordnung einer Sicherungsverwahrung im Raum. Er wird durch einen psychiatrischen Sachverständigen begutachtet.

Mehr als 30.000 Internetspuren

Bei ihrer Ermittlungsarbeit kam die federführende Polizei Köln bislang allein in Nordrhein-Westfalen 83 Beschuldigten auf die Spur, Hinweise auf weitere gut 70 entsprechende Straftaten lieferten die Kölner den Behörden in den übrigen 15 Bundesländern zu.

Doch dies ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs: Ende Juni gab das nordrhein-westfälische Justizministerium bekannt, dass die Beamten im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach mehr als 30.000 Internetspuren nachgehen. Damit nahm der Ermittlungskomplex zuvor ungeahnte Dimensionen an.

Gleichwohl erscheint es als möglich, dass die Ermittler letztlich nur einen Bruchteil der Täter zur Verantwortung ziehen können. „Angesichts der zahlreichen technischen und rechtlichen Hemmnisse wäre es ein Erfolg, am Ende eine dreistellige Zahl an Tatverdächtigen strafrechtlich verfolgen zu können“, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Markus Hartmann jüngst dem Spiegel.

Zudem ist der Komplex Bergisch Gladbach zwar offenbar der größte, aber bei weitem nicht der einzige seiner Art: NRW-Ermittler kamen allein in den vergangenen gut eineinhalb Jahren mehreren schweren Missbrauchsserien auf die Spur. So waren auf einem Campingplatz in Lügde jahrelang zahlreiche Kinder missbraucht worden. Aktuelle Ermittlungen richten sich zudem gegen ein Pädophilennetzwerk, das Anfang Juni in Münster aufgedeckt wurde.