Berlin - Das erste Mal klingelt das Telefon bei Özcan Mutlu am Dienstagmorgen sehr, sehr früh. Jemand will von Mutlu wissen, was er dazu sagen kann, dass die Türkei einen deutschen Zeitungskorrespondenten jetzt in Untersuchungshaft hält. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen antwortet schnell. Dann klingelt es wieder, und so geht es immer weiter. Plötzlich, so kommt es Mutlu in diesem Moment vor, will die ganze Welt, jedenfalls ein großer Teil der deutschen Welt, wissen, was er zu der Inhaftierung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel zu sagen hat. Also macht Mutlu das, was man sich von einem Bundestagsabgeordneten erhoffen darf, wenn es darum geht, dass ein Mensch mundtot gemacht werden soll.  „Wir lassen das nicht zu“, sagt er. Er macht seinen Standpunkt am Telefon immer wieder deutlich,  bis zum späten Nachmittag. Dann geht Mutlu demonstrieren.

Vor der türkischen Botschaft an der Berliner Tiergartenstraße versammeln sich einige hundert Menschen. Der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir ist auch gekommen. Mitglieder der Journalistenvereinigung „Reporter ohne Grenzen“ sind da. Viele tragen weiße T-Shirts. „Free Deniz“, ist darauf zu lesen. Das ist der Ruf dieser Tage. Auf einem Schild steht: „Ohne Pressefreiheit bleiben Opfer unsichtbar“.

Mutlu hat die Kundgebung vor der türkischen Botschaft in Berlin  angemeldet, er ist der Initiator. Es ist die zweite Protestaktion innerhalb weniger Tage, an der Mutlu beteiligt ist. Im Februar hat es bereits einen motorisierten Protestzug gegeben, einen Autokorso. Freunde und Unterstützer des Journalisten waren hupend durch die Berliner Innenstadt gefahren.

Seitdem hat sich die Lage weiter verschärft. Nach 13 Tagen im Polizeigewahrsam hat ein Richter für Yücel Untersuchungshaft angeordnet. Das kann Gefängnis für eine lange Zeit bedeuten. Bis zu fünf Jahre sind nach türkischem Recht möglich, wenn er verurteilt wird.

Zwei Wirklichkeiten

Die türkische und die deutsche Wirklichkeit fallen an diesem Tag  auseinander, sehr weit auseinander.  Während Yücel in der Türkei einfach weggesperrt wird, formiert sich in Deutschland eine Protestbewegung für die Freiheit.
„#FREEDENIZ“ prangt mittlerweile auch in großen Lettern auf dem Dach des Springer-Hochhauses in Kreuzberg. Deutsche Politiker aller Parteien protestieren. In deutschen Zeitungen erscheinen ganzseitige Anzeigen, in denen Freiheit für Deniz Yücel gefordert wird. Aber auch auf der Straße tut sich etwas.

In zehn deutschen Städten gibt es am Dienstag wieder Autokorsos. Hupend, trötend, skandierend fahren am Abend Menschen durch die Innenstädte. 200 Menschen sind es in Hamburg, 70 Wagen fahren durch Frankfurt. Das sind selbstverständlich nicht nur persönliche Bekannte des Inhaftierten. Aber auch. In Frankfurt ist seine  Schwester Ilkay Yücel dabei. In Berlin zählt die Polizei hundert Autos und 19 Fahrräder.

Aber was sagt uns das? Ist es mehr als eine Reaktion auf die Tatsache, dass hier ein Journalist eingesperrt wird, weil er seiner Arbeit nachging? Geht es auch um das deutsch-türkische Verhältnis? Darum sicherlich auch, das Verhältnis war immer eng – und komplex.
Etwa eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. In Berlin sind es mindestens 350.000. Die türkische Einwanderung begann bereits in den 60er Jahren. Aber viele Deutsche schwanken immer noch zwischen Sympathie, Gleichgültigkeit und Ablehnung im Hinblick auf die Menschen, die hier mittlerweile in vierter Generation Mitbürger sind.

So richtig interessiert wahrgenommen wird der türkischstämmige Teil in der Bevölkerung von der Mehrheitsgesellschaft nach wie vor nicht. Ändert sich das jetzt? Vielleicht ändert sich ja auch schon seit einiger Zeit etwas, und der Kurswechsel in der Türkei hin zu einem immer autokratischeren Regime macht die Veränderungen  besser sichtbar.

„Staatszugehörigkeit ist zweitrangig“

Wenn man wissen will, was im deutsch-türkischen Verhältnis  gerade los ist, lohnt es sich Özcan Mutlu zu fragen. Er kennt Deniz Yücel seit vielen Jahren. Und er ist in der Türkei geboren. Ein Mann mit zwei Heimaten also, auch wenn er anders als Yücel nicht die türkische und die deutsche Staatsbürgerschaft parallel besitzt. Mutlu ist, was den Pass betrifft, nur deutsch.

Nationalität, ein deutsches Gefühl, Identität – Özcan Mutlu glaubt, dass das mit dem Pass nichts zu tun hat. „Staatszugehörigkeit ist zweitrangig“, sagt er. So sei es zum Beispiel bei seinen Kindern, die Tochter besitzt beide Pässe, der Sohn nur den deutschen. „Viel wichtiger ist, dass sich die Menschen anerkannt fühlen, respektiert, auch bezogen auf ihre Sprache und Religion. Weil das aber nicht der Fall ist, verfallen sie in eine Opferhaltung“, sagt Mutlu. Er führt als Beispiel die Situation in den Berliner Schulen an. Ein Drittel der Schüler sei türkisch geprägt. Von 30.000 Lehrern hier haben aber nur um die hundert türkische Wurzeln. Vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan werde so etwas ausgenutzt. „Sie wollen euch gar nicht“ –  das mache Erdogan aus solchen Zahlen für die Türken in Deutschland.

Mutlu hält die türkisch-deutsche Gesellschaft für zutiefst gespalten. Der Partei Erdogans   hätten zum Beispiel in der Türkei 49 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme gegeben, in Deutschland aber 59 Prozent. Durchaus erstaunlich, dass in einer Gesellschaft, die sich für modern und säkular hält und diesen Anspruch auch auf ihre Minderheiten überträgt ein konservativer, religiöser und autokratischer Politiker so beliebt ist. „Wir dürfen nicht noch mehr spalten, wir müssen unsere  Herzen für die Einwanderer  öffnen. Integration ist das Wichtigste“, sagt Mutlu.

Aber seine Kundgebung gegen die Inhaftierung von Deniz Yücel müsste doch auch spalten, richtet sie sich doch gegen Erdogan und seinen Kurs. Für Mutlu ist das ein Widerspruch, den die Menschen aushalten müssen. „Wir müssen deutlich machen, dass es Regeln gibt, dass Meinungsfreiheit nicht verzichtbar ist“, sagt er.

155 Journalisten sind zurzeit in der Türkei inhaftiert. 5 000 haben ihre Arbeit in den letzten Monaten verloren. Die Medien seien mittlerweile gleichgeschaltet.

„Deniz Yücel hat nichts falsch gemacht“, sagt Özcan Mutlu. Er habe ihn als unbequemen, guten Journalisten kennengelernt, der seinen Finger in Wunden lege und kritische Fragen stelle. Er hält den Vorwurf, Yücel gehöre einer Terrororganisation an, für absurd. Er habe bei Recherchen eben auch mit Kurden gesprochen. Das sei alles.

Özcan Mutlu hat sich schon stärker für die Freilassung Yücels engagiert als andere deutsche Politiker. Nach dem letzten Berliner Autokorso hat er beschlossen, in die Türkei zu fliegen und dort persönlich zu versuchen, etwas zu bewegen. „Ich habe mit dem deutschen Botschafter gemeinsam eine Besuchserlaubnis beantragt. Aber die Behörden haben nicht reagiert“, sagt er. Das hat ihn geärgert. Er ist trotzdem geflogen.

Kein Erfolg im Präsidium

Es hat ihn erstaunt, dass er dann bis ins Polizeipräsidium vordringen konnte. Nur hundert Meter von jener Zelle entfernt, in der Yücel jetzt lebt, saß er auf einem Stuhl und wartete. Dort haben die türkischen Behörden Mutlu dann einfach sitzen lassen.

Es habe geheißen, nur der Staatsanwalt könne eine Besuchserlaubnis erteilen, sagt der deutsche Politiker. Der hatte aber keine Zeit. Um 17 Uhr war Feierabend, die Behörde schloss. Der Staatsanwalt ist nie aufgetaucht und seine Genehmigung auch nicht.
„Es ist toll, dass sich so viele Menschen mit Yücel solidarisieren“, sagt Mutlu. Betrachtet man die Geschichte seines jüngsten Türkeifluges, könnte man aber auch resignieren. Stellt sich doch die Frage, ob der Protest in der Türkei überhaupt wahrgenommen wird. Und ob er etwas ändern kann.

Resignation hält Mutlu allerdings für falsch. Genauso wie einen Kuschelkurs mit Erdogan. Er hat Forderungen auch an die Bundesregierung: den türkischen Botschafter einbestellen zum Beispiel. Der wird am Abend dann tatsächlich zum Gespräch ins Auswärtige Amt gebeten. Mutlu hätte aber gern noch mehr: In Ankara auf den Tisch hauen. So stellt er sich das vor. Mutlu glaubt, dass Erdogan alles andere als Zeichen der Schwäche interpretieren werde: Merkels Schwäche. Die Kanzlerin macht zu wenig, findet der Grünen-Politiker. Und redet von der klaren Sprache, die es jetzt für einen inhaftierten Journalisten bedarf.