Madrid - Dogan Akhanli ist am Sonntagmittag vom spanischen Nationalen Gerichtshof unter Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ihm wurde sein Reisepass abgenommen, und er muss sich jeden Montag bei Gericht melden, sagte sein spanischer Anwalt Gonzalo Boye dieser Zeitung.

Der deutsche Erdogan-Kritiker Akhanli war am Samstagmorgen in seinem Hotel in Granada im südspanischen Andalusien festgenommen worden, wo er mit seiner Lebenspartnerin seit vier Tagen Urlaub machte. „Im Hotel tauchten acht Polizisten mit schusssicheren Westen auf, wie bei einem Antiterroreinsatz, sie benahmen sich aber zivilisiert“, berichtete Boye. Akhanli gehe es gut, „er ist ein Kämpfer, und Kämpfern geht es immer gut.“

Warum wurde Akhanli ausgerechnet in Spanien festgenommen? „Spanien hat sich zu einer Annehmlichkeits-Jurisdiktion entwickelt, in ein bequemes Territorium, aus dem jedwedes Land relativ leicht die Auslieferung von ihm reklamierter Personen erreichen kann“, schrieb Boye bereits vor zehn Tagen in einem Artikel für die Netzzeitung „eldiario.es“.

In jenem Beitrag befasste er sich mit dem Fall des schwedisch-türkischen Journalisten Hamzi Yalçin, der kurz zuvor, am 3. August, am Flughafen von Barcelona festgenommen worden war und seitdem in Spanien im Gefängnis sitzt, wo er seiner möglichen Auslieferung an die Türkei entgegensieht.

Nach der Festnahme Akhanlis am Samstagmorgen in Granada übernahm Boye noch am selben Nachmittag dessen anwaltliche Vertretung. Am Sonntagmorgen traf er ihn zum ersten Mal am Nationalen Gerichtshof in Madrid und konnte seine bedingte Freilassung erreichen.

Warum tauchen die Namen von Kritikern des türkischen Regimes immer dann in den Interpol-Listen auf, wenn sie spanischen Boden betreten? Und warum springt Spanien sofort darauf an? Darauf kann auch Boye keine befriedigende Antwort geben. Er hält die spanische Praxis jedenfalls für einen „Gesetzesmissbrauch“, der schon seit Jahren praktiziert werde.

Boye verteidigte vor vier Jahren den belgisch-türkischen Aktivisten Bahar Kimyongür, der von einem großen Polizeiaufgebot festgenommen wurde, gerade als er mit seiner Familie die Kathedrale Mezquita von Córdoba besuchte. Boye erreichte damals, dass sein Mandant nach vier Tagen vorläufig auf freien Fuß kam, bevor das Auslieferungsbegehren Monate später endgültig abgewiesen wurde.

Dass Akhanli oder Hamzi Yalçin, der noch im Gefängnis sitzt, am Ende ihrer Verfahren tatsächlich an die Türkei ausgeliefert werden, kann sich Anwalt Boye nur schwer vorstellen. „Es ist klar, dass es sich um politische Verfolgung handelt“, sagt er. Und das spanische Auslieferungsgesetz schreibt ausdrücklich vor, dass niemand an einen ausländischen Staat ausgeliefert werden darf, wenn der begründete Verdacht besteht, dass er aus politischen Gründen verfolgt wird.

Die Türkei hat nun 40 Tage Zeit, ihr Auslieferungsbegehren ausführlich zu begründen, dann muss die spanische Regierung entscheiden, ob sie einem weiteren juristischen Verfahren vor dem Nationalen Gerichtshof zustimmt.

Boye hält das Vorgehen der spanischen Behörden für skandalös. Akhanli lebt in Deutschland, er war in den vergangenen Wochen in Frankreich und Italien unterwegs, aber das türkische Festnahmeersuchen ging per Interpol ausgerechnet in Spanien ein, während er dort Urlaub machte. „Wer in Spanien informiert die Türkei darüber, dass Akhanli hier im Lande ist?“, fragt sich Boye. „Wir haben uns zu einem Auslieferungsparadies entwickelt“, schrieb der Anwalt in seinem Beitrag für „eldiario.es“. „Sei es auch nur für einen Tag: Wir nehmen Dissidenten im Auftrag von Leuten wie Erdogan fest. Ein demokratischer Rechtsstaat gibt sich nicht für solche Dienste her.“