Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat am Dienstag während seiner Jahrespressekonferenz lange über die Weltlage geredet – und kurz über Lisa. Während erstere ziemlich unübersichtlich und voller unlösbarer Probleme ist, liegt wenigstens der Fall Lisa für Lawrow sonnenklar zu Tage. Wir Blinden – oder von unserer Russophobie Verblendeten – in Berlin dachten bisher, es handelt sich um den verwirrenden, den verstörenden Fall eines Mädchens aus Marzahn, in dem die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts sexuellen Missbrauchs ermittelt. Weit gefehlt.

Lawrow hat aus knapp 2000 Kilometern Entfernung einen sehr viel klareren, er hat den völlig unverstellten Blick für die Ferndiagnose. Der russische Außenminister enthüllte während seiner Pressekonferenz endlich, worum es wirklich geht: um „unser russisches Mädchen“. Das stellte er klar. Nach der Moskauer Fürsorge für „unsere Landsleute auf der Krim“, „unsere russischen Landsleute im Osten der Ukraine“ erwacht dort nun offenbar eine Fürsorge für „unser russisches Mädchen“.

Lawrow hat gleich auch das getan, wozu deutsche Behörden in seinen Augen wohl unfähig, unwillig oder beides sind: Er löste zumindest die Hintergründe des Falles. Der Außenminister deckte das offensichtliche Schweigekartell auf, das ihn unter den Teppich kehrt. Und ein Lügenkartell obendrein, denn das Mädchen könne gar nicht freiwillig 30 Stunden von zu Hause weg gewesen sein.

Nein, die Ironie beiseite. Wer sich wie Lawrow bei diesem Stand der Ermittlungen im Fall Lisa äußert, als wäre er im Besitz der Wahrheit, dem geht es gar nicht um diese – dem geht es darum, Verunsicherung und Misstrauen zu verstärken. Denn beides ist schon zur Genüge vorhanden: in Russland, wo die staatliche Fernsehpropaganda den Menschen schon seit Jahren einhämmert, wie grundverdorben, schlecht, russenfeindlich und zum Untergang verurteilt der Westen ist. Und wachsende Verunsicherung und tiefes Misstrauen begegnet einem auch, wenn man mit Deutschen spricht, die vor Jahren aus Russland übersiedelt sind.

Dagegen, gegen Lawrows Propaganda, hilft nur eine rasche und lückenlose Aufklärung des Falles, Offenheit in der Information durch die Behörden und die Bestrafung von Tätern, so sie zweifelsfrei ermittelt sind.