Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinIm Januar hatten wir unseren Jahresurlaub durchgeplant: Zwei Wochen im Spätsommer in Cornwall in der Nähe von Oma Tanya und Opa Michael. Wir hatten ein Haus am Meer gebucht und einen Flug reserviert. Auf dem Weg von London nach Cornwall wollten wir einen Zwischenstopp in der Grafschaft Wiltshire machen, um den anderen Opa Michael zu besuchen. Die Großeltern freuten sich auf ihre Enkel, die sie nur ein-, höchstens zweimal im Jahr sehen.

Doch im März kam Corona. In Großbritannien wurde der Premier Boris Johnson krank, die Großeltern sollten vorsorglich nicht mehr aus dem Haus gehen, so die offizielle Anordnung für alte Menschen. Wir wurden nervös, es war schwer, aus der Ferne nicht helfen zu können. Aber sie schienen gut zurechtzukommen. Opa Michael bestellte seine Lebensmittel im Netz. „Wenn die Tüten von Tesco kommen, ist das das Highlight der Woche“, sagte seine Frau. Oma Tanya bekam Hilfe von einer Kirche. Auch sie klang am Telefon betont fröhlich. Es ist diese Kriegsgeneration, „Keep calm and carry on“ ist für sie mehr als ein Slogan, der auf  Tassen steht.

Wir hielten an unseren Reiseplänen fest, Ende August schien weit weg. Doch dann stieg die Zahl der Toten in Großbritannien, die Grenzen wurden dichtgemacht. Wir fahren spontan nach England, wenn die Grenzen wieder offen sind, sagten wir uns. Eine Kollegin holte ihr Tochter vorzeitig vom Austauschjahr aus England zurück. Die Welt, die seit 1989 so groß und weit geworden war, schrumpfte zusammen. Es gab Menschen, die das als Erleichterung empfanden. Wir dachten an die Großeltern, die ihre Enkel nicht sahen. Andere Eltern machten Zoom-Dinnerpartys. Wir schickten Oma Tanya Bilder, per Post, weil sie kein Internet und kein Smartphone hat.

Die Wochen vergingen, die Kitas waren noch zu, aber die Deutschen reisten wieder nach Mallorca. In England standen die Alten immer noch unter Ausgangssperre. Ich sah die Bilder von den Flughäfen, wo die Menschen zwar mit Maske, aber dicht an dicht standen, ich sah die Warteschlangen an den Teststellen und die Warnzeichen überall. Flugreisen waren schon vorher anstrengend, jetzt wurden sie eine Qual. Sollen wir fliegen? Ich war hin- und hergerissen, die Großeltern müssen doch ihre Enkel sehen, sie sind 80, jedes Jahr zählt. Aber was, wenn wir das Virus einschleppen und sie krank machen? 

Unsere Familie ist ein Produkt der Globalisierung, privilegiert durch die offenen Grenzen vor allem innerhalb der EU. Bisher. Wird es künftig noch Auslandsjahre, Schul- und Studienaustausch geben? Die Liebe, die sich wie alles andere globalisiert hatte, wird sich verändern. Viele meiner ostdeutschen Bekannten und Freunde haben eher ausländische Partner als westdeutsche. Das wird es womöglich künftig seltener geben: Cottbus statt Cambridge.

Die Grenzen gehen auf, die Grenzen schließen sich, so ist wohl der Lauf der Zeit. Diesmal stehen keine Soldaten mit Schießbefehl da, sondern die Sperrungen sind löchrig und schwerer greifbar, mit ihren Testzentren, den täglichen Infektionszahlen, den Warnungen des Herrn Söder und der Angst. Vor allem der Angst. Vor ein paar Wochen ist einer unserer Opas gestorben, nicht an Corona, er war schon vorher krank. Oma Tanya flüstert am Telefon: „Bitte kommt nicht.“

Wir telefonieren jede Woche mit den Großeltern. Und ich denke daran, was die Queen gesagt hat: „Wir sehen uns wieder.“ Bis dahin fahren wir nach Usedom.