Verschwörungstheoretiker behaupten, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge für die Menschen gefährlich wären.
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BerlinTOCHTER: Wo ist Papa?

MUTTER: Am Computer. Er diskutiert mit Verschwörungstheoretikern im Internet. Kann ich nicht verstehen.

TOCHTER: Ich schon. Ich finde es richtig, denen zu widersprechen, sowohl im Internet als auch, wenn man sie persönlich trifft. Man muss ihnen Fakten sagen und auch, dass es einfach nicht so ist, wie sie denken.

MUTTER: Hast du nicht den Eindruck, dass sie jenseits von Gut und Böse argumentieren? Die Behauptungen sind doch zum Teil aberwitzig: Merkel ist an Corona schuld. Die Strahlen von Flugzeugen sind gefährlich und steuern unser Verhalten. Bill Gates will uns zwangsimpfen und Chips implantieren.

TOCHTER: Ja, gut. Aber diese Leute behaupten das ja auch, wenn ich nicht mit ihnen rede. Ich glaube schon, man muss auf die Menschen mit solchen Vorstellungen eingehen und versuchen, sie von der Realität zu überzeugen oder zumindest ihre Theorie ins Wackeln zu bringen. Klar, bei manchen ist einfach jede Mühe umsonst. Wenn jemand aggressiv und beleidigend wird, habe ich auch keine Lust mehr zu diskutieren.

MUTTER: Ich verstehe, wenn man diese Diskussionen im Bekannten- und Freundeskreis führt. Wenn da jemand auf eine abseitige Weise argumentiert, würde ich schon widersprechen und versuchen zu überzeugen. Aber ich verstehe nicht, warum man diesen Kampf im Internet führen muss.

TOCHTER: Das verstehe ich schon. Sonst denken diese Leute doch, dass es nur ihre Meinung gibt und dass alles richtig ist, was sie sagen. Wenn man ihnen widerspricht oder einen Spiegel vorhält, merken sie, ah, es gibt doch Gegenwind. Im Internet findet doch genauso Kommunikation statt.

MUTTER: Aber du weißt doch überhaupt nicht, mit wem du sprichst, nicht mal, ob es ein Mensch ist oder bloß ein Computerprogramm. Mir sind die Leute auch echt egal, weil ich sie nicht kenne. Ich gehe auch nicht in die Eckkneipe und diskutiere dort mit Leuten, die ich nicht kenne. Ich finde diese Foren im Internet schrecklich, wo die Leute sich nach zwei Wortwechseln als verstrahlt beschimpfen.

TOCHTER: Aber im Internet wird doch ganz viel ausgetragen. Der Diskurs verlagert sich immer mehr ins Internet. Da finde ich es falsch zu sagen, das ist mir egal, weil man dann die gesellschaftlichen Diskussionen nicht mehr mitbekommt. Diese Meinungen prägen auch die Politik. Bei Debatten, die mich interessieren, würde ich auf jeden Fall was sagen. Wenn etwas bescheuert ist, braucht man Gegenwind, jemanden, der sagt, wie es richtig ist.

MUTTER: Vielleicht liegt es auch daran, dass ich zwischen echtem Leben und virtuellem Leben unterscheide und du nicht.

TOCHTER: Ja, klar, das ist für mich anders. Im Internet geht das Leben genauso weiter wie sonst auch. Man kann vielleicht keine Beziehungen aufrechterhalten, aber du kannst den Leuten doch genauso deine Meinung sagen. Sogar noch besser. Man kann mit Menschen in Bayern oder sonst wo diskutieren, die man niemals treffen wird. Man darf sich nur nicht auf das Niveau von Leuten runterlassen, die beleidigen oder Dinge behaupten, ohne sie zu prüfen.

MUTTER: Aber das Internet enthemmt doch. Die Leute schimpfen aus der Anonymität heraus. Viele trauen sich mehr zu sagen, auch wenn sie es im echten Leben nicht tun würden. Und die Wortwahl ist krass. Glaubst du nicht, dass Verschwörungstheoretiker durchs Internet noch gefährlicher werden?

TOCHTER: Ich glaube schon, dass sie gefährlicher werden, weil sie gleichzeitig mehr Leute erreichen können. Aber genau deshalb muss man ihnen widersprechen.


MUTTER: Aber im Internet verhallt doch dein Bemühen. Es ist eine künstliche Welt.

TOCHTER: Auf keinen Fall. Diese Menschen müssen sich am Ende genauso mit meinen Fakten auseinandersetzen wie ich mich mit ihren blöden Theorien.

MUTTER: Denkst du, dass du bei diesen Leuten überhaupt etwas bewegen kannst? Ich habe den Eindruck, dass sie sich immer weiter verbohren, wenn man widerspricht.

TOCHTER: Ich muss sie aber doch nur zum Nachdenken bringen, damit sie ihre These hinterfragen. Ob sie am Ende ihre Meinung ändern, habe ich nicht in der Hand.