Berlin - Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, stellte in der Bundespressekonferenz am Donnerstag den neuen Jahresbericht vor. „Die Corona-Pandemie stellt alle Akteure vor immense Herausforderungen und schafft neue Suchtgefahren“, sagte sie. Insbesondere Kinder aus suchtbelasteten Familien litten unter den Folgen der Corona-Pandemie.

So habe unter anderem die Phase des Lockdowns die Belastungen in den Familien erhöht, weil Hilfsangebote nur eingeschränkt genutzt werden konnten und das schulische Umfeld weggefallen ist, heißt es in dem Bericht. Die Drogenbeauftragte habe daher unter anderem das Projekt „KidKit Learning“ initiiert, das Lehrer im Umgang mit Kindern aus Familien mit Suchthintergrund schulen und es ihnen so auch ermöglichen soll, Fälle schneller zu erkennen.

Wichtig sei, dass sich Suchtkranke auch während der Pandemie an Beratungsstellen wenden könnten, sagte Ludwig. Suchtkliniken müssten für alle offen bleiben.

Einen Schwerpunkt des Drogenberichts bildet die Cannabisprävention. „Während im Jahr 2020 so wenig Jugendliche rauchen und Alkohol trinken wie noch nie seit Beginn unserer Erhebungen, ist der frühe und regelmäßige Cannabiskonsum immer deutlicher zu einem Problem geworden“, schreibt Ludwig im Vorwort. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 10,4 Prozent der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Cannabis geraucht. Bei den 18- bis 25-Jährigen liegt der Anteil bei 46,4 Prozent. Mit der Kampagne „Mach Dich Schlau!“ wolle man Jugendliche daher in den sozialen Netzwerken über die Risiken des Cannabiskonsums aufklären.

Forderungen nach einer Legalisierung von Cannabis erteilte Ludwig wiederholt eine Absage. „Wir haben wirklich viel zu tun. Zu viel, um uns in kraftraubenden Debatten zur Legalisierung eines Stoffes zu verzetteln“, sagte sie.

Die Autoren warnen auch vor dem Konsum von Tabak. So haben Raucher ein erhöhtes Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung. Selbst ohne Pandemie stürben jährlich 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das entspricht einem Anteil von 13,3 Prozent aller Todesfälle. „Tabak und Alkohol richten den größten Schaden aller Drogen an. Jeder Tote ist einer zu viel“, sagte Ludwig.

Dennoch habe man in der Eindämmung des Tabakkonsums aufgrund der Prävention Fortschritte erzielt. Der Anteil rauchender Jugendlicher befinde sich „auf einem historischen Tiefstand“. Demnach rauchen 5,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, bei den 18- bis 25-Jährigen greift jeder Fünfte zur Zigarette.

Die Social-Media-Nutzung steigt während der Pandemie

Mit Sorge beobachten die Autoren die Zunahme des Gamings und der Social-Media-Nutzung. Eine Studie der DAK zeige etwa, dass zehn Prozent der 10- bis 17-Jährigen im September 2019 ein riskantes Spielverhalten aufwiesen. Bei 2,7 Prozent sei dieses pathologisch. Im Social-Media-Bereich zeigt sich ein ähnliches Bild. Während des Lockdowns sei die Nutzung der sozialen Netzwerke werktags um 66 Prozent auf 193 Minuten pro Tag angestiegen. Die Kampagne „Familie.Freunde.Follower“ soll diesem Trend entgegenwirken und mehr Medienkompetenz vermitteln.

Scharfe Kritik für ihren Bericht schlägt Ludwig aus der Opposition im Deutschen Bundestag entgegen. „Dieser Drogen- und Suchtbericht ist einfach nur peinlich“, sagte Wieland Schinnenburg, Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik der Fraktion der FDP, der Berliner Zeitung. Er sei ein Armutszeugnis für die Bundesregierung. So liefere er im Vergleich zu Vorjahren kaum belastbare Daten. Eigene Konzepte der Regierung, Themen wie Medikamentenmissbrauch oder die Wirksamkeit der präsentierten Maßnahmen würden fast vollständig ausgeblendet.

„Der Bericht enthält 30 Fotos der Drogenbeauftragten. Er dient offenbar in erster Linie der Selbstdarstellung von Frau Ludwig“, sagte Schinnenburg. Statt dieser „Ego-Show“ fordert er eine Neuausrichtung der Cannabis-Politik. Wenn 60 Prozent aller Rauschgiftdelikte auf Cannabis entfielen und selbst Jugendliche bei Dealern alles bekämen, sei kein sinnvoller Jugendschutz möglich. Daher sei eine kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene wichtig.

Die Linke fordert eine sofortige Legalisierung von Cannabis

„Mehr denn je liest sich der diesjährige Drogen- und Suchtbericht wie eine Erfolgsstory deutscher Drogenpolitik. Der Schwerpunkt auf die Prävention blendet aber die negativen Folgen der Repressionspolitik fast gänzlich aus“, sagte Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher der Linken, der Berliner Zeitung. Natürlich sei Prävention wichtig, doch müssten junge Menschen darüber hinaus einen verantwortungsvollen Umgang mit legalen und im Zweifel auch illegalen Drogen lernen. „Wir müssen aber vor allem den Besitz geringer Drogenmengen entkriminalisieren, weil Repression keine Hilfe ist.“ Daneben forderte Movassat die sofortige Legalisierung von Cannabis.

Zwar sei es erfreulich, dass in der Corona-Krise schnell im Bereich der Behandlung mit Substituten reagiert wurde. „Aber die Defizite sind hier noch immer so gravierend. Nur die Hälfte der Opioid-abhängigen Menschen wird subsituiert, denn es fehlen Substitutionsärzte.“ Allein 2019 sei die Zahl der Drogentoten um fast zehn Prozent gestiegen. „Das ist keine Erfolgsstory einer deutschen Drogenpolitik. Hier müssen wir dringend neue Wege einschlagen“, forderte Movassat.

Ähnlich äußert sich auch Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik der Grünen im Bundestag. „Es müssen mehr Opioid-Abhängige Zugang zur Substitutionstherapie bekommen, auch zur Originalstoffvergabe mit Diamorphin“, sagte sie der Berliner Zeitung. Auch bei der Prävention des Alkoholkonsums müsse mehr getan werden. Obwohl Alkohol das Suchtmittel Nummer eins sei, wage sich die Bundesregierung nicht an „das heiße Eisen“.

Vernichtend fällt Kappert-Gonthers Urteil zur Cannabis-Politik aus. „Die Präventionskampagne der Drogenbeauftragten zum Cannabis-Konsum von Jugendlichen agiert schon wieder mit dem erhobenen Zeigefinger und wird genauso verstauben wie viele andere vorher.“ Sinnvoller seien Sachinformationen, eine Kommunikation auf Augenhöhe und ein Ende der Prohibition.