Berlin - Es nutzt nichts: In Deutschland lebende Muslime können sich noch so unauffällig verhalten, sich den Werten der Bundesrepublik verbunden fühlen, Demokratie schätzen und Radikalismus verurteilen, gegen das Feindbild Islam kommen sie nicht an. Sie werden in Gesinnungshaft genommen für jeden Anschlag von Islamisten wie jetzt auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris, für jedes Enthauptungsvideo von Terroristen des Islamischen Staats.

Dabei ist die Islamfeindlichkeit alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal der Wutbürger von „Pegida“. Im Gegenteil, sie ist gesellschaftsfähig und wird von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung geteilt. Wie sehr, zeigt eindrücklich die am Donnerstag veröffentlichte Sonderauswertung Islam des Religionsmonitors, einer großen internationalen Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung.

57 Prozent der Bürger halten den Islam für bedrohlich

Danach halten 57 Prozent der Bundesbürger den Islam für bedrohlich, fast zwei Drittel sind der Ansicht, dass er nicht in die westliche Welt passt. Am höchsten ist die Ablehnung in Sachsen, wo sogar 78 Prozent sich bedroht fühlen. Bundesweit fühlen sich 40 Prozent durch Muslime wie Fremde im eigenen Land und jeder Vierte würde die Zuwanderung von Menschen moslemischen Glaubens verbieten.

Damit ist die Ablehnung im Vergleich zu einer vor zwei Jahren erhobenen Befragung nochmals gestiegen, und es ist anzunehmen, dass sie noch weiter zunehmen wird. So sehr sich Muslime auch vom Extremismus distanzieren, in den Augen vieler Bundesbürger sind Islam und Islamismus ein und dieselbe Sache. Die Folge ist eine Ausgrenzung, die gefährlich werden kann.

Islamfeindlichkeit durch Unwissen

Nun muss man wissen, dass es hierzulande nur vier Millionen Muslime gibt – wobei bezeichnend ist, dass diese Zahl in Befragungen stets viel höher geschätzt wird. Das ist durchaus typisch, denn die Islamfeindlichkeit wird vor allem durch Unwissen genährt. So hat nur ein Drittel der Bürger überhaupt Kontakt zu Muslimen, in Ostdeutschland sogar nur jeder zehnte.

Nur wenige dürften wissen, dass es „den Islam“ nicht gibt und nicht jeder, der aus dem Iran, Irak oder anderen muslimischen Ländern kommt, automatisch religiös ist. In einer Studie über „Muslimisches Leben in Deutschland“ im Auftrag des Bundesinnenministeriums für die Islamkonferenz hatten zum Beispiel fast 40 Prozent der Migranten aus dem Iran angegeben, überhaupt nicht gläubig zu sein.

Muslime sehen sich mit einem Negativ-Image konfrontiert

„Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt ist“, erläutert Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. Tatsächlich sind weniger als ein Prozent aller Muslime radikale Islamisten. Dass 90 Prozent die Demokratie für eine gute Regierungsform halten und enge Kontakte zu Menschen außerhalb ihrer Religion pflegen, wird über den vielen negativen Vorurteilen nicht wahrgenommen.

Man könnte auch etwas zugespitzt formulieren: Muslime, das sind in den Augen der Mehrheit unterdrückte Frauen mit Kopftuch und religiöse bärtige Eiferer, die den Koran in der Fußgängerzone verteilen oder sich gleich auf den Weg in den Dschihad machen.

Muslime brechen Klischees mit liberaler Haltung

Gar nicht in das gängige Klischee passen daher auch andere Ergebnisse der Studie, wonach die Einstellungen selbst von gläubigen Muslimen deutlich liberaler sind als weithin angenommen. So überdenkt fast jeder zweite Muslim oft oder sogar sehr oft seine persönlichen religiösen Einstellungen. 93 Prozent stimmen der Aussage zu, man sollte allen Religionen gegenüber offen sein.

Immerhin 40 Prozent der hochreligiösen Muslime sind der Ansicht, dass ein homosexuelles Paar die Möglichkeit haben sollte zu heiraten. Zum Vergleich: In der Türkei teilen nur zwölf Prozent diese liberale Haltung. Auch das Vorurteil, dass sich Muslime abschotten, ist nicht durch Fakten belegt. 90 Prozent haben regelmäßig Freizeitkontakte zu Menschen anderer Religionszugehörigkeit. „Gängige Thesen zu muslimischen Parallelgesellschaften sind somit faktisch nicht haltbar“, schreiben die Autoren der Studie.

Auffallend ist, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen nicht mit dem Bildungsgrad abnehmen. „Weder die politische Orientierung noch das Bildungsniveau üben einen nennenswerten Einfluss auf das Islambild aus“, konstatieren die Bertelsmann-Forscher. Eine Erklärung der Islam-Expertin El-Menouar ist, dass höher Gebildete grundsätzlich weniger religiös und eher säkular eingestellt sind. Muslime, die ihre Religion offen ausleben, durch das Tragen von Kopftüchern und andere Symbole ihre Frömmigkeit für alle sichtbar demonstrieren, erscheinen deshalb suspekt, wenn nicht sogar als rückständig. Zur offenen Ablehnung ist es dann nicht mehr weit.

„Islamfeindlichkeit muss gesellschaftlich geächtet werden“

Doch gerade diese Salonfähigkeit bereite dem Feindbild Islam den Boden, warnt El-Menouar. „Islamfeindlichkeit muss gesellschaftlich geächtet werden. Wir müssen deutlich machen, dass wir solche menschenfeindlichen Ressentiments gegen Minderheiten nicht dulden.“ Darüberhinaus fordern die Autoren, den Islam mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum in Deutschland gleichzustellen und das Wissen über ihn und die religiöse Vielfalt in Deutschland zu stärken.

Viele gingen davon aus, dass Muslime keine Deutsche sein könnten und Deutsche keine Muslime, als ob es sich um zwei gegenseitig ausschließende Gruppen handeln würde, dabei ist ein Großteil der Muslime in Deutschland geboren und aufgewachsen. „Die Zugehörigkeit der Muslime sollte nicht infrage gestellt, sondern auch in öffentlichen Debatten deutlich werden“, heißt es deshalb in der Studie. Oder um es in leicht veränderten Worten eines ehemaligen Bundespräsidenten zu sagen: Die Deutschen sollten endlich akzeptieren, dass der Islam zu Deutschland gehört.