Köln - Bis zu den Ausschreitungen von Köln hatte man gedacht: An ihren Flaggen sollt ihr sie erkennen. Zwar tragen Neonazis längst nicht mehr nur Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel. Aber selbst wenn sie modisch oder „autonom“ gekleidet sind – wie etwa die „Autonomen Nationalisten“ –, so blieben doch die schwarz-weiß-roten Flaggen und Anspielungen auf die NSDAP Zeichen ihrer neonazistischen Gesinnung. Schwarz-Rot-Gold lehnten sie so ab wie eben die Bundesrepublik an sich.

Streng getrennt davon agierte bislang die Neue Rechte, die vor allem auf Islamhass setzt – und nun den Abscheu gegen Salafisten und IS-Miliz für sich nutzen will: Sie gibt vor, das Grundgesetz gegen ausländische, linke und muslimische Bedrohung zu verteidigen – und hisste provokativ Schwarz-Rot-Gold. Allein, um ein bürgerliches Image zu wahren, distanziert sie sich von Neonazis – deklariert gar „National-Sozialisten“ zu Sozialisten, also zur „linken Bewegung“.

Die Kölner Gewalt-Demo vom Sonntag demonstrierte nun schlagartig die Annäherung beider Gruppen, die ideologisch und im Internet seit einigen Jahren stattfindet: Verbunden durch das gemeinsame Feindbild des Islam beteiligen sich neonazistische Kameradschaften seit einigen Jahren an Online-Projekten der Neuen Rechten, etwa in sozialen Netzwerken oder am Online-Pranger „Nürnberg 2.0“, der angebliche Islamfreunde als Angeklagte für einen neuen Kriegsverbrecherprozess auflistet.

Bereits vor der Kölner Demo mobilisierten Islamfeinde wie auch NPD-Verbände aber auch schon vereint gegen Moscheebauten wie in Leipzig oder zu Aufmärschen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ wie in Dresden. Schon im Juli 2012 riefen NPD, aber auch islamfeindliche Parteien und Gruppen zur Demo nach Berlin – Motto bereits damals: „Hasta la vista, Salafista!“

Dabei hatte das islamfeindliche, neu-rechte Milieu die neonazistische Rechte offiziell stets als Gegner behandelt. Typische Plakat-Motive waren Verbotszeichen – in der Mitte sowohl die EU-Sterne, als auch Moscheen, Hakenkreuze und „Hammer und Sichel“ prangten. Die Akteure tauchen immer wieder in verschiedenen Funktionen und Gruppen auf, die alle eng vernetzt sind.

Dazu zählen islamfeindliche Parteien wie Pro-NRW und Die Freiheit, eine rechtsextreme Bloggerszene mit Einzeltätern und mit Gruppenprojekten wie dem Hetzblog „Politically Incorrect“ (PI) – sowie etliche Aktionsgruppen wie die „PI-Ortsgruppen“, die jugendlich auftretenden „Identitären“ und die martialische „German Defence League“ – Motto: „Maximaler Widerstand“. Sie alle eint die Vorstellung, eine Verschwörung aller Bundestagsparteien mit „dem Islam“ und „den linken Medien“ arbeite an der „Islamisierung Deutschlands“ – wogegen eben Widerstand zu leisten sei.

Legende von „unpolitischen Gruppen“

Was sie außerdem eint: Sie mobilisierten zur Köln-Demo der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) oder bejubelten sie danach öffentlich. „Politically Incorrect“ verglich das „Wunder von Köln“ mit den Montagsdemos in der DDR.

Einige Statements distanzierten sich zwar erneut von Neonazis, sogar die Veranstalter der „HoGeSa“ versuchen die Legende von „unpolitischen Gruppen“ zu pflegen. Eine Legende, auf die auch Bundesinnenminister Thomas de Maizère hereinfällt, wenn er nahelegt, dass bei Hooligan-Aufmärschen „die Politik nur ein Vehikel ist, um eine Massenschlägerei anzuzetteln, und das übrigens mit Alkohol verbunden“.

Zwar zogen in Köln tatsächlich auch Rockerclubs und reine Stadionschläger mit. Es gibt aber unter Fußball-Hooligans seit jeher rassistische und rechtsradikale Gruppen, die nun Aufwind verspüren.

Insofern ist die neu-rechte German Defence League ein Sonderfall: Der lose Verband einiger hundert Neu-Rechter mit „Divisionen“ in ganz Deutschland tritt zwar vor allem islamfeindlich und „grundgesetztreu“ auf. Wie sein Vorbild, die gewaltbereite „English Defence League“, rekrutiert er sein Fußvolk jedoch gezielt auch unter rechten Hooligans. Man sei zu „Straßenaktionen“ gezwungen, erklärt die „GDL“ gern, in der Gegenwehr zu Salafisten und Linksextremen auch zu gewaltbereiten. Dazu zählten Aufmärsche gegen Koran-Verteilaktionen, aber auch gegen Infostände der Grünen; Demos gegen die Christenverfolgung, sogar die Teilnahme am „Israeltag“ in Köln. Im Internet finden sich jedoch auch Hinweise darauf, dass die „GDL“ Schweine-Kadaver auf Moschee-Grundstücken verteilt.

Ihre Zwitterstellung zeigt sich auch an ihrer Flagge, die sie im Logo trägt – und in Köln wehen ließ: Sie ist schwarz-rot-gold, jedoch „in nordeuropäischer Kreuzform“ angeordnet. Das erinnert an die Reichskriegsflagge, sei aber ein Zeichen des Widerstands gegen die „Einwanderungsrepublik Deutschland“.