Am Strand von Scharbeutz im Juli.
Foto: AP/Michael Probst

ScharbeutzAn diesem frühen Morgen im Juli bietet die Lübecker Bucht ein friedliches Bild. Die Sonne steht gegenüber von Scharbeutz noch niedrig über der Ostsee und färbt die kleinen Wolken rot, spiegelt sich im unbewegten Meer. In der Ferne steuert die Frühfähre aus Helsinki den Hafen von Travemünde an. Zwei Frauen sind schon ins kühle Wasser gelaufen, schwimmen und schwatzen ein wenig. Sie ahnen wohl nicht, wie weit die glatte Wasseroberfläche ihre Stimmen trägt. Auf der mit Holzplanken belegten Promenade führt ein Mann seine beiden Hunde aus.

Aus Richtung Norden brummt ein Trecker heran, der mit einer speziellen Harke an der Wasserkante angeschwemmten Tang zusammenkehrt, später auf einen Anhänger lädt und ihn abtransportiert. Sie sind hier in Scharbeutz besonders stolz auf ihren feinen, weißen Sandstrand und tun einiges dafür, dass der sich immer picobello präsentiert. Deshalb wären sie gern in aller Munde, als „St. Tropez der Ostsee“, wie es auf der Webseite der Tourismusagentur heißt, als Ort mit dem „wohl schönsten Strand in Deutschland“, wie die Bürgermeisterin Bettina Schäfer gar nicht bescheiden sagt.

Doch seit einigen Wochen ist Scharbeutz für manche zu einem Schreckenswort geworden. Als der Ort mit den überfüllten Stränden, den gesperrten Straßen und Parkplätzen. Pfingsten ging das los, als nach der langen Lockdown-Phase endlich auch wieder Tagestouristen nach Schleswig-Holstein und an die Strände von Nord- und Ostsee durften. Als sich bei dem schönen Wetter viele Tausende Hamburger auf den kurzen Weg ans Meer machten, was seit einigen Jahren für viele gleichbedeutend mit „auf nach Scharbeutz“ ist.

„Tagesschau“, RTL, Spiegel online, die Radionachrichten, die sozialen Netzwerke, überall war am Pfingstmontag zu sehen und zu hören: Scharbeutz ist voll, Scharbeutz macht dicht. Dazu diese Fotos vom überfüllten Strand, auf dem die Menschen dicht an dicht lagerten, spielten, spazierten, was schon zu normalen Zeiten kein reines Vergnügen mehr gewesen wäre. Doch im Zeichen der Pandemie schien dieser Strand zu einem einzigen Risikogebiet geworden zu sein. Abstand konnte da niemand mehr halten. Dass manche dieser Fotos das wirkliche Geschehen durch gezielt gewählte Einstellungen zusätzlich dramatisiert haben, davon sind sie in Scharbeutz überzeugt.

Aufkleber auf den Planken der Promenade von Scharbeutz.
Foto: Holger Schmale

Ähnliche Szenen wiederholten sich am letzten Juni-Wochenende, als sechs Bundesländer in die Schulferien starteten und sich bei strahlendem Sonnenschein gleichzeitig wieder viele Tagestouristen auf den Weg an die See machten. Schnell waren Parkplätze und Strandabschnitte überfüllt. Die Bürgermeisterin ließ die Zufahrten nach Scharbeutz von Polizei und Feuerwehr früh sperren. Nur wer eine Buchungsbescheinigung für Hotel oder Ferienwohnung vorweisen konnte, durfte passieren, alle anderen mussten kehrtmachen. Und wieder ging Scharbeutz als überlaufener und nun auch noch abweisender Platz durch die Medien.

Eine Gemeinde, die jahrzehntelang ein verschlafener Badeort für Familien war, die Jahr für Jahr wiederkamen, oft über mehrere Generationen. Der Strand war fein, das Wasser frisch, die Sommer meistens sonnig, viel mehr war hier nicht los, und mehr brauchte es auch nicht. Nach dem Ende der DDR staunten sie hier ein wenig, dass manche nun lieber an die Küste von Mecklenburg-Vorpommern fuhren, die man von der Lübecker Bucht aus in der Ferne sehen kann. Die vielen West-Berliner zum Beispiel, die nun eine Stunde schneller an der See sein konnten. Für Jahrzehnte war das da drüben eine Art dunkles Niemandsland am Horizont und plötzlich eine schnell aufholende Konkurrenz vor der eigenen Haustür? Es hat ziemlich lange gedauert, bis man in Scharbeutz den Handlungsbedarf erkannt hat.

Gediegener Charme in all dem Trubel drumherum

Oliver Herzberg hat den Wandel wie wenige begleitet und gestaltet. Seit 1989 gehört ihm das Herzbergs, das lange ziemlich allein führende Scharbeutzer Restaurant an der Strandallee. Er ist 1964 hier geboren, das alte Scharbeutz war auch sein Scharbeutz, er hat seine Kindheit und Jugend am Strand der Bucht und auf dem Wasser verbracht. Seine Eltern führten schon das Restaurant, das damals noch Ratsherren Stuben hieß. Ein Name, der den Geist jener Jahre atmet. „Altbacksch“ nennt Herzberg das, etwas, das manche der früheren Stammgäste heute vermissen.

Abends gegen halb zehn lässt der Betrieb nach, jetzt hat Oliver Herzberg Zeit für ein Gespräch bei einem Glas kühlem Grauburgunder an einem Ecktisch in seinem Restaurant. Es ist mit der Zeit gegangen, hat aber einen gediegenen Charme in all dem Trubel drumherum bewahrt. Herzberg ist eigentlich ein freundlich gelassener Norddeutscher mit dunkelblonden Wuschelhaaren, doch in diesen Zeiten kann er sich ganz schön aufregen. Er ist entsetzt darüber, wie schlecht Scharbeutz in den Medien in den letzten Wochen weggekommen ist. Darüber werden wir noch sprechen, doch erst einmal werfen wir einen Blick zurück und schauen, wie Scharbeutz zu dem geworden ist, wie es sich heute präsentiert.

„Erinnern Sie sich noch an die endlose Hagebuttenhecke, die vor dem Strand stand?“, fragt Herzberg. „Dahinter hörte man zwar etwas rauschen. Aber das hätte auch eine Autobahn sein können.“ Nur an den Strandzugängen konnte man sehen, dass man am Meer war. Als die EU vor gut zehn Jahren angesichts steigender Meerespegel Millionen Euro für den Küstenschutz zur Verfügung stellte, erkannte man in Scharbeutz die Chance: Nicht Abschottung, sondern Öffnung zum Meer bei gleichzeitig besserem Schutz vor Überflutung, das war die geniale Lösung, die die Sieger eines Wettbewerbs zur Gestaltung der Küstenlinie präsentierten. So entstand eine künstliche, mit Strandhafer bewachsene Düne, unter der sich die Flutschutzanlagen verbergen. Daneben und darüber verläuft über sechs Kilometer eine geschwungene, schön gestaltete Promenade, die von einem Asphaltweg für Radler und Inlineskater begleitet wird. Nun kann man von der Strandallee aus, der Hauptgeschäfts- und Restaurantstraße, überall das Wasser sehen. „Bei uns riecht es auf der Straße nach Meer und im  Sommer nach Sonnencreme“, sagt Herzberg.

Der neu gestaltete Ort zog neue Investoren an. Es entstand die „Strandmeile“ mit dezent bunt bemalten Holzhäusern für Restaurants und Boutiquen. Und es gelang endlich, einen Schandfleck in exklusiver Lage zu beseitigen. Schräg gegenüber von Herzbergs Restaurant war in den 70er-Jahren das Meerwasserwellenbad gebaut worden, ein zwar licht und elegant gestalteter, aber dennoch dominanter Betonblock direkt am Strand. Es war das erste dieser Art an der Ostseeküste, immerhin. Doch Ende der 80er-Jahre trug das Konzept nicht mehr, die Gemeinde konnte sich den Betrieb nicht mehr leisten und schloss das Bad – ohne eine Idee für die weitere Nutzung. So verkam das Gebäude, die großen Scheiben erblindeten in der Seeluft, die grauen Wände waren beschmiert. „Ein maximaler GAU in dieser Lage“, sagt Herzberg. Und das blieb viele Jahre so. Es gab immer wieder vergebliche Versuche, die Bauruine zu beseitigen, sie scheiterten nicht zuletzt an den Kosten für den Abriss des asbestverseuchten Baus.

Schließlich machte eine Hoteliersfamilie Scharbeutz ein Angebot, das manche auch als Erpressung verstanden: Sie übernahm das Grundstück für 3,5 Millionen Euro inklusive Abriss und präsentierte den Plan für einen Hotelneubau an gleicher Stelle, dessen Gestaltung nicht zur Disposition stand. Die Gemeindevertretung stimmte schließlich zu, und so entstand das Bayside, ein schickes Vier-Sterne-Hotel direkt am Strand mit 130 Zimmern, Restaurants und Wellnessbereich. Es ist noch ein Stück höher und breiter als das Schwimmbad und steht wie ein Riegel zwischen Meer und Ort, ein Fremdkörper in dem kleinteiligen Ortsbild. Man könne sicher darüber streiten, ob so viel Beton auf den Strand gehört, stimmt Herzberg zu. Doch der Erfolg gebe den Planern recht. Das gute gebuchte Hotel zieht das ganze Jahr über kaufkräftige Gäste nach Scharbeutz und ist Teil des Erfolgs. Zwischen 2010 und 2019 hat sich die Zahl der Übernachtungen pro Jahr von weniger als 400.000 auf 865.000 mehr als verdoppelt.

Der Nachbarort Timmendorfer Strand wurde überflügelt

Scharbeutz hat Timmendorfer Strand, den eigentlich bekannteren Nachbarort mit dem mondänen Image, überflügelt. Es ist zu einem Hotspot an der Küste geworden, mit einem jüngeren, lauteren, aktiveren Publikum, mit einem Eventstrand und im Winter der einzigen Eisbahn an der Bucht. Es ist ein Anziehungspunkt für unternehmungslustige Hamburger, von denen viele gern auch ihre Hunde mitbringen, um sie am Strand frei laufen zu lassen. Das ist zwar nur im Winterhalbjahr erlaubt, doch dann sind oft mehr Hunde als Kinder am Strand, was mancherlei Konflikte auslöst. Im Sommer aber ist es an Wochenenden manchmal so voll, „dass man nur noch Platz für ein Gästehandtuch am Strand findet“, wie Herzberg kopfschüttelnd sagt. Allerdings gilt das nur für den Abschnitt um die Seebrücke herum, wo die Strandkörbe in Sechser-Reihen nebeneinander stehen. Nur ein paar Hundert Meter weiter links oder rechts sind es nur drei und die Lage ist viel entspannter.

Ziemlich entspannt ist die Lage auch jetzt, in der Hochsaison in Pandemiezeiten und nach den überfüllten Boom-Wochenenden. Scharbeutz und benachbarte Badeorte haben einen „Strandticker“ entwickelt, mit dessen Hilfe vor allem Tagesgäste online anhand von Ampelsymbolen erkennen können, welche Strandabschnitte voll sind und wo noch Platz ist. Schaltet die Ampel auf Rot, werden diese Abschnitte gesperrt. Das System hat sich bewährt.

Allerdings ist der größte Helfer bei der Bewältigung des Ansturms unter Abstandsregeln derzeit das Wetter. Der Juli war bisher eher kühl, Sonnenschein, Wolken und Regenschauer lösten sich ab, da zieht es Tagesbesucher nicht an den Strand. „Aber warten Sie  ab, wenn es wieder mal 25 Grad sind, dann kommen die Massen“, sagt die Mitarbeiterin im reetgedeckten Häuschen der Strandkorbvermietung. Jetzt könnte man jederzeit einen Korb bekommen, obwohl die meisten längerfristig an Feriengäste vermietet sind. Auf der Promenade, in den Geschäften und Restaurants ist viel Betrieb, aber das ist auch nicht anders als in den Einkaufsstraßen von Berlin oder in anderen Ferienorten.

Kein einziger bekannter Infektionsfall in Scharbeutz

Warum sich die Medien so auf Scharbeutz gestürzt haben, das verstehen viele nicht. Immerhin hat es hier während der ganzen Pandemiezeit keinen einzigen bekannten Infektionsfall gegeben. Aber wahrscheinlich muss ein Ort, der sich zu einem der tollsten des Landes ausruft, damit rechnen, dass in Krisenzeiten genauer hingeschaut wird. Und wenn dann nicht alles ganz so toll ist, kommt wohl auch mal Häme ins Spiel.

Im Restaurant brechen die letzten Gäste auf. Oliver Herzberg ist mit seinen Geschäften sehr zufrieden. Neun Wochen lang musste er im Frühjahr schließen, aber seit dem ersten Tag der Wiedereröffnung läuft es bestens, er ist fast jeden Abend ausgebucht. „Nur mittags fehlen jetzt Gäste. Das sind die, die nur mal ein bisschen gucken, shoppen und eine Kleinigkeit essen wollen. Aber die werden von den negativen Berichten abgeschreckt.“ Scharbeutz müsse aufpassen, sein gastfreundliches Image nicht zu verlieren, sagt Herzberg.

Der Strand liegt nun in abendlicher Stille und Einsamkeit am Meer. In der späten Dämmerung sind noch ein paar Spaziergänger unterwegs, irgendwo sitzen einige Jugendliche zusammen, Bierflaschen kreisen, gedämpfte Musik ist auch dabei. „Alles geht, nichts muss“ ist einer dieser hippen Sprüche der Tourismuswerbung von Scharbeutz. Solange manche das „Alles geht“ nicht zu wörtlich nehmen, wird die Erfolgsgeschichte wohl weitergehen. Pandemie hin oder her.