Menschen in West Hollywood im US-Staat Kalifornien verfolgen das Fernsehduell zwischen US-Präsident Donald Trump (Republikaner) und seinem Herausforderer Joe Biden (Demokrat). 
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Washington D.C.Es muss Joe Biden übermenschliche Anstrengungen gekostet haben, am Dienstagabend in einem Hörsaal der Case Western Universität von Cleveland die Fassung nicht zu verlieren und die sogenannte Debatte der Präsidentschaftskandidaten nicht endgültig zu einem offenen Schreiduell verkommen zu lassen. Biden schüttelte immer wieder den Kopf und er lächelte, während sein Kontrahent ihm und dem Moderator Chris Wallace unermüdlich ins Wort fiel und ihn mit Attacken unter- und oberhalb der Gürtellinie überzog. Doch er blieb im Großen und Ganzen gelassen.

Immerhin, ein paar Mal konnte Biden es sich nicht verkneifen, ein „Halt’s Maul“ durch die Zähne zu zischen. Und ein einziges Mal geriet auch er außer sich, als Trump nicht aufhören mochte, seinen Sohn Hunter wegen dessen Drogenproblemen und seiner vermeintlichen Korruption anzugreifen, während er selbst bewusst vermied, die Diskussion auf die private Ebene entgleiten zu lassen. „Ja, mein Sohn hatte wie viele Menschen ein Drogenproblem“, erwiderte Biden bissig. „Aber er hat daran gearbeitet. Und ich bin stolz auf ihn.“

Es war ein Schlüsselmoment in einer Präsidentschaftsdebatte, die amerikanische Kommentatoren wechselweise als „chaotisch“ und „beschämend“ bezeichneten. Donald Trump kam mit der klaren Absicht auf die Bühne, ohne jegliche Achtung für ein Mindestmaß an zivile Umgangsformen seinen Gegner einzuschüchtern und niederzubrüllen. Biden musste zwar schnell seine Versuche aufgeben, eine substanzielle politische Diskussion über die Zukunft des Landes zu führen. Doch er schaffte es irgendwie, über den Dingen zu stehen und seine Würde zu behalten.

Donald Trumps exzessive Aggression, die selbst konservative Kommentatoren als überzogen bezeichneten, kam indes nicht überraschend. Trump liegt nunmehr seit Monaten in den Umfragen konstant zwischen sieben und zehn Prozentpunkten hinter Biden zurück. Und auch wenn er immer wieder versichert, dass die Umfragewerte ihn nicht interessieren, macht sich in seiner Kampagne zunehmend eine Panikstimmung breit. Jüngstes Anzeichen dafür war der Austausch seines Wahlkampfmanagers.

Hinzu kam am vergangenen Wochenende die Veröffentlichung von Auszügen aus Trumps Steuerunterlagen durch die New York Times. Aus der Recherche ging hervor, dass Trump in den vergangenen zwei Jahren jeweils nicht mehr als 750 Dollar Einkommenssteuer gezahlt hat und dass die große Mehrheit seiner Unternehmen massive Verluste einfahren. Am schädigendsten für Trumps Image als erfolgreicher Unternehmer war jedoch die Information, dass er mehr als 400 Millionen Dollar an persönlichen Schulden hat und somit im Falle einer zweiten Amtszeit ein nationales Sicherheitsrisiko darstellt.

Auch dieses Thema wurde bei der Debatte angesprochen. Trump tat die Recherche der New York Times schlicht als Fake News ab und schob seine Steuertricksereien auf die Steuergesetze der Obama/Biden Regierung. Als der Austausch in ein lautes Übereinanderreden der beiden Kontrahenten entglitt, sah der überforderte Moderator Wallace sich dazu gezwungen, das Thema zu wechseln.

So oder so ähnlich verliefen die Diskussionen bei jedem der sechs von Walace ausgesuchten Themengebiete. Trump, so der Kommentar der New York Times, schrie seinen Twitter-Feed in die Kameras. Etwa beim Thema Klimawandel. Während Biden versuchte, seinen Plan für einen ökologischen Umbau der amerikanischen Wirtschaft zu erläutern, faselte Trump von schlechtem „Waldmanagement“. Der Frage, ob er an Klimawandel glaube, wich er aus.

Seine Reaktion auf die Coronakrise verteidigte Trump zum wiederholten Mal damit, dass er mit dem Einreiseverbot aus China Millionen weiterer Tote verhindert hätte. Ohne jede Grundlage behauptete er, dass unter Biden wesentlich mehr Menschen gestorben seien. Auf Bidens Behauptung, man könne die Wirtschaft nicht wiedereröffnen, bevor das Virus nicht unter Kontrolle sei, erwiderte er, eindeutig zu seinen Anhängern sprechend, dass Biden und „seine sozialistischen Freunde“ das Land ruinieren wollten.

Wirklich beängstigend wurde Trump dann gegen Ende des Spektakels. Zunächst weigerte er sich, sich von der militant-rassistischen Gruppe „Proud Boys“ eindeutig zu distanzieren. Dann machte er zum wiederholten Mal klar, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit den Walausgang nicht anerkennen werde. „Das wird der größte Wahlbetrug aller Zeiten“, behauptete er im Hinblick auf die große Anzahl an Briefwählern. „Und ich werde nicht dafür stehen.“

Einen echten Gewinner sah in dieser Debatte im Grunde niemand. So sagte Dana Bash, Kommentatorin bei CNN, dass „dies keinem Amerikaner bei einer Entscheidung weitergeholfen hat“. Der Tenor in den USA war allerdings, dass das Theater Trump mehr geschadet hat als Biden. Der ehemalige Wahlkampfberater Obamas David Axelrod, glaubte, der Abend sei „das Ende von Trump“, gewesen und sogar der republikanische Beobachter Rick Santroum meinte, Trump sei „über das Ziel hinausgeschossen“.

Einen klaren Verlierer gab es jedoch: Die USA. „Die ganze Welt lacht über uns“, meinte CNN Moderator Jack Tapper. Und sein Kollege Van Jones fügte an, er fühle sich „angewidert, traurig und zornig“. Es war nicht schwer, diese Gefühlslage nachzuvollziehen.