Der Ton macht die Musik. Unter diesem Motto zeigte sich Ungarns Regierungschef Viktor Orban gegenüber seiner einstigen Lieblingsgegnerin Angela Merkel nun von seiner fast charmanten Seite. „Nach den Gesetzen der Ritterlichkeit ziehen wir den Hut von Weitem vor hart arbeitenden und erfolgreichen Damen“, verbeugte sich Orban rhetorisch vor der Kanzlerin.

Der 56-Jährige schien am Montag ím westungarischen Sopron fest entschlossen, den Festakt zum 30. Jahrestag der ersten Massenflucht von DDR-Bürgern mit einem Aufbruchsignal in den getrübten ungarisch-deutschen Beziehungen zu verbinden. Die harte Haltung Orbans in der Migrationsfrage, sein Bestehen auf nationalen Interessen, sein Eintreten für die illiberale Demokratie hatten Berlin und Budapest entfremdet.

Nun sprach Orban gleich mehrfach von seiner und der Wertschätzung Ungarns für die Kanzlerin, gerade in ihren europapolitischen Bemühungen. Deutschland und Ungarn verbinde ein „besonderes Verhältnis“, so Orban, der die Willkommenspolitik Merkels („Wir schaffen das“) während des Höhepunkts des Flüchtlingsandrangs scharf missbilligt hatte.

Paneuropäisches Picknick wurde zur Massenflucht aus der DDR 

Merkel verzichtete in ihrer Ansprache in der Evangelischen Kirche von Sopron darauf, auf die Konfrontation in der jüngeren Vergangenheit einzugehen. 

Lieber dankte sie den mutigen Ungarn von damals, die die DDR-Bürger bei der Flucht anlässlich des Paneuropäischen Picknicks nahe der ungarisch-österreichischen Grenze unterstützt hatten. „Aus dem Picknick wurde die größte Massenflucht aus der DDR seit dem Bau der Mauer 1961. Aus dem Picknick wurde ein Weltereignis.“

Mehr als 600 DDR-Bürgern war am 19. August 1989 die Flucht über die kurzzeitig geöffnete Grenze gelungen. Eigentlich hatten die Grenzer aus Ungarn und Österreich damals nur mit ein paar Landsleuten gerechnet, die an dem Picknick teilnehmen sollten.

Doch es kam anders. Über die Wiesen und die Straße rennend, stürmten plötzlich Hunderte von DDR-Bürgern auf den Spalt im Tor zu. Die fünf ungarischen Grenzwächter, jeder mit zehn Schuss Munition in der Pistole, verzichteten auf Gegenwehr. 

Sobald sie auf österreichischem Boden waren, fielen sich die Männer und Frauen, Väter, Mütter und Kinder in die Arme. „Sie riefen immer wieder: Freiheit, Freiheit“, erinnerte sich Johann Göltl, damals Chefinspektor des österreichischen Zolls, der den Zaun öffnete. Diese Massenflucht von Ost nach West beschleunigte den Zusammenbruch der DDR. Der dramatische Sonnabendnachmittag vor 30 Jahren trugt zum Fall der Mauer nur zwölf Wochen später bei.

Am Montag mahnte die Kanzlerin die Verteidigung europäischer Werte an. „Sopron ist ein Beispiel dafür, wie viel wir Europäer erreichen können, wenn wir für unsere unteilbaren Werte mutig einstehen“, sagte Merkel. Zentrale politische Fähigkeit sei der Wille zum Kompromiss. „Wir sollten uns stets bewusst sein, dass nationales Wohl immer auch vom europäischen Gemeinwohl abhängt.“

Ungarn gehört zu den EU-Ländern, die gerade in der Migrationsfrage ihre nationalen Interessen bisher unnachgiebig verteidigen. „Es verlangt auch manchmal, über den eigenen Schatten zu springen, um gemeinsam der Verantwortung für Europa und auch für die Welt gerecht zu werden“, mahnte Merkel.

Feier zum Abbau eines Grenzzauns ausgerechnet mit Ungarns Regierungsche Viktor Orban? 

Orban zeigte sich auch in dieser Hinsicht diplomatisch. Die Einheit Europas solle nie als „vollendet“ betrachtet werden, betonte er. Vielmehr müsse sie „von Konflikt zu Konflikt“ stets neu erschaffen werden, sagte der rechtsnationale Regierungschef mit Blick auf die Abkühlung des Verhältnisses zu Berlin.

Ein Grund für die neue ungarische Mäßigung scheint Ursula von der Leyen zu sein. Die künftige EU-Kommissionspräsidentin habe bei einem Gespräch auf ihn großen Eindruck gemacht, sagte Orban. Logisch, dass er nun hofft, dass sich die Beziehungen seiner Regierung zur EU-Kommission verbessern. Ein Neustart könne gelingen. „Es existiert ein neues Gleis statt alter Strukturen. Das ist auf jeden Fall ermutigend“, sagte Orban.

Eine Feier zum Abbau eines Grenzzauns vor 30 Jahren mit einem Politiker, der für den Bau neuer Grenzzäune in Europa wie kein anderer stehe – wie vertrage sich das?, wurde auf der Pressekonferenz gefragt. Orban war um eine Antwort wenig verlegen: Der Abbau des Grenzzauns vor 30 Jahren habe auf die „Freiheit“ der Bürger des damaligen Ostblocks abgezielt. Der Bau des neuen Zauns an den Grenzen zu Serbien und Kroatien 2015 diene der „Freiheit und Sicherheit“ der Europäer, betonte Orban.

Er rechne mit neuem Migrationsdruck. „Wir haben jetzt an den südlichen Grenzen Mauern gebaut, damit jene Deutschen, für die wir vor 30 Jahren Mauern abgebaut haben, heute in Sicherheit leben können. Diese beiden Dinge hängen zusammen. Wir sind die Burghüter der Deutschen.“ (dpa)