Dresden - Einigen sächsischen Jägern und dem Bautzener Landrat reicht es. „150 getötete oder verletzte Nutztiere sind wohl Problem genug“, ärgern sie sich. „Müssen erst weitere oder sogar Menschen dazu kommen?“, fragt die Jägerschaft.

Es gibt mal wieder Streit um den Wolf. Vor rund 20 Jahren tauchten in Ostsachsen erstmals wieder Wölfe auf, mittlerweile gibt es zehn Rudel, verteilt über weite Flächen des Landes. Um das Dorf Rosenthal bei Bautzen streift seit Jahren ein Rudel, das nun als problematisch gilt. Landrat Michael Harig, der selber Schafe hält, würde es am liebsten abschießen lassen.

Die Tiere haben nämlich gelernt, über 90 Zentimeter hohe Elektrozäune zu springen. Seit 2013 soll das Rudel 47 Mal eingezäunte Schafherden angegriffen haben, allein 2016 schlug es vermutlich zehn Mal zu. In einigen Fällen überwand es angeblich sogar 1,40 Meter hohe Koppelzäune. Nun hat der Landrat die „Entnahme“ des Rudels im Dresdner Umweltministerium beantragt, was nichts anderes als den Abschuss bedeuten würde. „Es ist mittlerweile unerträglich, wie falsch verstandener Artenschutz zulasten der ländlichen Nutztierhalter in Sachsen betrieben wird“, schimpft Harig. „Die Wölfe des Rosenthaler Rudels verhalten sich abnormal.“

Grüne in Sachsen reden von „Panikmache“

Das Ministerium hat seinem Wunsch aber nicht zugestimmt. Kein Abschießen. Wölfe sind streng geschützt. Es hat stattdessen vorgeschlagen, den Schutz der Schafe durch Hunde oder Flatterbänder an den Zäunen weiter zu erhöhen. Sachsen unterstützt die Wiederansiedlung des Wolfes und fördert Schafhalter, die sich gegen den neuen Nachbarn schützen müssen, bei der Anschaffung von mobilen Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es Wolfs-Ärger. Dort sollen am 21. Oktober angeblich zwei Wölfe erstmals eine Herde mit 70 jungen Kühen in der Nähe des ehemaligen Truppenübungsplatzes Lübtheener Heide angegriffen haben. Ein 400 Kilo schweres Tier verendete später an seinen schweren Bauchverletzungen.

Wenn es mit der Ausbreitung der Wölfe weitergehe wie bisher, meinte danach der nordostdeutsche Bauernverbandspräsident Detlev Kurreck, dann müsse man überlegen, ob offene Weidehaltung überhaupt noch funktioniere. „Es ist immer leicht gesagt, dass wir mit den Wölfen leben müssen“, sagt er. „Der Wolf ist nicht zufällig ausgestorben. Unsere Vorfahren haben sich auch was dabei gedacht.“ Es sei nun an der Zeit, eine „sachliche Debatte“ zu führen.

Umweltschützer halten Forderungen, Wölfe abzuschießen, für blanken Unfug. In der Regel fallen die scheuen Tiere überhaupt nicht auf, die wenigsten Menschen haben jemals eine Wolf in freier Wildbahn gesehen. Die Grünen in Sachsen reden von „Panikmache“, keinem Menschen sei bislang etwas passiert. „Es entsteht der Eindruck Sachsen habe ein Wolfsproblem, was Unsinn ist. Sprichwörtlich erzählen hier einige Jäger und Abgeordnete das Märchen vom bösen Wolf“, ärgert sich Grünen-Landeschef Jürgen Kasek.

Wölfe sind überwiegend nachtaktiv

Eigentlich war der Räuber auch nur noch Märchen und Legende. 1904 war der letzte Wolf Deutschlands, der "Tiger von Sabrodt",  bei Hoyerswerda in Sachsen geschossen worden. Dann dauerte es fast 100 Jahre, aber sie kamen wieder: Einzelgänger aus Polen, die sich zunächst in den Tagebauen und auf Truppenübungsplätzen in Ostdeutschland niederließen, wo sie unbemerkt und unbehelligt leben und jagen konnten.

Seit 2000 ist der Wolf endgültig zurück. Aus Einzelgängern wurden Familien und ganze Rudel, die sich von Sachsen und Brandenburg weiter Richtung Norden und Nordwesten ausbreiteten und es heute bis an die holländische Grenze geschafft haben. 46 Wolfsrudel sind es in ganz Deutschland, außerdem 15 Pärchen und vier Einzelgänger. Wieviel Tiere es insgesamt und wie groß die Rudel sind, kann keiner genau sagen.

Aus seinem Kernland Sachsen wandert der Wolf nun weiter durch Deutschland. „Wir haben es mit einer deutlichen Steigerung zu tun", beurteilt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die Wolfs-Lage. Rein rechnerisch hätten sogar maximal 440 Rudel Platz. Ganz Deutschland sei potenziell Wolfserwartungsland. Dem Menschen drohe deshalb keine Gefar, so die sächsische Wolfsforscherin Ilka Reinhardt. Sie beobachtet die Tiere seit Jahren. Einige sind mit Sendern markiert, über die sich ihre Laufwege verfolgen lassen. Sie bevorzugten Wälder, seien überwiegend nachtaktiv, mieden die Dörfer, so ihr Fazit.

Aber einigen passen die scheuen Heimkehrer gar nicht. Von 147 toten Wölfen, die bis heute in Deutschland gefunden wurden, waren nur 14 eines natürlichen Todes gestorben. Die meisten wurden vom Auto überfahren. Etwa 20 allerdings illegal abgeschossen. Experten glauben, dass es noch viel mehr sind. In Brandenburg war kürzlich sogar ein toter Wolf mit abgetrenntem Kopf gefunden worden.

Bislang konnten nur drei Schützen ermittelt werden. Alle drei Jäger. (red)