Berlin - Die Deutschen essen weniger Fleisch. Mit 59,5 Kilogramm pro Person verzehrten die Deutschen 2019 sechs Kilogramm weniger als noch sieben Jahre zuvor. Dennoch liegt der Konsum weiterhin auf einem hohen Niveau. Weltweit steigt der Fleischkonsum allerdings stetig. „Der globale Trend ist alarmierend“, sagte Michael Alvarez, Sprecher der Heinrich-Böll-Stiftung am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen „Fleischatlas“ in Berlin. Es ist der fünfte Atlas seiner Art. Er enthält Daten und Fakten zum weitweiten Fleischkonsum sowie zu den Produktionsbedingungen.

Demnach hat sich der Fleischkonsum in den vergangenen 20 Jahren weltweit verdoppelt. Und die Prognosen stehen Alvarez zufolge nicht gut: Wenn nicht gegengesteuert werde, werde der Konsum auf 360 Millionen Tonnen anwachsen. Insbesondere in den Schwellenländern wachse der Bedarf an Fleisch. Höhere Einkommen und günstige Preise erhöhen die Nachfrage. Das meiste Fleisch konsumieren US-Amerikaner und Australier. Auf deren Teller landen jährlich 100 Kilogramm. Die asiatischen Länder nähern sich mit rund 50 Kilogramm dem europäischen Konsum an. Mit einem Durchschnittswert von 17 Kilogramm pro Jahr essen die Afrikaner am wenigsten Fleisch.

Junge Generation isst weniger Fleisch 

In Deutschland gibt es beim Fleischkonsum signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen und Geschlechtern. So verzehren Männer weitaus mehr Fleisch als Frauen und es gibt weitaus mehr Vegetarierinnen und Veganerinnen als Vegetarier und Veganer. In der jungen Bevölkerungsgruppe sind 70 Prozent davon weiblich. Die nachwachsende Generation ist auch der Lichtblick der Autoren: Eine für den „Fleischatlas“ erstellte Jugendstudie hat ergeben, dass knapp 13 Prozent der 16- bis 29-Jährigen schon heute vegetarisch leben oder gänzlich auf tierische Produkte verzichten. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil lediglich bei sechs Prozent. Außerdem lehnen die jungen Menschen mehrheitlich – 64 Prozent der Fleischesser und 96 Prozent der Veganer – die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie ab.

Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung prangert insbesondere die verwendeten Pestizide und den Flächenverbrauch an, den die Futtermittelindustrie beansprucht. So werden 60 Prozent Mais nicht für den menschlichen Verzehr produziert, von der gesamten Soja-Produktion landen weltweit 90 Prozent in den Futtertrögen. Pestizide, die in Deutschland verboten sind, werden Unmüßig zufolge weiterhin exportiert. „Wir fordern, dass Deutschland alles dafür tun muss, um diese Pestizide nicht mehr zu exportieren.“

Kritisch sehen die Autoren des „Fleischatlas“ auch den Einsatz von Antibiotika. Diese fördern unter anderem Resistenzen beim Menschen. Dem Atlas zufolge werden in Deutschland durchschnittlich 89 Milligramm Antibiotika pro Kilo Fleisch verbraucht. In Dänemark sind es nur 39, in Großbritannien nur 33. Die meisten Antibiotika werden in Spanien (230 mg) und Italien (274 mg) eingesetzt.

Als eine Folge des wachsenden Fleischkonsums prophezeit der Atlas weitere Infektionskrankheiten. So seien  beispielsweise Covid-19 oder das Ebolafieber dadurch entstanden, dass Menschen Wildtiere verzehrt haben. „Das Modell Billigfleisch ist eben nicht das größte Glück, wie uns angepriesen wird. Die Fleischindustrie funktioniert heute durch Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur. Das ist kein Glück, sondern gefährdet unsere Gesundheit und unsere Lebensgrundlagen“, kommentierte Renate Künast, Grünen- Sprecherin für Ernährungs- und Tierpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion.

Umsatz von Fleischersatzprodukten hat sich verdoppelt

Im Jahr 2019 sind in Deutschland 55 Millionen Schweine, 653 Millionen Hühner und über drei Millionen Rinder geschlachtet worden. Olaf Bandt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert „gestaltende Politik“, beispielsweise ein Lieferkettengesetz, verpflichtende Kennzeichnung der Fleischprodukte im Supermarkt, höhere Preise sowie eine Imagekampagne, um den Fleischkonsum zurückzufahren, Umweltschäden abzuwenden und Bauernprotesten adäquat zu begegnen. Außerdem empfiehlt er dem Einzelnen auf Fleischersatzprodukte umzusteigen.

Solche Schnitzel und Burgerbratlinge aus Soja oder Proteinen werden in Deutschland immer beliebter. So wurden 2019 bereits 273 Millionen Euro Umsatz mit 26.600 Tonnen Fleischersatzprodukten gemacht. Damit hat sich der Konsum innerhalb von sechs Jahren verdoppelt. Auffallend ist, dass sich der Anteil konventionell hergestellter Ersatzprodukte verfünffacht hat, während der Anteil aus Bio-Produktion nur marginal gestiegen ist. Doch der Unterschied zum Umsatz mit herkömmlichem Fleisch bleibt massiv. Damit wurden 2019 40,1 Milliarden Euro umgesetzt.