Rom - Es ist ungewöhnlich ruhig an diesem Vormittag in der Seenot-Rettungszentrale in Rom. Grund dafür könnte ein dunkelvioletter Fleck auf der aktuellen Seewetterkarte sein, die ein überdimensionaler Wandbildschirm anzeigt. Das Mittelmeer leuchtet darauf fast überall in hellem Türkis, nur in Richtung nordafrikanische Küste wird es düster.

Das Violett signalisiert Wellen, die sich bis zu drei Meter hoch auftürmen und es liegt genau vor Libyen. Vermutlich tobt die Brandung an den Stränden nahe Zuwara und Tripolis, wo die Schlauchboote ablegen, in die Menschenhändler gewöhnlich Männer, Frauen und Kinder aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Asien zwängen.

Vielleicht ist das Meer zu aufgewühlt, als dass die wackeligen Gummiboote aus chinesischer Billigproduktion ablegen könnten. Das würde erklären, warum tausend Kilometer entfernt, in dem nüchternen, neonbeleuchteten Raum mit Glaswänden und Monitoren im römischen Stadtteil EUR ausnahmsweise die Telefone stumm bleiben.

Dutzende Anrufe, 53 Schlauchboote an einem Tag

Hier, im Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) der italienischen Küstenwache gehen normalerweise die Notrufe ein, wenn die überfüllten Boote nach etlichen Stunden auf dem offenen Meer mit Wasser volllaufen und zu sinken beginnen. Dann haben die Küstenwache-Offiziere die verzweifelten Stimmen und Hilferufe von Menschen in Todesangst in der Leitung.

Dutzende solcher Anrufe gehen an manchen Tagen ein, erzählt Filippo Marini, Sprecher des Generalkommandos. Die Schlepper geben den Schlauchbooten Satellitentelefone mit und die Nummer des MRCC. „Sie wissen, dass wir die Pflicht haben zu helfen“, sagt Marini.

Vom rund um die Uhr besetzten Kontrollraum aus leitet die Küstenwache sämtliche Rettungseinsätze zwischen Italien und Nordafrika, in einem Meeresgebiet von 1,1 Millionen Quadratkilometern. Der bisherige Rekord wurde vergangenes Jahr an einem Augusttag erreicht. Um 53 Schlauchboote gleichzeitig musste sich das römische Koordinierungszentrum damals kümmern.

180.000 Bootsflüchtlinge sind 2016 auf der zentralen Mittelmeerroute gerettet und nach Italien gebracht worden, 60.000 waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. Es werden noch sehr viel mehr werden, glaubt Konteradmiral Vincenzo Melone, Generalkommandant und oberster Befehlshaber der Küstenwache. „Es geht es um Millionen Menschen aus weiten Teilen Afrikas“, sagt er.

Die meisten Migranten kommen aus Ländern wie Nigeria, Eritrea, Mali, Guinea, Senegal. Gerade in letzter Zeit sind aber auch sehr viele Pakistaner und Bangladescher darunter, die über Libyen nach Europa wollen. Die Flüchtlingsrettung nimmt Italiens Küstenwache jedenfalls immer stärker in Beschlag. Dabei muss sie eigentlich vor allem Häfen, Schiffsverkehr und Fischfang kontrollieren.

„Die enorme Anstrengung zehrt an uns“, sagt Melone, „wir stehen in vorderster Linie“. Libyen und Tunesien haben sich im Gegensatz zu vielen anderen Staaten weltweit nie für die Seenot-Rettung auch jenseits ihrer zwölf Meilen breiten Hoheitsgewässer zuständig erklärt. Damit sind Melones Leute gezwungen, bis kurz vor der nordafrikanischen Küste zu operieren.

Er sei stolz, dass Italien so viel für die Rettung der Flüchtlinge tue, betont der Kommandant. Aber dem größten Teil Europas sei immer noch nicht bewusst, dass es sich um ein Phänomen von epochaler Dimension und Tragik handele, um einen historischen Exodus. „Die Welt weiß nicht, wie ernst die Lage ist“, sagt Melone.

Dass die Küstenwache an diesem Tag ausländische Journalisten eingeladen hat, soll dazu beitragen, dass sich das ändert. Von seiner Seite aus sei es ein „Schmerzensschrei“, sagt der 64-Jährige, erstaunlich emotional für einen hochrangigen Militärvertreter. Er erinnert an die vielen tragischen Schicksale, die hinter Begriffen wie Flüchtlingsstrom und Exodus stehen. Viele seiner 11.000 Untergebenen erleben sie tagtäglich hautnah.

Videos der Küstenwache von Rettungseinsätzen zeigen erschütternde Bilder. Die Hand eines Ertrinkenden etwa, die wie zum verzweifelten letzten Gruß aus den Wellen ragt. Ein Retter bekommt sie im letzten Moment zu packen. Sie zeigen Panik, weinende Männer, völlig erschöpfte Schwangere und Kleinkinder.

Mehr als 1500 Migranten im Mittelmeer gestorben

Was sie nicht zeigen, sind die aufgeschwemmten Toten, die Helfer fast täglich bergen müssen oder die Verletzten, deren Haut vom ausgelaufenen Treibstoff der Boote verätzt ist. Seit Beginn dieses Jahres sind laut IOM schon mehr als 1500 Migranten im Mittelmeer gestorben, beim Versuch, die Festung Europa zu erreichen.

Sobald ein Notruf in der Rettungszentrale in Rom eingeht, zählt jede Sekunde. Die Offiziere müssen so viele Informationen wie möglich vom Anrufer erfragen. Aber auf den Schlauchbooten haben sie es mit verängstigten Menschen zu tun, die von Seefahrt keine Ahnung haben und ein Kauderwelsch aus Englisch, Arabisch oder afrikanischen Dialekten sprechen.

Der Kontrollraum arbeitet mit Übersetzern in 27 verschiedenen Sprachen zusammen. Kennt der Anrufer die Koordinaten des Bootes nicht, wird der Satellitentelefon-Betreiber Thuraya in den Vereinten Arabischen Emiraten eingeschaltet. Er kann anhand der Verbindungsdaten dessen Längen- und Breitengrad ermitteln.

Kritiker sprechen von „Pull-Faktor“

Die Rettungszentrale in Rom gibt die Daten dann an Flugzeuge und Hubschrauber von Küstenwache und Militär weiter sowie an Schiffe, die in der Nähe sind. Ein zweiter Großbildschirm im Kontrollraum zeigt die Position der vielen Tausend Schiffe in Echtzeit als leuchtende Punkte im Mittelmeer an - Containerschiffe und Öltanker, Fregatten der EU-Grenzschutzagentur Frontex und des europäischen Sophia-Einsatzes, Patrouillenboote der Küstenwache und private Rettungsschiffe von Ärzte ohne Grenzen, Sea Watch, SOS Mediterranee und anderen Hilfsorganisationen.

Die Offiziere in Rom können anhand des automatischen Identifikationssystems AIS Nationalität, Größe, Geschwindigkeit, Ladung und Kurs jedes einzelnen abrufen. Sie entscheiden, wer zur Rettung geschickt wird, wer die Flüchtlinge an Bord nimmt, wer sie ans Festland bringt. Verweigern darf sich keiner, auch Öltanker nicht, das gebietet das internationale Seerecht. Dass Rom Regie führt, soll Doppeleinsätze und lange Wege vermeiden und die Rettung so effizient wie möglich gestalten.

Doch je besser sie funktioniert, desto höher ist der Anreiz für Migranten, die Überfahrt zu wagen und desto stärker beflügelt es das Geschäftsmodell der kriminellen Schlepper, argumentieren Kritiker und sprechen vom „Pull-Faktor“, einige gar von einem Taxi-Dienst zwischen Libyen und Italien, den Hilfsorganisationen anböten, die angeblich mit Schleppern zusammenarbeiteten.

Retter von Menschenhändlern einkalkuliert

Natürlich kalkulieren die Menschenhändler fest ein, dass Retter zu Hilfe eilen, wenn sie Flüchtlinge auf seeuntüchtige Schlauchboote zwängen. Das wissen auch die Leute der Küstenwache. Aber dass sie niemanden ertrinken lassen dürfen, versteht sich von selbst.

Konteradmiral Melone denkt lieber über Lösungen nach. „Dieser enorme Strom muss gelenkt werden. Und dazu braucht es viele Kräfte und eine langfristige Vision“, sagt er. Stoppen könne man die Menschen nicht, solange sich in ihren Heimatländern nichts ändert. „Wenn die Leute nicht so verzweifelt wären, würden sie ihr Zuhause nicht aufgeben“. Deshalb müsse man in Afrika und anderswo investieren, Arbeit und Zukunft schaffen.

Kurzfristig ändern kann jedoch nur eine Resolution der Vereinten Nationen etwas, glaubt der Küstenwache-Kommandant. „Es müssen humanitäre Korridore nach Europa eingerichtet werden“, sagt er. Dann könnten die Flüchtlinge schon in Nordafrika Asylanträge stellen, ohne erst Kriminellen Tausende Dollar zahlen und ihr Leben in Schlauchbooten riskieren zu müssen. Und dann blieben in der römischen Seenot-Rettungszentrale die Telefone auch häufiger stumm.