Münster-Sarmsheim - Nur einen Finger breit , dicker ist sein Roman nicht, der ihn hergeführt hat nach zwei Jahren Flucht. „Der Rand der Illusion“, heißt das Buch. Es erzählt auf Arabisch, wie Syrien zerfällt, wie sich ein Land auflöst, zerrieben wird zwischen Assads Diktatur und den Propagandisten eines Kalifatstaats. Als Yahya Ahmad das Werk schrieb, war es eine düstere Prophezeiung. Mit der Zeit wurde sie wahr. Er könne nicht zurück nach Syrien, warnte sein Bruder ihn neulich am Telefon: Sein Buch habe für Wirbel gesorgt. Wenn die eine Seite ihn erwischte, würde er im Gefängnis landen, wenn die andere Seite ihn in die Finger bekäme, würde ihm der Kopf abgehackt.

„Nun ja“, sagt Yahya Ahmad, 47 Jahre alt, Kinderarzt aus Latakia in Syrien. Er will sich nicht beklagen. Der Kopf ist noch dran, seine Frau und die Kinder sind im Libanon vorläufig in Sicherheit. Also beginnt er eben ein neues Leben in Münster-Sarmsheim, 3749 Kilometer von Latakia entfernt, bei Bingen in Rheinland-Pfalz.

Ahmad ist ein gut gelaunter Mann, der das Leben nimmt, wie es kommt, und das Beste daraus macht. „Ein schöner Ort“, sagt er über Münster-Sarmsheim. „Die Leute sind freundlich, was will ich mehr.“ Früher arbeitete er in einem Krankenhaus, auch seine libanesische Frau ist Ärztin. Die Ahmads und ihre drei Kinder hatten ein gutes Leben: Familie, Freunde, ein geregeltes Einkommen, Haus und Mercedes. Jetzt wohnt er in einem kleinen Einzimmerappartement, seine Familie wartet im Libanon.

Morgens treibt er eine Stunde lang Sport, geht laufen oder radelt durch die Weinberge. Dann studiert er. Er sitzt den ganzen Tag in seinem Zimmer. Er lernt Deutsch wie ein Besessener, er hört Radionachrichten, er liest, schlägt im Wörterbuch nach, ackert Grammatik, frisst sich nebenbei durch die deutsche Geschichte. „Das mache ich gerne“, sagt er. „Interessant.“

Er ist der erste Flüchtling in der Gemeinde. 6000 Euro kostete ihn die Reise über Syrien, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich und am Ende Saarbrücken. Er kam Ende Januar, danach ein weiterer Syrer, ein Ingenieur, sowie zwei junge Kurden.

Die Welle der Hilfsbereitschaft

Münster-Sarmsheim und seine Flüchtlinge, das ist eine außergewöhnliche Geschichte. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Siegfried Pick. Er ist Pfarrer in Bad Kreuznach, kümmert sich für die Kirche seit fast dreißig Jahren um Ausländer und berät die Landesregierung in Mainz. Die meisten Flüchtlinge seien eine Chance für Rheinland-Pfalz, sagt er. Denn auf den Dörfern fehlten zunehmend die jungen Leute. „Und es kommen ja keine Dummköpfe zu uns.“ Er hat schon alles gesehen und erlebt. Aber was im Moment im Landkreis passiert, sei neu: „Eine Welle der Hilfsbereitschaft, fast ein Tsunami. Das ist wirklich unglaublich.“

Münster-Sarmsheim war bei der Zuweisung von Flüchtlingen vergessen oder übersehen worden. Der Ort war dafür nicht vorgesehen, warum auch immer. Als einige Bürgern das merkten, taten sie sich zusammen, um die Sache zu ändern: Sie wollten Flüchtlinge aufnehmen.

Während also anderswo in Deutschland Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsunterkünfte aus dem Boden schießen; während seit Herbst 2014 in Dresden verängstigte Wutbürger jeden Montag Stimmung machen gegen Fremde und Flüchtlinge; während Landräte und Bürgermeister mancherorts nicht wissen, wo sie Flüchtlinge noch unterbringen sollen; während in Sachsen-Anhalt und Bayern Asylheime angezündet werden, um zu verhindern, dass Menschen einziehen – während all das in Deutschland geschieht, geht ein kleines Dorf an der Nahe einen anderen Weg. Und zwar, weil es seine Bürger so wollten. Keine Angst, kein Geschrei, keine Hetze. „Willkommen in Mü-Sa“, nennt sich das Vorhaben. Mü-Sa steht für Münster-Sarmsheim.

Es fing an im Wohnzimmer von Roland Beek. „Ich konnte die Nachrichten im Fernsehen nicht mehr ertragen“, sagt Beek. Er ist Umweltingenieur, arbeitet in Ingelheim. Seit zehn Jahren lebt er in Münster-Sarmsheim mit seiner Familie. Eigentlich kommt er aus Duisburg, ein Zugezogener, wie man sagt. Die Nachrichten waren voll von Bootsflüchtlingen aus Afrika, die im Mittelmeer ertrunken waren oder es gerade so schafften, sich nach Lampedusa zu retten. „Immer diese Bilder, diese Menschen. Und die Toten“, sagt Beek (50). Ende November fragte er nicht nur sich, sondern auch andere, warum kein Flüchtling bei ihnen sei. Damit begann alles.

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie selbstbestimmt und anpackend die Menschen aus Münster-Sarmsheim mit der Frage nach Flüchtlingen im Ort umgegangen sind.