Flüchtlinge in Heidenau, Sachsen, 2015.
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BerlinAuf den ersten Blick wirkt es wie typisches Ost-Bashing: Da wird eine Studie angefertigt, bei der es darum geht, inwieweit die Aufnahme von Asylbewerbern während der Flüchtlingskrise ausländerfeindliche Stimmungen im Ort verändert hat – und befragt werden nur ostdeutsche Dörfer und Kleinstädte. Klingt nach einem Framing, wie man neudeutsch sagt, also nach einer Kommunikationsstrategie, bei der es darum gehen soll, zu zeigen, wie rechtsradikal die Ostdeutschen sind.

Doch wenn man sich die Studie genauer anschaut, dann sind die Ergebnisse differenzierter. Das wichtigste Ergebnis der Studie lautet, dass die Erfahrung vor Ort, ob Flüchtlinge aufgenommen worden sind oder nicht, offenbar gar keinen großen Einfluss darauf hat, ob ausländerfeindliche Einstellungen stärker oder schwächer werden. Anders gesagt: Die Anwesenheit von Ausländern hat wenig Einfluss auf die Ausländerfeindlichkeit.

Der Soziologe Max Schaub vom Wissenschaftszentrum gehört zu dem Forscherteam aus Mannheim, Berlin und New York, das 236 Ortschaften, in denen Asylbewerber untergebracht waren, mit solchen verglich, in denen in den Jahren 2015 und 2016 keine Asylbewerber kamen. „Es ging uns nicht um Ost-Bashing, sondern wir wollten Gemeinden untersuchen, in denen vor 2015 kaum oder gar keine Ausländer lebten. In Westdeutschland sind solche Gegenden sehr selten, global zum Beispiel in Osteuropa oder dem Mittleren Westen der USA aber nicht“, betont der Soziologe Max Schaub. 

Aus den Ergebnissen lassen sich auch keine Schlussfolgerungen für ganz Ostdeutschland ziehen, es geht nur um den ländlichen Raum. Die Orte, in denen Bewohner befragt worden, waren alle klein, hatten im Schnitt rund dreitausend Einwohner. Zwischen 2015 und 2017 mussten viele kleine Orte, die bisher keine Erfahrung mit Migranten hatten, oft quasi über Nacht Platz für Asylbewerber aus Syrien und anderen Ländern schaffen. Insgesamt kamen in dem Zeitraum mehr als 3,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland.

Die Vorbehalte gegen Migration scheinen eher etwas mit grundsätzlicher Skepsis gegenüber Einwanderung, besonders muslimischer, zu tun zu haben, stellten die Forscher fest. „Die Ängste und Sorgen scheinen sich eher auf die Situation in der Gesellschaft allgemein als auf die Lage vor Ort zu beziehen“, sagt Schaub. Man könne daraus schließen, dass bestehende Ressentiments gegenüber Migration durch die Anwesenheit von Flüchtlingen nicht verschlimmert werden.

Auch auf das Wahlverhalten hat sich der Zuzug in den 236 untersuchten Ortschaften nicht stark ausgewirkt. Die Forscher stellten lediglich in fünf Gemeinden, in denen im Vergleich zur ursprünglichen Wohnbevölkerung eine relativ hohe Zahl von Flüchtlingen (200-600 Schutzsuchende pro 1000 Einwohner) untergebracht worden war, eine etwas größere Unterstützung für die AfD fest als in Gemeinden, die weniger oder gar keine Flüchtlinge aufgenommen hatten. Die im Herbst 2015 von Frauke Petry und Jörg Meuthen geführte Partei hatte sich 2015 klar gegen Asyl-Zuwanderung positioniert. In ländlichen Regionen von Brandenburg und Sachsen hatte die AfD ihre größte Erfolge erzielen können.

Eine Überraschung bei der Untersuchung war laut Schaub, dass sich die Polarisierung in einigen Orten etwas aufgehoben hat: Bei Menschen mit politisch eher rechten, zuwanderungsfeindlichen Einstellungen wirkte sich die Anwesenheit von Flüchtlingen vor Ort etwas mäßigend aus. Umgekehrt seien Menschen mit eher linken, zuwanderungsfreundlichen Einstellungen nach der Ansiedlung von Flüchtlingen in ihrer Gemeinde in Bezug auf Migration etwas skeptischer geworden. Das seien aber nur leichte Effekte.

Flüchtlinge, die in ländlichen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen angesiedelt wurden, stießen dort insgesamt auf ein „feindseliges Klima“, stellten die Forscher fest, die für ihre Studie 1320 Menschen befragt hatten.

Von den Teilnehmern der Befragung unterstützen 36 Prozent die Aussage, dass „Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen.“ Nach Angaben der Forscher sprachen sich rund 60 Prozent der Bewohner der untersuchten Ortschaften dafür aus, den Zuzug von Menschen, die vor Krieg sowie vor Verfolgung aus politischen oder religiösen Motiven fliehen, zu begrenzen. 77 Prozent der Befragten unterstützen die Forderung, in wichtigen Fragen solle „das Volk“ entscheiden, nicht Politiker. Genauso groß war demnach aber auch der Anteil derjenigen, die insgesamt mit dem demokratischen System zufrieden sind.