Köln - Bereits seit der Längerem stehen die Vorwürfe im Raum, die ukrainische Luftfahrtbehörde hätte bei dem Absturz des malaysischen Passagierflugzeuges MH17 versagt. Durch die Aussage eines renommierten Experten des Stockholmer Instituts für Friedensforschung (Sipri) gewinnen diese Vorwürfe an neuer Brisanz.

Bereits seit Beginn der Ermittlungen wird Russland von einigen westlichen Staaten und der Ukraine mitverantwortlich für das Unglück gemacht.

Das russische Militär lieferte Raketenabwehrsysteme an die prorussischen Separatisten in der Ostukraine. Russland bestreitet aber ebenso wie die Separatisten jede Verantwortung und weist in die Reihen der ukrainischen Armee.

Die Boeing 777 der malaysischen Airline wurde am 17.Juli in rund 10.000 Meter über dem von prorussischen Separatisten kontrolliertem Gebiet in der Ostukraine mutmaßlich abgeschossen. Alle 298 Personen an Bord starben.

Drei Tage zuvor am 14. Juli 2014 war über demselben Gebiet eine Antonow-Militärmaschine der ukrainischen Streitkräfte in 6500 Meter Höhe ebenfalls abgeschossen worden. Es war während des Konfliktes der erste Abschuss eines Flugzeuges in einer solchen Höhe.

Nach Ansicht des Militärexperten Siemon Wezeman vom renommierten Stockholmer Institut für Friedensforschung käme für einen Abschuss in einer derartigen Höhe nur ein schweres Flugraketenabwehrsystem in Frage.

Diese größeren Raketensysteme zur Flugabwehr erreichen nach Experteneinung „normalerweise ohne Probleme Höhen zwischen 10.000 und 13.000 Metern.“

Nun stellt sich die Frage, warum die ukrainische Flugsicherung wenige Stunden nach dem mutmaßlichen Abschusses der Militärmaschine den Luftraum über der Region nur bis auf 9750 Meter sperrte.

Nur wenige Meter bis unterhalb der üblichen Reiseflughöhe von 10.000 bis 15.000 Meter. Für Siemon Weezman eine verwunderliche Entscheidung, für die womöglich 298 Menschen mit ihrem Leben bezahlten.

Für den deutschen Anwalt Elemar Guimella, der Hinterbliebene deutscher Opfer des Absturzes vertritt, gibt es jedoch eine mögliche Erklärung warum die ukrainische Flugsicherung mit dem Leben der Passagiere gespielt und verloren hat.

Die Ukraine verdient täglich bis zu zwei Millionen Euro an Überfluggebühren über ihr Staatsgebiet. Bei einer vollständigen Sperrung eines Luftraumes dieser Größe und bei einem täglichen Aufkommen von bis zu 700 Maschinen drohten dem Staatsaushalt womöglich der Verlust von Millionen-Einnahmen.

Nach Recherchen des WDR, NDR, SZ und dem niederländischen Investigativteam ARGOS wurde in einer unveröffentlichten Ausgabe des niederländischen Zwischenberichtes zur Absturzursache auf die zeitweilige Sperrung des Luftraumes durch die Ukraine nach dem Abschuss der Militärmaschine hingewiesen.

Die offizielle Version enthält diesen Satz jedoch nicht mehr. Das Dutch Safety Board bestätigte die Streichung mit der Begründung, dass man sich nicht sicher sei ob diese Information der vollständig ist.

Wenige Stunden nach dem Absturz der Antonow wurde die Teilsperrung des Luftraumes über dem Absturzgebiet auf 9750 Meter. Das ukrainische Verkehrsministerium wollte sich dazu nicht äußern.

(dpa/ots)