Trümmerteile der ukrainischen Passagiermaschine liegen am Absturzort.
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TeheranNach tagelangen Dementis hat der Iran nun doch eingeräumt, für den Absturz des ukrainischen Passagierflugzeugs mit 176 Opfern verantwortlich zu sein. Das Militär habe die Maschine „unbeabsichtigt“ abgeschossen, es handele sich um einen „menschlichen Fehler“, hieß es am Samstagmorgen in einer Presseerklärung im Staatsfernsehen. Die iranischen Streitkräfte bedauerten den Vorfall. Zuvor hatte der Iran einen Abschuss der Maschine vehement bestritten und erklärt, eine technische Ursache habe zu der Katastrophe geführt. 

Ruhani: Verantwortliche vor Gericht stellen

Irans Präsident Hassan Ruhani äußerte sein Bedauern, versprach eine gründliche Untersuchung und erklärte: „Dieser unverzeihliche Vorfall muss juristisch konsequent verfolgt werden.“ Die Familien der Opfer sollten entschädigt werden. Seinem ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj versprach Ruhani nach Angaben aus Kiew , die Verantwortlichen für den versehentlichen Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs zur Rechenschaft zu ziehen. In einem Telefongespräch mit Selenskyj am Samstag habe Ruhani zugesichert, alle Beteiligten „vor Gericht zu stellen“, erklärte die Regierung in Kiew. Selenskyj hatte zuvor eine Bestrafung der Verantwortlichen und Entschädigungszahlungen vom Iran gefordert.

Das Telefongespräch sei „auf Initiative der iranischen Seite“ zustande gekommen, erklärte Selenskyjs Pressestelle.Ruhani habe darin in vollem Umfang eingeräumt, dass die „Tragödie“ auf Fehler des iranischen Militärs zurückzuführen sei und sich entschuldigt.

Selenskyj habe darum gebeten, die sterblichen Überreste der elf ukrainischen Opfer bis zum 19. Januar in die Ukraine zu bringen. Er habe zudem angekündigt, dass das ukrainische Außenministerium eine diplomatische Note zu der Entschädigungsfrage an Teheran übermitteln werden.

In einer Videobotschaft erklärte Selenskyj noch einmal, warum die ukrainische Regierung zuvor zurückhaltend auf den Verdacht eines Abschusses reagiert habe. „Wir haben systematisch und ohne Hysterie für ein Ziel gearbeitet: die Aufklärung der Wahrheit über die Umstände der Flugzeugkatastrophe.“ Zuvor hatte ihm die Opposition vorgeworfen, sich den von den USA und anderen westlichen Staaten geäußerten Abschussvorwürfen nicht sofort angeschlossen zu haben.

Chamenei äußert Bedauern über Flugzeug-Abschuss

Auch Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei bedauerte den Abschuss. „Das menschliche Versagen in dem Vorfall ist äußerst bedauerlich, und mein tiefstes Mitgefühl gilt den Familien der Opfer“, erklärte er laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA. Von den Streitkräften forderte er eine lückenlose Aufklärung.

Außenminister Mohammed Dschawad Sarif schrieb auf Twitter von einem „traurigen Tag“. Er entschuldigte sich bei den Familien der Opfer und der iranischen Bevölkerung. Weiter schrieb er: „Menschliches Versagen in Krisenzeiten, vom Abenteurertum der USA verursacht, hat zu diesem Desaster geführt.“ Auch Ruhani versuchte, den Abschuss mit den militärische Spannungen mit den USA zu rechtfertigen.

Iranische Bürger reagieren mit Wut und Enttäuschung

Irans Bürger reagieren mit Wut und Enttäuschung auf das Bekenntnis zu versehenlichen Abschuss. In Teheran gab es Proteste gegen die Regierung. Am Samstagabend versammelten sich mehrere hundert Menschen an der Amir-Kabir-Universität im Stadtzentrum, um der 176 Toten zu gedenken, wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Aus dem Gedenken wurde ein wütender Protest: Die Demonstranten bezeichneten die iranische Regierung als „Lügner“ und forderten die Verantwortlichen für den Abschuss und die tagelange Leugnung zum Rücktritt auf.

Wie die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete, wurde die Demonstration von der Polizei aufgelöst. Die Studenten hätten „schädliche“ und „radikale“ Sprechchöre gerufen, schrieb Fars, die den Konservativen im Iran nahe steht. Dem Bericht zufolge rissen einige Studenten auch ein Poster des Generals Kassem Soleimani ab, der vor gut einer Woche bei einem US-Drohnenangriff im Irak getötet worden war. Die Polizei habe die Demonstration schließlich „aufgelöst“, als die Studenten das Universitätsgelände verlassen und für einen Verkehrsstau gesorgt hätten, berichtete Fars.

Auch in sozialen Medien reagierten iranische Bürger mit Wut und Enttäuschung. Besonders aufgebracht waren sie wegen der vielen offiziellen Dementis in den Tagen zuvor. Ein User schrieb auf Twitter: „Ich wäre lieber auch in der Maschine gestorben, dann hätte ich als Iraner diese Peinlichkeit nicht erlebt.“

Kommandeur: Defektes Kommunikationssystem führte zu Abschuss

Nach Angaben eines Kommandeurs der iranischen Revolutionsgarden hat ein Defekt im militärischen Kommunikationssystem zu dem fatalen Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine geführt. „Das Unglück ereignete sich nach einem Kommunikationsdefekt, was jedoch trotzdem keine Rechtfertigung und unverzeihlich ist“, sagte der Kommandeur der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarden, Amir Ali Hadschisadeh, am Samstag.

General Amir-Ali Hadschisadeh, Leiter der Luftwaffe der Revolutionsgarde, sagte am Samstag, er übernehme „die volle Verantwortung“ und sei bereit jegliche Konsequenzen zu ziehen.
Foto: Tasnim News Agency/AP/Meghdad Madadi

Hadschisadeh berichtete, am Tag des Unglücks seien alle Streitkräfte wegen der Drohungen der USA, 52 Ziele im Iran anzugreifen, in höchster Alarmbereitschaft gewesen, darunter die Militärbasen in Teheran. Die ukrainische Maschine wurde nach seinen Worten als potenzielle Gefahr eingestuft, man habe sie fälschlicherweise für einen Marschflugkörper im Anflug auf eine strategisch wichtige Militärbasis in Teheran gehalten. Der zuständige Offizier wollte demnach der Zentrale die Gefahr melden, aber genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben.

Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks.

Amir Ali Hadschisadeh, Kommandeur der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarden

Der Offizier hatte laut Hadschisade dann nur wenige Sekunde zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuert oder nicht. „Und leider tat er es, was dann zu dem Unglück führte“, sagte der Kommandeur. „Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks“, sagte Hadschisadeh. Als Chef der Abteilung für Luft- und Weltraumabteilung trage er die volle Verantwortung und sei bereit, alle Konsequenzen zu tragen. Hadschisadeh verteidigte die zivile Luftfahrtbehörde, die tagelang den Abschuss geleugnet hatte. „Sie trift keine Schuld, weil sie das Ganze aus technischer Sicht und gesehen haben und nichts über den Ablauf wussten“, sagte der Kommandeur. Seiner Einschätzung nach hätte es aber an dem Tag landesweit ein Flugverbot geben sollen, weil sich das Land in einer Art Kriegssituation befunden habe.

Ukrainische Fluglinie zeigt sich erleichtert

Die ukrainische Fluggesellschaft Ukraine International Airlines hat sich erleichtert geäußert über das Eingeständnis des Abschusses. „Wir waren von Anfang an sicher, dass es keine Schuld des Unternehmens wegen eines Pilotenfehlers oder technischer Fehler sein konnte“, sagte Firmenchef Jewgeni Dychne am Samstag auf dem Kiewer Flughafen Boryspil. Alle internen Untersuchungen hätten auf einen äußeren Faktor für die Absturzursache hingewiesen. Die Fluglinie sei in der Lage, die technische Sicherheit zu garantieren. Vorwürfe, dass das Unternehmen trotz der Krisensituation weiter Ziele im Iran angeflogen habe, wies Dychne unter Verweis auf den regulären Flughafenbetrieb zurück. „Vor uns sind Gesellschaften der ganzen Welt geflogen und nach uns sind Fluglinien der ganzen Welt geflogen“, sagte der Airline-Chef. „Es hätte jeden Flieger zu der Zeit am Flughafen Teheran treffen können.“

Merkel zu Flugzeugabsturz: Gut, dass Verantwortliche bekannt sind

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Eingeständnis des Irans begrüßt. Es sei gut, dass die Verantwortlichen damit bekannt seien, sagte die CDU-Politikerin nach einem Gespräch mit Kremlchef Wladimir Putin am Samstag in Moskau. „Es bleibt aber ein dramatisches Ereignis.“ Es seien unschuldige Menschen gestorben. Der Iran müsse nun schonungslos aufklären, forderte Merkel. Teheran müsse gemeinsam mit den Nationen, die Todesopfer zu beklagen hätten, Lösungen finden.

EU fordert Iran zu Konsequenzen auf

Die Europäische Union forderte den Iran zu Konsequenzen aus dem versehentlichen Abschuss auf. „Es müssen angemessene Maßnahmen getroffen werden um sicherzustellen, dass solch ein schrecklicher Unfall nie wieder geschehen kann“, erklärte EU-Kommissionssprecher Peter Stano am Samstag in Brüssel. Nach entsprechenden Zusagen von Irans Präsident Hassan Ruhani erwarte die EU, dass Teheran weiter voll kooperiere und nach internationalen Standards umfassend und durchschaubar untersuche, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte.

Johnson lobt Iran für Eingeständnis von Flugzeugabschuss

Der britische Premierminister hat das Eingeständnis des Iran, versehentlich ein ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen zu haben, als „wichtigen ersten Schritt“ bezeichnet. Die britische Regierung werde alles dafür tun, die Familien der vier britischen Opfer zu unterstützen und sicherzustellen, dass sie Antworten auf ihre Fragen erhielten, erklärte Johnson am Samstag. Die Behörden seines Landes arbeiteten dabei eng mit Kanada, der Ukraine und anderen internationalen Parntern zusammen, sagte Johnson weiter. Ziel sei eine „umfassende, transparente und unabhängige internationale Untersuchung“. Zudem sollten die Opfer in ihre Heimatstaaten überführt werden. Zugleich betonte Johnson angesichts des „tragischen Unfalls“ die Notwendigkeit einer Deeskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Alle Staats- und Regierungschefs sollten nun auf Diplomatie setzen.

Mehre Airlines stellen Flüge nach Teheran ein

Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA hatte nach dem Absturz von Flügen über den Iran abgeraten. Zuvor hatte die EASA bereits empfohlen, Flüge über den Irak zu vermeiden.

Indes standen die Zeichen im Konflikt zwischen den USA und dem Iran nach den gezielten Militärschlägen vorerst auf Entspannung. Die Lage am Persischen Golf war eskaliert, nachdem die USA den iranischen Top-General Ghassem Soleimani Ende vergangener Woche in Bagdad gezielt getötet hatten.