Michael Meyer-Hermann, Wissenschaftler aus Braunschweig.
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BerlinBund und Länder haben am Mittwoch beschlossen, die Corona-Maßnahmen zu verschärfen: mit Erweiterung der Maskenpflicht, Sperrstunden, der Einschränkung privater Feiern. Dies geschieht auch auf Rat von Wissenschaftlern. Einer von ihnen ist Michael Meyer-Hermann, leitender System-Immunologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Wie Teilnehmer der Runde von Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten gegenüber der Berliner Zeitung bestätigten, soll er als hinzugezogener Experte sehr mahnende Worte gefunden haben. Er sprach sich für eine bundesweit einheitliche Linie beim Kampf gegen Corona aus.

Es sei nicht fünf vor zwölf, sondern bereits zwölf Uhr, sagte Meyer-Hermann den Aussagen zufolge. Er warnte in einem „deutlichen Appell“ vor einem möglichen Kontrollverlust in der Corona-Pandemie. Deutschland stehe kurz vor einem exponentiellen Wachstum der Pandemie. Genau vor einer solchen Situation war bereits im Frühjahr gewarnt worden. 

Michael Meyer-Hermann zeigte den Politikern den Stand Deutschlands anhand einer Computer-Simulation, die auf der Grundlage mathematischer Modelle entstanden ist. Der 1967 in Reinbek geborene Forscher studierte einst Physik, Mathematik und Philosophie. Sein heutiges Spezialthema sind dynamische biologische Systeme. Um verlässliche Aussagen über den Fortgang der Covid-19-Epidemie treffen zu können, taten  sich die Wissenschaftler um Meyer-Hermann mit dem Forschungszentrum Jülich zusammen.

Sie analysieren epidemiologische Daten und modellieren am Computer den Verlauf der Epidemie unter verschiedenen Bedingungen, also mit Kontaktbeschränkungen und ohne. Teilnehmer-Aussagen zufolge sieht Meyer-Hermann die Einhaltung der Maskenpflicht als wichtig an, ebenso Bußgelder bei Verstößen. Er warnte davor, zu früh über eine Verkürzung von Quarantänezeit und die Wiederaufnahme von Großveranstaltungen zu diskutieren. Bereits im Mai hatte er gemeinsam mit anderen Forschern – etwa vom Münchner ifo-Institut – eine Studie veröffentlicht, in der er zu starke Lockerungen ablehnte, weil diese langfristig größere wirtschaftliche Nachteile zur Folge hätten als moderate Lockerungen.

Die Forscher schauen vor allem auf die sogenannte Reproduktionszahl, den Wert dafür, wie viele Menschen ein mit Covid-19 Infizierter durchschnittlich ansteckt. Der Wert müsse unter 1 liegen, um die Pandemie einzudämmen, sagte Meyer-Hermann. In der Studie vom Mai sahen die Forscher einen Reproduktionsfaktor von 0,75 als ideal an. 

Seiner Meinung nach ist es wichtig, rechtzeitig zu reagieren, bevor der Anstieg außer Kontrolle gerät. Mit dieser Aussage trat er in der Vergangenheit auch als  Gast von Talkshows auf, etwa bei „Anne Will“ und „Markus Lanz“. Man müsse vorsichtig sein, sagte er einmal. „Das ist immer zeitverzögert. Wie beim Steuern eines Schiffs: Es fährt noch eine Zeit in die ursprüngliche Richtung, bevor es seine Richtung ändert.“