Forscher zu Stepan Bandera: Er war ein Faschist, ideologisch ähnelte er Adolf Hitler

Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe klärt nach Melnyk-Interview über Bandera, seine Verantwortung für die Massenmorde und die mangelnde Reflexion auf.

Denkmal für Stepan Bandera im westukrainischen Lemberg
Denkmal für Stepan Bandera im westukrainischen LembergImago/agefotostock

Durch die russische Propaganda werden Ukrainer immer wieder als Faschisten verunglimpft. Gleichzeitig fehlt es in der Ukraine an einer differenzierten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, vor allem der des Zweiten Weltkriegs. Dass diese mitunter Wasser auf die Mühlen der Kremlpropagandisten ist, zeigte sich jüngst bei einem Interview von Tilo Jung im Format Jung & Naiv mit dem ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk. Dabei weigerte sich Melnyk, Stepan Bandera als Faschisten zu bezeichnen, und gab schwammige Antworten auf die Fragen nach einer Beteiligung Banderas an Massenmorden der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) im Zweiten Weltkrieg.

Der gebürtige Pole Grzegorz Rossoliński-Liebe ist Historiker und forscht an der Freien Universität Berlin unter anderem zum Thema Faschismus in Osteuropa. Er verfasste 2014 die erste umfassende und kritische Biografie zu Stepan Bandera. Hier spricht er über das problematische Bandera-Bild, seine Verantwortung für die Massenmorde in der Ukraine, und sagt, was geschehen müsste, um die Diskussion zu entpolitisieren.

Herr Rossoliński-Liebe, Sie forschen schon lange zu Stepan Bandera. Was halten Sie von dem Interview des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk mit Jung & Naiv, in dem es um Bandera geht?

Ich habe den Abschnitt über Bandera und die Geschichte gesehen. In dem Interview wird deutlich, wie verschieden Bandera in Deutschland und der Ukraine wahrgenommen wird und wie schwierig es für Deutsche und Ukrainer ist, sich über dieses Thema zu unterhalten. Diese Missverständnisse entstehen, weil die wissenschaftliche Variante von Banderas Biografie nicht rezipiert wird. Sowohl Deutsche als auch Ukrainer sind gegen die wissenschaftliche Variante der Biografie zu einem bestimmten Ausmaß immun. Wer Bandera tatsächlich war und was er gemacht hat, interessiert sie wenig bzw. gar nicht. Was sie interessiert, sind bestimmte Abschnitte oder Aspekte in Banderas Leben. Grundsätzlich ist es aber so, dass das ukrainisch-nationale Bild Banderas problematischer ist als das Bild, das in deutschen Medien vorherrscht.

Personen, die intelligent sind, sich für die Demokratie aussprechen und Menschenrechte nicht infrage stellen, aber trotzdem Bandera verehren

Inwieweit spiegelt seine Reaktion die ukrainische Gesellschaft in dieser Frage wider?

Die Reaktion Andrij Melnyks gibt das ukrainisch-nationale Bild Banderas wieder, das in der Westukraine und der ukrainischen Diaspora verbreitet ist. Dieses Bild basiert auf einem Mythos, der nach seiner Ermordung am 15. Oktober 1959 in München von OUN-Veteranen wie Petro Mirtschuk konzipiert wurde. Mirtschuk hat Banderas Bild auf die nationalen und „positiven“ Elemente reduziert und ihn als einen Nationalhelden dargestellt. Die Rolle des Faschismus in Banderas Leben oder die Beteiligung der ukrainischen Nationalisten am Holocaust und anderen Arten von Verbrechen tauchen in diesem nationalen Narrativ nicht auf. Dieses nationale Narrativ vertreten heute Botschafter Melnyk und auch viele andere Ukrainer. Die Sache ist interessant, weil es sich hier um Personen handelt, die intelligent sind, sich für die Demokratie aussprechen und Menschenrechte nicht infrage stellen, aber trotzdem Bandera verehren oder zu ihm positiv eingestellt sind. Die Feindschaft gegenüber Russland spielt hier auch eine Rolle, weil Russland die Existenz des ukrainischen Staates infrage stellt und Bandera für einen ukrainischen Staat kämpfte.

War Stepan Bandera ein Faschist, wie im Interview angeführt?

Das ist eine schwierige Frage, die nur komplex beantwortet werden kann. Bandera war eindeutig ein Faschist, vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren, obwohl die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) sich selten als „faschistisch“ bezeichnete. Bandera hat den ukrainischen Faschismus mit erfunden und er sollte der Führer eines ukrainisch-faschistischen Staates werden, der in einem Europa funktionieren sollte, das von Hitler und Mussolini regiert wird. Das waren die Pläne und politischen Vorstellungen der OUN. Kompliziert ist hier, dass Hitler diesen Staat, der am 30. Juni 1941 in Lemberg durch Jaroslaw Stezko proklamiert wurde, nicht anerkannte. Hitler wollte keinen ukrainischen Staat haben, ähnlich wie er keinen litauischen oder weißrussischen Staat in dem Gebiet haben wollte, das bis Sommer 1941 im sowjetischen Machtbereich lag. Ideologisch ähnelte jedoch Stepan Bandera Adolf Hitler, Benito Mussolini oder Ante Pavelić [dem Führer der kroatischen Ustascha-Bewegung, Anm. der R.]. Da Bandera wegen der Proklamation dieses Staates vom Reichsicherheitshauptamt (RSHA) verhaftet wurde und bis Herbst 1944 im Gefängnis saß, lässt sich diese Geschichte leicht instrumentalisieren. Ukrainische Apologeten behaupten, dass Bandera verhaftet wurde, weil er feindlich zu Nazideutschland und Hitler eingestellt war. Die Ursachen liegen aber ganz woanders. Nämlich in der Geopolitik und Hitlers Bereitschaft, mit kleinen faschistischen Bewegungen zusammenzuarbeiten, die insgesamt gering war.

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Grzegorz Rossoliński-Liebe
Grzegorz Rossoliński-Liebe ist ein in Berlin lebender polnischer Historiker. Er hat Kulturwissenschaften mit Schwerpunkten Osteuropäische Geschichte und Kulturgeschichte an der Europa-Universität Viadrina studiert. Seine Doktorarbeit schrieb er über den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, zu dem er 2014 auch die erste umfassende englischsprachige Biografie vorlegte. Bisher gibt es dafür noch keine deutsche Übersetzung. Rossoliński-Liebe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.

Im Interview geht es ja auch um den Vorwurf, Bandera sei an Massenmorden beteiligt gewesen. War er das?

Das Thema ist auch komplex, weil Bandera persönlich offensichtlich niemanden ermordete, aber er verstand Massengewalt als Politik und setzte sich dafür ein, dass die Ukraine ein ethnisch homogener Staat wird. Bandera ist für die Verbrechen, die ukrainische Nationalisten an Juden, Polen, Russen und Ukrainern begangenen haben, in verschiedenem Ausmaß verantwortlich. Vor dem Krieg bereitete er Attentate vor. Im spektakulärsten Attentat wurde der polnische Innenminister Bronisław Pieracki ermordet. Ebenso ließ er OUN-Mitglieder töten, die mit dem polnischen Geheimdienst zusammenarbeiteten. Während des Gerichtsverfahrens 1936 sagte er, dass „nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen“, damit ein ukrainischer Staat entstehen kann. Seine Aussage bezog sich auf ukrainische Nationalisten, die im Kampf fallen würden, und auf Juden, Polen und Russen, die im Prozess der Errichtung des ukrainischen Staates ermordet werden sollten. Der Plan der OUN war, Juden, Polen und Russen teilweise zum Verlassen der ukrainischen Gebiete zu zwingen, teilweise zu ermorden. 1940 und 1941, als Bandera mit der OUN die Entstehung des ukrainischen Staates vorbereitete, waren Massenmorde ein Teil dieser Pläne. Bandera sollte der Führer dieses Staates werden und war in die Vorbereitungen der Massengewalt weitestgehend einbezogen.

Kam es denn zur Verwirklichung dieser Pläne?

Als der Staat proklamiert wurde und seine Strukturen in der Westukraine geschaffen wurden, wurden einige Tausend Juden in Pogromen ermordet, die die deutschen Besatzer mit den OUN-Mitgliedern organisierten. Nach Banderas Verhaftung Anfang 1941 schlossen sich OUN-Mitglieder der ukrainischen Polizei an, die den deutschen Besatzern half, 800.000 Juden in der Westukraine zu ermorden. Die Hauptverantwortung für diesen Massenmord liegt bei Nazideutschland, aber ukrainische Nationalisten und ebenso gewöhnliche Ukrainer unterstützten sie als Polizisten oder Verwaltungsmitarbeiter. Bei der Umsetzung des Judenmordes realisierten ukrainische Nationalisten ihre eigenen politischen Ziele, und sie identifizierten sich mit Bandera, was sie in mehreren Flugblättern und bei Feierlichkeiten zum Ausdruck brachten.

Die Hauptverantwortung für diesen Massenmord liegt bei Nazideutschland

Anfang 1943, als die meisten Juden in der Westukraine ermordet worden waren, desertierten etwa 5000 ukrainische Nationalisten aus der Polizei und schlossen sich der UPA an, die 1943 und 1944 etwa 100.000 Polen in Wolhynien und Ostgalizien ermordete. Bandera saß zu dieser Zeit im KZ-Sachsenhausen als politischer Sonderhäftling des RSHA und erteilte keine Befehle, aber das Verhalten ukrainischer Nationalisten im Holocaust wich von seinen politischen Vorstellungen nicht ab. Wie Sie sehen, ist die Geschichte seiner Verantwortung für die Massenmorde kompliziert. Auf jeden Fall komplizierter als bei Hitler, Mussolini oder Pavelić. Die Behauptung, dass Bandera für die Verbrechen an Juden und Polen in der Westukraine nicht verantwortlich war, ist falsch, weil er einige Morde und Massenmorde selbst mit vorbereitet hat und für andere eine politische Verantwortung trägt.

Jedes Jahr erinnern ukrainische Nationalisten am Denkmal in Lemberg an den Geburtstag Banderas.
Jedes Jahr erinnern ukrainische Nationalisten am Denkmal in Lemberg an den Geburtstag Banderas.Imago/Pavlo Palamarchuk

Wie und warum arbeitete die OUN mit den deutschen Besatzungsbehörden zusammen?

Als Hitler der Proklamation des ukrainischen Staates am 30. Juni 1941 widersprach und Bandera sowie andere führende OUN-Mitglieder verhaftete, wurde die politische Kollaboration zwischen Banderas OUN und den Nationalsozialisten nicht fortgesetzt. Auf der Ebene der Polizei und Verwaltung kollaborierten jedoch ukrainische Nationalisten mit den deutschen Besatzern weiter. Besonders im Holocaust. Einige schlossen sich auch der Waffen-SS-Division Galizien an. Die OUN änderte ihre Einstellung zu Deutschland nur teilweise, allmählich und meistens oberflächlich.

Gab es auch Widerstand der OUN gegen die deutsche Besatzung?

Nachdem Deutschland die Schlacht um Stalingrad Anfang 1943 verloren hatte, distanzierte sich die OUN offiziell vom Faschismus und verbot zum Beispiel den faschistischen Gruß, der Anfang 1941 eingeführt worden war. Seit Stalingrad stellte sich die OUN als eine antideutsche und antisowjetische Befreiungsbewegung dar. Die Hauptmotivation war, die Zusammenarbeit mit den Alliierten aufzunehmen. Gelegentlich kämpfte auch die UPA, die Anfang 1943 entstand, gegen deutsche Einheiten in der Westukraine. Dieser Kampf war aber marginal, weil die OUN und die Nationalsozialisten denselben Feind hatten, die Sowjetunion. Gegen Deutschland zu kämpfen, war für die OUN und die UPA kontraproduktiv. Deshalb können wir über einen organisierten Widerstand der ukrainischen Nationalisten gegen Nazideutschland nicht sprechen. OUN und UPA leisteten Deutschland keinen Widerstand wie die sowjetischen Partisanen oder die polnische Heimatarmee.

Hatte Bandera für die Ukrainer schon seit dem Zweiten Weltkrieg eine Bedeutung, oder wie kam es dazu?

Bandera war in der Westukraine seit den Gerichtsprozessen gegen die OUN nach der Ermordung des polnischen Innenministers Pieracki bekannt, die 1935 und 1936 in Warschau und Lemberg stattfanden. Damals wurden erste Lieder und Gedichte über Bandera verfasst. Der Kult um ihn wurde im Sommer 1941 umfangreich verbreitet, als die OUN einen eigenen ukrainischen Staat proklamierte. Der eigentliche Aufstieg geschah jedoch erst nach seiner Ermordung 1959 in München. Da er durch einen KGB-Agenten ermordet wurde, wurde er als ein Held verstanden, der im Kampf für die Ukraine gefallen ist. Sein heldenhaftes Image wurde durch die Veteranen der OUN konzipiert, die in München, Kanada, England und den USA lebten. Dieses Narrativ wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion in der Westukraine in den frühen 1990er-Jahren aufgegriffen. Deshalb wurden dort mehrere Denkmäler für Bandera und einige Museen gebaut, die seinen Kult propagieren. Die ukrainische Diaspora ist heute jedoch nicht so positiv auf Bandera zu sprechen, wie noch in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Ich vermute, dass Ukrainer in der Westukraine auch in den nächsten Jahren den Unterschied zwischen Geschichtspolitik und Geschichte merken und seine eigentliche Geschichte entdecken werden.

Welche Rolle spielte Bandera in der sowjetischen Propaganda?

Er wurde fast durchgehend als Feind der Sowjetunion und der sowjetischen Ukraine dargestellt. Grundsätzlich gab es zwei Ansätze. Der erste stellte ihn als Nazikollaborateur und Verbrecher dar. Der zweite, der etwas später eingeführt wurde, als Kapitalisten. Der erste Ansatz schrieb sich in der sowjetischen Identität fest. Auch in der ukrainisch-sowjetischen Identität in der Zentral- und Ostukraine, wo Bandera grundsätzlich anders als in der Westukraine verstanden wird.

Die Debatte über Bandera in Deutschland ist stark von politischen Überzeugungen und moralischen Werten geprägt

Finden Sie als Bandera-Forscher, dass das Thema in der deutschen Diskussion die richtige Gewichtung hat?

In Deutschland gibt es zwei grundsätzliche Probleme. Erstens konzentrieren sich deutsche Historiker und Historikerinnen stark auf deutsche Täter und Besatzungspolitik und erforschen die Kollaboration und den Faschismus in Osteuropa nicht. Damit überlassen sie das Feld Personen, die keine Experten sind und selektiv die Geschichte in sozialen Medien wiedergeben. Zweitens interessiert man sich generell in Deutschland nicht dafür, wer Bandera oder die OUN waren, weil das aus der nationalen Sicht nicht zur deutschen Geschichte gehört. Das passiert, obwohl Bandera lange in Deutschland lebte und ein wichtiger Bestandteil der deutschen Geschichte ist. Meine Biografie wurde auf Englisch geschrieben und ins Polnische, Russische und Ukrainische, aber nicht ins Deutsche übersetzt. Die Debatte über Bandera in Deutschland ist daher stark von politischen Überzeugungen und moralischen Werten und weniger von Geschichtswissenschaft, Komplexität und gesichertem Wissen geprägt.

Wie könnte eine Auseinandersetzung mit der Person Banderas in der Ukraine aussehen?

Die Auseinandersetzung mit Bandera in der Ukraine würde bedeuten, dass man das ganze Bild dieser Person, besonders die Rolle des Faschismus und der Gewalt in seinem Leben rezipiert, so etwa, wie sie in meiner Bandera-Biografie dargestellt ist. Diese wurde 2014 auf Englisch trotz Protesten und politischer Eingriffe auch seitens von Historikern veröffentlicht. Im Jahr 2021 wurden die russische und die ukrainische Übersetzung publiziert. Die Auseinandersetzung mit Bandera könnte ein Beginn einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Massengewalt, des Holocausts, von Antisemitismus und Faschismus sein. Wegen der aktuellen politischen Lage und auch der Komplexität der ukrainischen Geschichte wird das wahrscheinlich nicht bald geschehen.

War man in der Ukraine bei der Aufarbeitung des Themas in den letzten Jahren eher vorangekommen oder eher zurückgeschritten?

Meine Bandera-Biografie wurde in der Ukraine nicht von einem wissenschaftlichen Verlag wie einem Universitätsverlag oder dem Verlag der Akademie der Wissenschaften veröffentlicht, sondern von einem kleinen Verlag eines mutigen Verlegers aus Kiew, der bei ukrainischen und russischen Patrioten unbeliebt ist. Es gibt immer mehr ukrainische Historiker und Historikerinnen, die ukrainische Geschichte kritisch erforschen. Es handelt sich hier aber um einzelne Individuen, deren Forschung erstens nicht immer sehr gründlich ist und zweitens in der Ukraine abgestritten und ignoriert wird. Putin macht es der Ukraine nicht leicht, sich mit der Geschichte des Holocaust oder des Faschismus auseinanderzusetzen. Russlands Angriff auf die Ukraine zeigt aber auch, dass die Auseinandersetzung mit Bandera und anderen „unbequemen“ Themen notwendig ist, weil sie sich leicht instrumentalisieren lassen und sogar als Vorwand zur Kriegsführung benutzt werden können.

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