Die Schlacht um Iwojima dauerte schon eine Woche, und ein Ende war nicht abzusehen, als der Sanitäter John Bradley Zeit für ein paar Zeilen nach Hause fand. Doch für das Grauen gab es keine Worte. Hunderte seiner Kameraden waren im Dauerfeuer der japanischen Verteidiger gefallen, etliche davon starben in seinen Armen: blutjunge Kerle so wie er, in den Bootcamps der Marines zu Kampfmaschinen ausgebildet und doch im Moment des Todes wie Kinder das immergleiche Wort auf den Lippen – „Mom“.

Mom Bradley erfuhr von alldem nichts. Er würde seinen linken Arm geben für eine gute Dusche und eine Rasur, las sie von ihrem Sohn. Und dass er nie geglaubt hätte, drei Tage lang ohne Essen, Trinken und Schlaf auskommen zu können. Aber er sei bei bester Gesundheit und habe bei der Feldmesse die Heilige Kommunion empfangen. Und dann, beinahe wie eine Randbemerkung, schrieb er noch: „Ich war mit der siegreichen Kompanie, die als erste den Gipfel des Suribachi erreicht hat. Ich war ein bisschen am Hissen der amerikanischen Flagge beteiligt und es war der glücklichste Moment meines Lebens.“

Im Innersten getroffen

Nichts ist falsch in diesem Brief, „absolut nichts“, betont Bradleys Sohn James heute. Und doch hat er dazu beigetragen, dass die Familie Bradley, das US Marine Corps, die amerikanische Regierung, ja ganz Amerika mehr als 70 Jahre lang einem Irrtum aufgesessen waren: So lange galt John Bradley als einer der sechs „Flagraiser“ von Iwojima, verewigt auf jenem ikonografischen Schnappschuss von Joe Rosenthal, einem der berühmtesten Fotos aller Zeiten. Doch jetzt kam heraus: Bradley ist darauf gar nicht zu sehen.

Es ist eine Erkenntnis, die jüngst, nach langem Zögern, auch das Marine Corps abgesegnet hat – und welche die in ihrem Selbstverständnis ohnehin gerade gebeutelten Vereinigten Staaten in ihrem Innersten trifft. Denn „Raising The Flag on Iwo Jima“, wie das Foto offiziell heißt, gehört zum kollektiven Gedächtnis Amerikas: als Symbol nicht nur der Tapferkeit und Aufopferungsbereitschaft seiner Soldaten, sondern der Einheit der Nation unter einer Flagge. Die Namen der sechs Soldaten waren in Stein gemeißelt. Darunter soll sich ein Etikettenschwindler verborgen haben? Zumal John „Doc“ Bradley, der Vorzeige-Held, nach bisheriger Weisheit der zentrale Mann ist auf dem Foto: mittig im Vordergrund den Flaggenmast in den Boden rammend; sogar Ansätze seines energisch verzogenen Gesichts sind erkennbar. Ein Drama.

Historiker entdeckten den Fake

Zwei Hobby-Historiker kamen dahinter, ein Ire namens Stephen Foley und der in Omaha, Nebraska, heimische Militaria-Sammler Eric Krelle, Betreiber einer Website zu Ehren der 5th Marine Division, die im Pazifikkrieg kämpfte. Foley hatte frisch aufgetauchte Bilder, die vor und nach dem Hissen des Sternenbanners auf dem Suribachi geschossen wurden, mit dem Rosenthal-Foto verglichen und stand nun vor der Frage: Warum sieht John Bradley beim Hissen der Flagge nicht aus wie John Bradley? Der Mann im Rosenthal-Foto trägt Patronengürtel und Drahtzange, Bradley auf allen andern Bildern eine Sanitäterausrüstung. Der Mann im Rosenthal-Foto hat eine Stoffkappe unter dem Helm, Bradley nie. Der Mann im Rosenthal-Foto trägt die Hose lose über die Stiefel, Bradley grundsätzlich als Knickerbocker.

Krelle sah sich die Bilder an, er sah sich Dutzende weitere Bilder an, er sah sich Filmschnipsel an, Bild für Bild, immer wieder, Tage, Wochen. Irgendwann stand fest: Es ist nicht Bradley. Aber wer ist es dann? Und wie kann es sein, dass all dies Jahrzehnte lang unbemerkt blieb?
  „Niemand hatte Grund, daran zu zweifeln, dass mein Vater dabei war“, sagt James Bradley. „Auch alle Jungs, die an jenem Tag auf dem Suribachi waren und lebend wieder von der Insel gekommen sind, nahmen die Überzeugung mit ins Grab, dass mein Vater auf dem Foto war.“

Tatsächlich hat James Bradley nahezu jeden Veteranen von Iwojima interviewt und die Schlacht und die Entstehung des Rosenthal-Fotos rekonstruiert, um die Lebensgeschichte seines Vaters und der anderen Flagraiser aufzuschreiben. „Flags of Our Fathers“ hieß das Buch, im Jahr 2000 ist es erschienen,  und es wurde ein Bestseller. Clint Eastwood verfilmte die Geschichte später, mit großem Aufwand und Ryan Phillippe  als John „Doc“ Bradley.

27.000 Soldaten starben

Bradley junior ließ dem Erfolg  drei weitere viel beachtete Sachbücher über den Pazifikkrieg folgen. Im Grunde hat er seine ganze Existenz auf dem Umstand aufgebaut, dass sein Vater einer der Flagraiser war. Derzeit erreichen wir ihn auf Recherchereise in Saigon,    er findet „fast alles“ an „Flags of Our Fathers“  noch immer akkurat“. Das „fast“ ist natürlich genau das Problem, und um dem Problem auf den Grund zu kommen, muss man zurück an jenen Morgen des 23. Februar 1945.   Es ist der vierte Tag nach der Landung des US Marine Corps auf der kleinen, von schwarzem Sand und schroffem Vulkangestein dominierten Insel im Pazifik, der wegen ihrer Startbahnen von Japanern wie Amerikanern gleichermaßen kriegsentscheidende Bedeutung zugemessen wird. Entsprechend heftig ist der Widerstand. Die in Bunkern und Höhlen verschanzten Japaner schießen die Angreifer reihenweise nieder, locken sie in Hinterhalte oder stürzen sich, wie aus dem Nichts kommend, mit Bajonetten in ihre Schützenlöcher. Zwei von drei Amerikanern sterben oder werden verwundet. Am Ende der Schlacht werden 7 000 amerikanische und 20 000 japanische Soldaten tot sein.

An jenem Morgen gelingt es einem Trupp, zur höchsten Stelle der Insel durchzubrechen, dem 170 Meter hohen Suribachi. Gegen zehn Uhr erreichen die Männer den Gipfel und hissen die amerikanische Flagge, begleitet von Jubel, Salutschüssen und den Signalhörnern der vor der Küste ankernden Kreuzer. Auch ein paar Fotos werden von der Aktion gemacht. Sie werden jedoch von der Geschichte vergessen und tauchen erst Jahrzehnte später auf. Die Flaggenhisser sind darauf deutlich erkennbar. Unter ihnen: John „Doc“ Bradley und ein gewisser Harold Schultz.

Zwei Stunden später erklimmt ein zweiter Trupp den Berg. Eigentlich, um eine Telefonleitung zu legen, doch der kommandierende Sergeant Mike Strank hat noch einen anderen Auftrag. Er soll die Flagge durch eine größere ersetzen, „damit jeder Hurensohn auf dieser Drecksinsel sie sehen kann“, wie er den Kameraden am Gipfel verkündet. Strank lässt die kleine Flagge einholen und ordert fünf Mann zu sich, um einen neuen Mast mit der größeren Flagge hochzuziehen  – nicht wissend, dass auch der Agentur-Fotograf Joe Rosenthal mit aufgestiegen ist, im richtigen Augenblick auf den Auslöser drückt und einen Moment für die Ewigkeit festhält.

Überfordert und schließlich zerrissen vom Missverhältnis

In Wirklichkeit war es ein Routineakt. Die Männer waren damit beschäftigt zu überleben und schenkten der Sache keine Beachtung. Im Tagesprotokoll der Bataillonsführung war das Hissen der zweiten Flagge keine Zeile wert. Ob John Bradley davon Notiz nahm, wird keiner je erfahren. Sein Sohn glaubt es nicht. „Als meinem Vater das Foto gezeigt wurde, hatte er keine Ahnung, was er da sah. Er erkannte weder sich noch die anderen“, schrieb James Bradley seinerzeit in „Flags of Our Fathers“. Heute sagt er über ihn: „Er ist 22, er liegt verwundet im Krankenhaus, dann kommt jemand mit einem Foto und sagt, er sei da drauf, er sei doch dabei gewesen. Da sagt er: ja. Und er glaubte es bis zu seinem Tod.“

Drei der Flagraiser erfuhren überhaupt nie von der Existenz des Rosenthal-Fotos. Mike Strank, Sohn tschechischer Flüchtlinge, wurde von einem Schrapnell zerfetzt, abgeschossen mutmaßlich von einem amerikanischen Schiff. Seinen Zug übernahm Harlon Block, ein Football-Star aus Texas, ehe er in japanisches Mörserfeuer geriet. Franklin Sousley, ein sommersprossiger Teenager aus Kentucky, lief ins Visier eines japanischen Heckenschützen.

Von den drei Überlebenden kamen zwei, der später von Johnny Cash besungene Pima-Indianer Ira Hayes und der erst 19 Jahre alte Frankokanadier René Gagnon, als psychische Wracks zurück. Überfordert und schließlich zerrissen vom Missverhältnis zwischen ihrem Ruhm als „Helden von Iwojima“ und dem bleibenden Horror des Erlebten, starben sie jung, an Alkohol und gebrochenen Herzen. Nur einer fasste wieder Fuß: John Bradley.

Jedes Kind in Amerika kennt seinen Namen

Im März 1945 hat man die Flagraiser auf Befehl von Präsident Roosevelt identifiziert, aufgespürt und heimgeholt, um die Nation mit ihrer Hilfe zum Kauf von Kriegsanleihen zu motivieren. Auf Bildern sieht man einen feschen Bradley, während Hayes schon damals dauerbetrunken war und sich in das Gesicht des jungen Gagnon die Züge eines Greises gegraben hatten. Eine Werbe-Tour durch 33 Städte, während der die drei in Football-Arenen Flaggen auf Pappbergen hissten, brachte 26 Milliarden Dollar in die praktisch leere  Kriegskasse. Die Welt wäre heute eine andere ohne dieses Schauspiel.

Nach dem Krieg heiratete Bradley seine Highschool-Freundin, übernahm in seiner Heimatstadt Antigo, Wisconsin, ein Beerdigungsinstitut, zog acht Kinder groß und lebte auch sonst ein achtbares Leben: patriotisch, bescheiden, jede Frage nach Iwojima mit dem Satz abwimmelnd: „Die wahren Helden sind die, die auf der Insel zurückgeblieben sind.“ Jedes Kind in Amerika kennt seinen Namen. Eine der Figuren des dem Rosenthal-Foto nachgebildeten Marine Corps War Memorial in Arlington trägt Bradleys Züge. Er starb 1994.

Welchen Grund hätte er gehabt, so lange ein solches Geheimnis zu bewahren? Eric Krelle, der Mann, der es aufdeckte, glaubt durchaus, dass Bradley irgendwann gemerkt haben muss, dass er nicht der Mann im Zentrum des Rosenthal-Fotos war. „Aber das Marine Corps und die Regierung haben ihm gesagt, was er tun sollte, und das hat er getan.“ Und begriffen, dass zum Gewinnen des Kriegs eben nicht nur der Horror von Iwojima gehört, sondern auch die Rolle des Helden auf der Werbe-Tour für den Krieg und die Mittel, ihn zu Ende zu führen.

Ein Job, eine Selbstverständlichkeit

Womöglich wusste er sogar, wer wirklich auf dem Foto war. Krelle hat auch dies herausgefunden. Der Soldat, den man für Bradley hielt, ist Franklin Sousley, der Junge aus Kentucky, dem die Geschichtsschreibung bislang den Platz links daneben zugewiesen hatte. Der mysteriöse Mann mit Gewehr, der nun an dessen Stelle tritt, heißt Harold Schultz. Er arbeitete nach dem Krieg als Postbeamter in Los Angeles, wo er wohl ungezählte Male einen Stempel auf seinen eigenen Hintern drückte – eine im Juli 1945 erschienene Briefmarke mit dem Rosenthal-Foto ist die bis heute meistverkaufte in der Geschichte der amerikanischen Post. Er heiratete spät eine verwitwete Nachbarin, ging gelegentlich zu Veteranentreffen und starb 1995 friedlich als alter Mann.

Hatten sich Schultz und Bradley am Ende abgesprochen, die Legende Legende sein zu lassen? Oder wusste Bradley einfach, dass Schultz niemals für sich beanspruchen würde, was für einen Marine ein Job war, eine Selbstverständlichkeit, und ansonsten schlicht ein guter Amerikaner war? Einer, der die Größe einer Nation nicht an Symbolen festmacht, der sie nicht zu beschwören, ja, gar nicht darüber reden braucht, sondern: sie lebt.

Ein einziges Mal, erzählte seine Stieftochter, habe Harold Schultz erwähnt, dass er einer der Flagraiser auf dem berühmten Foto sei. „Mein Gott, du warst ein Held“, sagte sie daraufhin zu ihm. Er entgegnete: „Ich war kein Held. Ich war ein Marine.“