Berlin - Die Frage kam ganz beiläufig. „Wann geht ihr eigentlich am Sonntag wählen?“ fragte unsere 10-jährige Tochter am Donnerstag am Frühstückstisch, etwas müde noch.

Sie hatte gehört, dass Deutschland an diesem Sonntag einen neuen Bundespräsidenten bekommen würde; und für sie war es völlig klar, dass ihre Eltern sich wie zuletzt bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl in eine Schlange vor der Schule in der Nachbarschaft einreihen und ihre Stimme abgeben würden.

Sie hat dann schnell verstanden, dass es dieses Mal anders ist, dass der Bundespräsident nicht von ihren Eltern und deren Nachbarn gewählt wird, nicht von Millionen Menschen, sondern von ein paar hundert Wahlmännern und Wahlfrauen in der Bundesversammlung. Das kann man auch als Kind begreifen. Und es ist ja auch nicht schlimm.

Mit taktischer Finesse zum Bundespräsidenten

Aber die Frage, sie ist am Ende keine Kindersache, sondern ein Gedanke, der sich auch bei so manchem Erwachsenen in diesen Tagen im Kopf festsetzt. Die Frage wird dann natürlich anders gestellt. Sie lautet zum Beispiel so: Wie kann es sein, dass Sigmar Gabriel mit taktischer Finesse dafür sorgen konnte, dass Frank Walter Steinmeier der nächste Bundespräsident wird?

Denn Gabriel setzte den Kandidaten ja halb gegen und halb mit Angela Merkel durch. Wie kann einem –damals noch – Parteivorsitzenden eine solche Macht über das höchste Amt im Staat zustehen? Ist das nicht Kungelei?

Der Präsident der Hinterzimmer

Und wie kann es sein, dass kurz nach der Wahl Donald Trumps die große Koalition in Deutschland den Protestwählern auch hierzulande noch mehr Anlass zum Protest gab -indem sie den neuen Bundespräsidenten kurz und einfach unter sich ausmachte, ihn mit einer bombenfesten Mehrheit versah? So kann man das sehen: Frank Walter Steinmeier als ein Präsident der Hinterzimmer.

Jedoch: Gibt es nicht gute Gründe dafür, dass der Bundespräsident nicht vom Volke, sondern von seinen besten Repräsentanten gewählt wird. Ja, die gab es vor allem. Weil das deutsche Volk in der Weimarer Republik Hindenburg zum Präsidenten wählte, der wiederum Hitler zum Kanzler erwählte, sagt das Grundgesetz: Vorsicht vor der Direktwahl. Das sollte man nicht geringschätzen. 

Vertrauen in die Demokratie wurde nicht gestärkt

Aber die Politikverdrossenheit, die gut achtzig Jahre später aus dieser Vorsicht erwächst, die kann man auch nicht kleinreden. Zumal der Kür Steinmeiers aus den Machtkonstellationen der großen Koalition ja weitere Beispiele unangenehmer Beschlüsse folgten.

Als Sigmar Gabriel befand, dass Martin Schulz der bessere Kanzlerkandidat der SPD sei, da befand er für sich ja auch, dass er ein guter Außenminister sei. Einfach so, und er entschied es auch für sich selbst. Jetzt ist Gabriel Außenminister, weil er es wollte, und das Vertrauen in die Demokratie wurde mal wieder nicht sonderlich energisch gestärkt.

Demokratische Wahl bringt nicht unbedingt große Demokraten hervor

Nun kann man sagen, dass wir noch einmal Glück gehabt haben, weil, wie immer die Umstände auch sind, Frank Walter Steinmeier wohl ein respektabler Präsident sein wird. Das stimmt. Man kann auch sagen, dass eine große demokratische Wahl wie die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten nicht unbedingt einen großen Demokraten hervorbringen muss. Das wissen wir seit Donald Trump. Das stimmt also auch. 

Doch macht das Ausleseverfahren Steinmeier kleiner als er ist, und die Kritik an ihm größer, als sie sein müsste. Er wird in diesem Jahr des Bundestagswahlkampfs noch öfters als Beispiel dafür herhalten müssen, dass die etablierten Parteien am Ende alles unter sich ausmachen.

Es wird nicht einfach

Das stimmt zwar nicht, weil diese Demokratie im Großen und Ganzen doch gut funktioniert - aber wer das unbedingt anders sehen will, hat mit der Bundespräsidentenkür nun immer ein schönes Beispiel parat. Das ist schade, für das Amt, den Kandidaten und das Land. Frank Walter Steinmeier wird das mit seiner ganzen Persönlichkeit entkräften müssen. Es ist ihm zuzutrauen, aber einfach wird es nicht.