Paris - Frankreichs Präsident Macron gilt, wie alle seine Vorgänger im Amt, als abgehoben. Der langjährige Paris-Korrespondent der Financial Times schreibt, dass Macrons Ruf, die normalen Bürger zu verachten, ihm besonders geschadet habe. Mit der ersten großen Protestwelle der „Gelbwesten“ unmittelbar nach seinem Amtsantritt musste der frühere Rothschild-Banker seine erste Krise meistern. Er gab in der Sache nach und stoppte die Erhöhung der Benzinpreise. Doch der 43-jährige Macron, der als Wirtschaftsminister unter seinem farblosen Vorgänger Francois Hollande das politische Räderwerk von innen kennen- und verstehen gelernt hat, zog noch eine andere Konsequenz aus den Massenprotesten: Die Grundrechte wurden eingeschränkt, die Überwachung der Bürger massiv ausgebaut. Diese Struktur könnte Macron nun zugutekommen. 

Die Corona-Regeln wurden drastisch verschärft

Die Regierung hat die Corona-Regeln drastisch verschärft. Es sollen vor allem die Rechte von Nicht-Geimpften beschnitten werden. Ab August wird es eine Ausweitung des Impfpasses und erstmals eine Testpflicht für nicht geimpfte oder genesene Personen in französischen Gaststätten und Fernzügen geben. Am Samstag gingen landesweit rund 161.000 Menschen gegen die geplante Impfpflicht für das Gesundheitspersonal sowie die Ausweitung des Gesundheitspasses auf die Straße. Sie riefen „Freiheit, Freiheit“ und riefen zum Sturz des „Tyranns“ Macron auf. In der Nähe der Champs-Elysées kam es zu Ausschreitungen.

Frankreich: Demonstrationen in mehr als hundert Städten

Proteste fanden in mehr als hundert weiteren französischen Städten statt, darunter Toulouse, Lyon, Straßburg, Lille, Nizza, Montpellier und Marseille. Die Regierung verurteilte die Gewalt und will mit Härte gegen die unbotmäßigen Demonstranten vorgehen.

In neun Monaten will sich Macron seiner Wiederwahl stellen. Seine Herausforderin Marine Le Pen ist nach vielen Wahlniederlagen geschwächt. Macon könnte auch davon profitieren, dass Wahlen in Frankreich nicht mehr das Forum für Proteste sind. Bei den jüngsten Regionalwahlen gingen zwei Drittel der Franzosen nicht mehr an die Urnen. Politologen sprechen vom „Kollaps der Demokratie“ in Frankreich.