Berlin - Franziska Giffey gibt wegen der Plagiatsaffäre um ihre Doktorarbeit ihr Amt als Bundesfamilienministerin auf. An ihrem Ziel, nach der Abgeordnetenhauswahl am 26. September erste Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden, hält die SPD-Politikerin jedoch fest. Doch ist das überhaupt möglich? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler und Parteienforscher Gero Neugebauer, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität Berlin. Der 79-Jährige gilt bis heute als einer der profiliertesten Experten zur Entwicklung der SPD, speziell in den ostdeutschen Bundesländern.

Berliner Zeitung: Herr Neugebauer, Franziska Giffey tritt im Bund als Ministerin zurück, will aber weiter Regierende Bürgermeisterin werden. Stellt sich die Frage: Kann sie das durchhalten?

Gero Neugebauer: Sie hat’s doch schon durchgehalten. Der entscheidende Moment war, als sie voriges Jahr aus der Schusslinie gegangen ist. Sie hat Stoßdämpfer eingebaut, Distanzscheiben eingelegt. Als sie erklärt hat: Ich habe meine Arbeit besten Wissens und Gewissens geschrieben. Aber nun gibt es Zweifel an meiner Doktorarbeit, also führe ich den Titel ab sofort nicht mehr. Das nützt ihr jetzt sehr.

Wie hilft ihr das jetzt? 

Sie hat gleich doppelt Glaubwürdigkeit bewiesen. Sie hat gesagt, sie führe den Titel nicht mehr – und hat ihn abgelegt. Und sie hat gesagt, sie trete als Ministerin zurück, wenn es weiter Zweifel gibt – und sie ist zurückgetreten. Das ist Glaubwürdigkeit.

Dennoch steht Giffey als Plagiatorin da, als Betrügerin. Wie kann sie da noch Regierende Bürgermeisterin werden wollen?

Da antworte ich mit einer Gegenfrage: Wie soll ihr daraus ein Strick gedreht werden? Was hat ihre Doktorarbeit mit ihrer Kandidatur zu tun? Ich glaube, sie hat weiterhin Chancen, Regierungschefin in Berlin zu werden.

Aber die Affäre wird ihr doch sicher schaden?

Warum denn? Bei Wahlen entscheiden sich Wählerinnen und Wähler für Programm, Partei und Kandidaten, es ist ein Mix. Erinnern wir uns an Angela Merkels Bundestagswahlen von 2013 und 2017. Aus Befragungen wissen wir, dass die Wähler Programm und Person jeweils etwa gleichgewichtet haben. Dazu kommen noch die Betonköpfe, die ohnehin immer die selbe Partei wählen.

Was heißt das für Frau Giffey?

Wenn es um die Person geht, reden wir von persönlichen und von politischen Faktoren. Zu den politischen Faktoren gehören Zuschreibungen wie Tatkraft, Zuverlässigkeit und eben Glaubwürdigkeit. Da bekommt Franziska Giffey von mir die Note „überwiegend gut“.

In den vergangenen Jahren sind einige politische Karrieren an geplatzten Doktorarbeiten zerschellt: Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan zuletzt Frank Steffel in Berlin – alle mussten ihre parteipolitischen Ambitionen begraben. Droht Giffey das nicht auch? 

Franziska Giffey ist von anderer Statur als Guttenberg, Schavan und Co. Sie ist politisch robuster.

Wofür hat sie ihren Doktortitel eigentlich gebraucht?

Das weiß ich nicht. Die Zeiten, da ein Doktortitel gesellschaftlich etwas bringt, sind vorbei. Ich kann mir aber vorstellen, dass damals um sie herum Leute Doktorarbeiten geschrieben haben, und dann hat sie es eben auch gemacht.

Franziska Giffey hat ihre Arbeit Anfang der 2000er-Jahre geschrieben. Was hat sich seitdem geändert? 

Sehr viel. So war es vor 20 Jahren noch nicht üblich, Wikipedia zu zitieren. Das galt als nicht seriös. Heute wird Wikipedia zitiert.

Und was hat sich nicht geändert?

Zum Beispiel die entscheidende Frage für Politologen: Wollen sie wissenschaftlich arbeiten oder in die Politik gehen? Für die Wissenschaft ist ein Doktortitel absolute Voraussetzung, für die Politik überhaupt nicht. Es ist eine Frage von Aufwand und Ertrag. Wenn Franziska Giffey damals zu mir gekommen wäre, hätte ich ihr abgeraten. Eines ist aber sicher: Sollte sie Regierende Bürgermeisterin werden, wird sie wohl anders als Michael Müller nicht auch das Wissenschaftsressort mit übernehmen.