Familienministerin Franziska Giffey.
Foto: iEventfotografen.Berlin

DüsseldorfGanz zum Schluss, da hat sich Franziska Giffey eigentlich schon verabschiedet, fällt Stefanie Gundel noch eine letzte Frage ein. Die Gründerin von GründerMütter, einem Düsseldorfer Netzwerk für selbstständige Mütter, will wissen, ob die Ministerin auch schon einmal daran gedacht habe, sich selbstständig zu machen. Im Augenblick sei das nicht geplant, antwortet Giffey. „Aber wenn das alles nicht mehr läuft, dann mache ich mit meinen Leuten einen Eisladen auf. Schoko-Vanille.“

Was genau Giffey mit „das alles“ meint, bleibt offen, vielleicht die Politik, vielleicht ihren Job als Bundesfamilienministerin. Sie muss es nicht erklären, das Ende ihres Satzes geht in Gelächter unter. Ohnehin herrscht eine entspannte Atmosphäre im Souterrain des Factory Campus, einer ehemaligen Fabrik für Recycling-Maschinen im Düsseldorfer Südosten, die seit 2016 ein Co-Working-Space für Selbstständige und Kreative ist.

Auf ihrer Sommertour durch Nordrhein-Westfalen besucht die Ministerin das Frauennetzwerk. Und lässt sich anstecken von der Aufbruchstimmung der Mütter, die sich in ganz unterschiedlichen Bereichen selbstständig gemacht haben. Halima Pflipsen hat lange in der Chemiebranche gearbeitet, jetzt betreibt sie eine marokkanische Kochschule. Katja Kaltenbach hat ihre Idee von einem zeitgemäßen Familienzentrum umgesetzt und Franziska Walter hängte ihren Job als Opernsängerin an den Nagel, um sich ihren Traum von einer Musikschule für Kleinkinder zu erfüllen. „Man merkt die Energie im Raum“, sagt Giffey. Die Ministerin nimmt sich Zeit, lässt sich jedes Konzept erklären, fragt nach, hört zu. Das kann sie gut, sie ist hier ganz in ihrem Element. Und Berlin, wo sie demnächst um den SPD-Vorsitz und die Nachfolge des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller kämpfen wird, ist für einen Moment lang ganz weit weg.

Hier ist Giffey ganz Bundesministerin, und Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das ist ihr großes Thema. Schon bei ihrem ersten Düsseldorf-Termin früher am Tag, einer Gesprächsrunde mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Chemie-Riesen Henkel, ist sie nicht müde geworden, Familienfreundlichkeit als Standortfaktor für Unternehmen zu preisen.

Dafür will ihr Ministerium einiges tun. Bis 2025 will Giffey den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule umsetzen. Schon jetzt habe man eine Milliarde zusätzlich für die Kindertagesstätten bereitgestellt. Das Geld soll angesichts der Corona-Krise vor allem in Hygiene- und Umbaumaßnahmen fließen. Und natürlich müsse auch die Qualität der Betreuung besser werden. Die Ministerin macht Werbung für ihr Ressort, ein bisschen Wahlkampf ist ja schon. „Kitas müssen so gut sein, dass die Eltern sie ihren Kindern nicht vorenthalten wollen“, sagt Giffey.

Sie sagt das nicht zum ersten Mal. Zwar besteht seit August 2013 ein gesetzlicher Anspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige. Doch noch hinkt der Anspruch der Wirklichkeit hinter her, Ende 2019 fehlten in Deutschland noch mehr als 300.000 Kitaplätze. Für dieses Problem sei ihr einmal bei einer Veranstaltung in Münster eine Lösung präsentiert worden, erzählt die Ministerin. Eine Frau habe ihr vorgeschlagen, man solle Mütter doch einfach zehn Jahre lang dafür bezahlen, dass sie ihre Kinder erzögen. „Dann“, so der Vorschlag, den die Frau der überraschten Ministerin präsentierte, „sparen Sie sich den ganzen Kitaausbau.“

Es ist eine lustige Anekdote, aber Giffey weiß auch, dass die Skepsis längst noch nicht überwunden ist. 40 Prozent der Frauen im Westen, so erzählt sie, glaubten einer Umfrage zufolge, es schade ihren Kindern, wenn diese vor dem dritten Lebensjahr eine Kita besuchten. Im Osten seien 28 Prozent dieser Meinung gewesen – „und auch das fand ich viel“.

Austausch unter Gleichgesinnten

Als Frau und Mutter mit „ostdeutschem Migrationshintergrund“ (Giffey über Giffey) ist ihr diese Denkweise ohnehin fremd. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es Kindern nur dann gut geht, wenn wir als Mütter ständig da sind.“

Mit den Frauen, die ihr bei den GründerMüttern gegenübersitzen, ist sie sich nicht nur in dieser Hinsicht einig. Hier, tief im Westen der Republik, spielt der vielbetonte Ost-West-Unterschied zwischen Deutschlands Frauen keine Rolle. Das Treffen mit der Ministerin ist in dieser halben Stunde längst zu einem Austausch unter Gleichgesinnten geworden und Franziska Giffey eine von ihnen.

Giffey wirkt manchmal steif, wenn Journalisten ihr ein Mikrofon vor die Nase halten, doch sie hat die Gabe, sofort eine vertrauliche Nähe herzustellen, wenn sie mit den Leuten über ihre Sorgen spricht. Und sie ist lange genug Lokalpolitikerin gewesen, um ein Prinzip verinnerlicht zu haben: nachfragen, zuhören, anpacken. Was brauchen Sie?, will sie von den Düsseldorferinnen wissen, und die haben durchaus Vorschläge, die sie der Ministerin mit auf den Weg geben wollen. Sandra Hartmann, selbstständige Inhaberin einer Versicherungsberatung, wünscht sich bessere Anbindung von Freizeitaktivitäten an die Schule und insgesamt eine bessere Lernatmosphäre. „Wo wir sie schon mal dahaben …“, sagt Hartmann. Als Rheinländerin denkt man pragmatisch.

Mutterrolle mit Führungsposition schwer vereinbar 

Katja Kaltenbach erinnert die Ministerin daran, dass viele Frauen nicht nur aus reinem Unternehmerinnengeist den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. „Viele kommen irgendwann an den Punkt, wo sie merken, dass sich gerade Führungspositionen schwer mit dem Muttersein vereinbaren lassen“, sagt die Betriebswirtin, die früher bei Daimler gearbeitet hat. „Ich würde mir wünschen, dass mehr familienfreundliche Modelle etabliert werden.“

Am Freitag wird Franziska Giffey wieder zurück in Berlin sein, zurück im SPD-Umfragetief und der Kabale um den SPD-Vorsitz. Doch das ist jetzt noch weit weg. Im Hier und Jetzt gibt es für sie als Bundesministerin noch viel zu tun.

Der Notfallplan von der Eisdiele, er muss warten.