BerlinWie man mit Niederlagen umgeht, das weiß Franziska Giffey besser als viele andere: „Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen.“ Wer über Rückschläge den Mut verliert, sollte sich gar nicht erst nach der Macht strecken. Schon gar nicht, wer derzeit als Sozialdemokratin an die Spitze möchte. In Giffeys Fall bedeutet das: ins Rote Rathaus, als Nachfolgerin von Michael Müller.

Das Missliche an Giffeys gegenwärtiger Situation: Sie müsste ihr Krönchen dringend richten, hat aber noch gar keins. An diesem Sonnabend sollte es ihr verliehen werden. Wäre keine Pandemie, stünden nicht erneut starke Einschränkungen des öffentlichen Lebens kurz bevor, dann hätte die Berliner SPD sie beim Parteitag zu ihrer neuen Vorsitzenden gewählt, gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh. Schöne Bilder hätte das gegeben, ein mutmaßlich sehr deutliches Wahlergebnis für die Konsenskandidatin, warme Worte vom Vorgänger, kämpferische Parolen von den Unterstützern.

Giffey hätte sie gebraucht. Es befinden sich ja nicht nur Stadt und Land in der Krise, sondern auch die Sozialdemokraten, die nach mehr als dreißig Regierungsjahren in Umfragen nur noch bei 15 Prozent dümpeln. Von der Seitenlinie aus muss die designierte Vorsitzende nun versuchen, das Schicksal ihrer Partei zu wenden. Und bislang scheint ihr dazu nicht viel einzufallen, außer sich – wie kürzlich in einem Interview mit dem Tagesspiegel – von weiten Teilen der eigenen Regierungsarbeit zu distanzieren.

Also hinfallen und liegenbleiben? Giffeys Glück ist es, dass der Wahlkampf in der Stadt spät beginnen wird. Er steht nicht nur im Schatten der Pandemie, sondern auch des Bundestagswahlkampfes, und der wird überhaupt erst beginnen, wenn die Union ihre Kandidatenfrage geklärt hat. Tritt Friedrich Merz an, dann polarisiert er auch den Berliner Wahlkampf zu Giffeys Gunsten. Macht der integrative Armin Laschet das Rennen, dann hat es die SPD in Berlin so schwer wie im Bund gegen ein mögliches schwarz-grünes Bündnis.

Erst im Frühjahr wird auch feststehen, wie die Stadt künftig ihr wichtigstes soziales und ökonomisches Thema verhandelt: die Entwicklung der Mieten. Voraussichtlich im ersten Quartal entscheidet das Bundesverfassungsgericht über die Zulässigkeit des Mietendeckels. Bestätigen die Richter die Berliner Regelung, dann wird das der Linken enormen Aufwind geben. Sie hätte ihre Seriosität unter Beweis gestellt und könnte sich ernsthafte Hoffnung auf den ersten Platz machen. Scheitert der Mietendeckel, dann ist der Druck auf die anderen Parteien umso größer, den enttäuschten Mietern eine Perspektive zu bieten.

Die Zeit muss Giffey nutzen. Sie muss glaubwürdige Erklärungen finden, wie die Sozialdemokraten die Verwaltung der Stadt wieder funktionsfähig machen wollen. Sie muss eine neue Bildungspolitik entwickeln, nachdem ihre Partei in dreißig Jahren die Krise der Schulen nicht meistern konnte. Und sie muss, auch das, ihren Rückhalt in der Partei stärken. Dass die Autorität der Führung in der Berliner SPD schwindet, zeigte nicht nur das Duell zwischen Michael Müller und seiner Staatssekretärin Sawsan Chebli um eine Bundestagskandidatur. Auch Giffey selbst musste einstecken: In ihrer politischen Heimat Neukölln gelang es ihr nicht, den früheren Kulturstaatssekretär Tim Renner als Bundestagskandidaten durchzusetzen. Und nicht zuletzt belastet sie weiterhin die Affäre um Plagiate in ihrer Dissertation.

Giffey hat viel zu klären. Die warmen Worte können solange noch warten.