Ziena Abou steht nach dem Erhalt ihrer Einbürgerungsurkunde im Rathaus Pankow. Sie kam 2014 nach Deutschland.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinDeutsch wird man pünktlich. Wie es das Klischee will. Der Verwaltungsbeamte hatte am Telefon halb zehn gesagt. Und da sitzen wir nun, Ziena Abou, eine syrische Frau in Deutschland, und ich, die Journalistin, die sie bei diesem großen Triumph begleitet. Punkt 9.30 Uhr öffnet sich im historischen Pankower Rathaus, Erdgeschoss unten links, eine Bürotür. Und ein freundlicher Mensch bittet herein. „Das ist der große Moment“, flüstert Ziena, als sie dem Mann in einen Raum so groß wie eine Gefängniszelle folgt. Sie sagt das leise, aber es sollten drei Ausrufezeichen hinter diesem Satz stehen, weil er mit Sicherheit direkt von Herzen kommt.

Wer nicht aus einem Kriegsgebiet stammt wie Ziena Abou, 47 Jahre alt und aus Damaskus in Syrien, wer nicht wie sie seit Jahren auf diesen Moment hingefiebert und hingearbeitet hat, kann nicht nachvollziehen, was jetzt in ihr vorgeht. Sie sieht hellwach aus. Der Anruf des Beamten hat sie im Urlaub in Griechenland erreicht. Sie ist am Vortag zurückgeflogen. Sie hat kaum geschlafen in der Nacht vor lauter Aufregung, und trotzdem zieht sie nun klaglos noch mal los, um am Kassenautomat eine Gebühr für die Einbürgerung zu bezahlen. 255 Euro kostet es, Deutscher zu werden. 64 Euro sind noch offen und müssen bezahlt werden.

Es gibt auch noch einen Haufen Formulare zu unterschreiben. Aber dann kann sich Ziena von ihrem Stuhl erheben für den einzigen ehrwürdigen Moment in dieser Zeremonie. „Ich erkläre feierlich“, spricht sie dem Beamten nach. Dass sie das Grundgesetz und auch alle anderen Gesetze achten wird und ihrem neuen Land keinen Schaden zufügen wird. Dann kommen ihr die Tränen. Ganz kurz nur. Aber die vielen Gefühle müssen jetzt eben mal raus. Der Beamte wartet einen Moment und sagt, das komme häufiger vor, dann gratuliert er ihr. Ziena Abou Saeb, so ihr vollständiger Name, ist jetzt deutsche Staatsbürgerin.

Ohne Blumen und Erinnerungsfotos

Fünfzehn Minuten. Keine Fanfaren, kein Feuerwerk. Das hatte man sich vielleicht auch nicht vorgestellt in einem deutschen Rathaus. Nicht umsonst heißt es Einbürgerung und nicht „Hurra, endlich Deutsche“. Aber ein bisschen pompöser irgendwie schon. Wegen Corona ist ja alles zurzeit reduziert und viel dünner als sonst. Und Ziena nimmt auch gar nicht wahr, dass der Raum kaum acht Quadratmeter groß ist, es keine Blumen gibt, keine Ansprachen, keine Erinnerungsfotos mit der Familie fürs Album zu Hause. Aber ein bisschen mehr wäre schon ganz schön und auch angemessen. Auch wenn dies Deutschland ist und Pathos uns nicht liegt. Wenn Corona keinen Strich durch macht, wird es im kommenden Jahr aber immerhin einen Empfang mit dem Bezirksbürgermeister geben, zu dem auch Ziena Abou eingeladen wird.

Es hat Ziena viel Kraft gekostet, bis in dieses Pankower Büro vorzudringen. Sie bereut es nicht. Und sie kritisiert auch nichts. „Das ist wie ein Sieg für mich jetzt. Ich gehe niemals mehr nach Syrien zurück. Ich gebe den Pass ab, wenn sie das hier wollen. Ich gebe alles ab, ich hab die Papiere dabei. Syrien ist eine Katastrophe. Es gibt große Städte dort, in denen die Menschen kein Wasser mehr haben. Man kann dort nicht leben“, sagt sie. Den Pass darf sie behalten, wenn sie das will. Auch ihre syrische Staatsbürgerschaft. Sie hat jetzt beide, die deutsche und die syrische.

Ziena Abou ist seit sechs Jahren in Deutschland. Als Angela Merkel ihren berühmtesten Satz sagte, war sie schon da. Gekommen über ein Austauschprogramm der Universitäten Berlin und Damaskus. Im Sommer 2014 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU in Berlin, hangelte sich von Stipendium zu Stipendium. Ihr Visum lief ab. Sie wollte nicht zurück, weil in ihrem Heimatland ein Bürgerkrieg tobte. Sie wollte ihre Familie aus diesem Krieg herauskriegen. Aber sie wusste nicht wie. Ein Leben in Damaskus erschien ihr nicht mehr lebenswert. Eine Stadt, in der täglich Bomben explodierten. Nachbarskinder getroffen wurden. Ihr Mann und die vier halbwüchsigen Kinder die Wohnung nicht mehr verlassen konnten.

Wir haben schon einmal berichtet über Ziena und ihre Familie. Das war im Sommer 2014. Ziena Abou war verzweifelt. Sie hatte ihre Familie seit Monaten nicht persönlich gesehen, nur auf dem Computerbildschirm. Einmal hat sie einen Flug nach Damaskus gebucht und alle einfach überrascht. Sie hat ein Video davon gemacht und es mir gezeigt. Man sah die älteste Tochter die Tür öffnen und in Tränen ausbrechen, als die Mutter ihr unvermittelt gegenüber stand. Gemeinsam haben wir mit der Familie in Damaskus über Skype gesprochen. Die Kinder erzählten, womit sie den Tag verbringen. Die Jüngste, Riem, 15 Jahre alt, malte Bilder – viele Bilder. Was sonst konnte sie tun. Wie langweilig es sein kann, wenn man die Wohnung nicht verlassen kann. Selbst im Krieg. Erst mit dem Lockdown unter Corona haben wir eine Ahnung davon bekommen.

Ziena Abou wollte in Deutschland bleiben, gemeinsam mit der Familie. Sie wollte aber auch niemandem zur Last fallen, kein Asyl beantragen, nicht in einem Heim wohnen, sich nicht versorgen lassen. Sie sah sich als selbstbewusste und selbstständige Frau. Sie musste nur noch ihre Familie heil aus dem Krieg ins sichere Deutschland holen. Nur noch. Damals ist mir klar geworden, dass in Syrien der Mittelstand auf der Flucht ist. Menschen wie wir. Mit einem vergleichbaren Leben: Schule, Ausbildung, Karriere, Familienplanung und Sommerurlaub.

Wer Ziena betrachtet, 166 Zentimeter groß, ihre gepflegte Erscheinung, kann sich nicht vorstellen, wie sie kämpfen kann. Wie zäh sie ist. Wir haben uns auf einer Veranstaltung für Angehörige von Syrern im Krieg kennengelernt. Vielleicht hätte mir schon damals klar sein sollen, dass Ziena es schaffen würde. Während die anderen Frauen und Männer im Raum erzählten, wie es ihren Brüdern, Schwestern, Kindern, Eltern in Syrien ging, im Tonfall eher klagend, stellte Ziena gezielte Fragen nach ihren Möglichkeiten. Sie wollte wissen, wie es geht. An wen sie sich wenden muss. Wie die Rechtslage ist. Wer ihr nützen könnte. Ein Nein akzeptierte sie nicht. Sie versuchte es dann einfach noch einmal.

2014 konnte Ziena kein Wort Deutsch. Sie hat sich schließlich selbst überwunden, Asyl beantragt und auch gleich die Familienzusammenführung. Sie hat sich einen Job gesucht als Dolmetscherin und gleichzeitig Deutsch gelernt. Sie hat Praktika in der Sozialarbeit absolviert und abends telefonisch die Familie und die Schulkarrieren ihrer Kinder in Damaskus gemanagt. 15-mal hat sie für jede ihrer beiden älteren Töchter Anträge auf Stipendien an deutschen Hochschulen gestellt, bis es geklappt hat. Als die Familie in Beirut ihre Visa abholen konnte, hat sie für alle Termine in den deutschen Behörden gemacht. Das Flugzeug landete abends, am nächsten Morgen Ausländerbehörde, nachmittags Bürgeramt, abends Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre.

Ziena Abou und ihr Kampf um ihre Familie sind eine Erfolgsgeschichte. Sie sind jetzt alle in Berlin. Ihr Ehemann, von dem sie heute getrennt lebt, und ihre vier Kinder: Riem, Ali, Sara und Yara. Sie sind heute alle volljährig, Riem, die Jüngste, ist 20 Jahre alt und hat in diesem Sommer ihr Abitur bestanden. 1,9 ist ihr Notendurchschnitt. Sie malt immer noch. Die anderen drei studieren oder haben ihr Studium abgeschlossen und arbeiten: Informationstechnik, Wirtschaft, Bauwesen. Sie haben in Rekordzeit Deutsch gelernt, sie können eigene Anträge zur Einbürgerung stellen. Ziena hat an der Alice-Salomon-Hochschule neben ihren Jobs soziale Arbeit studiert. Sie arbeitet bei einem Sozialunternehmen, betreut Menschen mit psychischen Schwierigkeiten. Sie wohnt mit ihren Kindern gemeinsam in Pankow.

Das ist wie ein Sieg für mich jetzt. Ich gehe niemals mehr nach Syrien zurück. Ich gebe den Pass ab, wenn sie das hier wollen. Ich gebe alles ab, ich hab die Papiere dabei. Syrien ist eine Katastrophe.

Ziena Abou Saeb

Wir haben viele Menschen aus Syrien, dem Irak, afrikanischen und asiatischen Ländern in den vergangenen Jahren getroffen und begleitet. Schwierigkeiten gab es immer. Agid Sulaiman, ein junger Syrer, wohnt immer noch im Containerdorf in Köpenick. Seit mittlerweile sechs Jahren. Er hat gekämpft um sein Aufenthaltsrecht, und andere haben für ihn gestritten: der Bundespräsident und die Berliner Härtefallkommission. Aber es ging trotzdem lange nichts. Geduldet, dann plötzlich ausreisepflichtig, wieder geduldet, wieder kurz vor der Abschiebung, weil er über Bulgarien eingereist war. Ohne Aufenthaltsrecht, aber keine Wohnung, keine Arbeitserlaubnis, kein Sprachkurs. Agid Sulaiman verfiel in Depressionen. Jetzt, nach sechs Jahren, hat er vor drei Wochen die Nachricht bekommen, dass er bleiben darf. Es ist fast wie ein Wunder.

Bashir Zakaria aus Nigeria ist nicht mehr am Leben. Er hatte auf der Überfahrt von Libyen übers Mittelmeer seine beiden Kinder verloren. In Berlin hatte er mit anderen Männern ein Camp auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg errichtet und es dann wieder abgebaut, als der Berliner Senat versprach, die Männer unterzubringen, obwohl sie über Italien eingereist waren. Sie hofften auf eine Perspektive. Bashir Zakaria ist gestorben.

Zu den drei Syrern, die wir 2013 in der Abschiebehaft besucht haben, haben wir den Kontakt verloren. Deutschland fühlte sich für sie nicht zuständig. Sie sollten nach Bulgarien abgeschoben werden.

Baraa, ein syrischer Mann, trat 2015 in einem Berliner Heim in einen Hungerstreik. Seine Familie wartete in Damaskus auf ein Visum, und es kam einfach nicht. Erst als der Fall in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, war die Ausreise auf einmal kein Problem mehr. Die Botschaft als Ventil, das den Zustrom nach Deutschland dosiert. Baraa lebt heute mit seiner Familie in Köpenick und macht eine Ausbildung zum Erzieher.

Keine Angst vor den Syrern

Manche, wie Mariam und Heitham mit ihren fünf Kindern, eine syrische Familie in Marzahn, begleiten wir weiter. Sie sind noch am Anfang. Die Eltern kämpfen mit der deutschen Sprache, aber an den hervorragenden Schulleistungen der Kinder kann man sehen, dass mindestens die jüngere Generation ihre Chancen gut nutzen wird. Und letztlich meinte Angela Merkels berühmter Satz ja auch weniger den einzelnen Geflüchteten und mehr die deutsche Gesellschaft insgesamt. Dass wir alle es wohl schaffen werden, diese Menschen vor allem aus Syrien und dem Irak, aber auch aus Afrika und Asien, die damals kamen, zu integrieren. Ohne dass unser Wohlstand in Gefahr gerät. Dass das wichtig ist, ist auch eine Wahrheit und die Notwendigkeit einer Selbsterkenntnis.

Ziena Abou glaubt fest daran, dass es gelingt. Sie sieht ihre Familie als positiven Beweis. Sie will davon erzählen – auch, weil sie signalisieren will, dass keine Gefahr von ihnen ausgeht. Niemand müsse Angst vor den Syrern haben. Im Gegenteil. Sie wollten etwas beitragen.

Wie die deutsche Geschichte der einzelnen Geflüchteten verläuft, ist oft vom Zeitpunkt des Ankommens in Deutschland abhängig. Welche Bestimmungen gerade gelten. In welchem Land man Asyl beantragt hat. Davon, ob die Familie nachziehen darf. Ob die Behörden überfordert sind wie 2014 und 2015 oder alles eine Routine gefunden hat, wie jetzt. Wie groß der Zustrom gerade ist. Man sollte das nicht unterschätzen.

Es kommt aber auch darauf an, auf wen man trifft in Deutschland, wer einem zur Seite steht. Und natürlich auf die Persönlichkeit des Einzelnen.

Direkt nach der Einbürgerung läuft Ziena Abou im Pankower Rathaus über den Gang hinüber ins Bürgeramt, um einen Pass und einen Personalausweis zu beantragen. An diesem Tag ist kein Termin mehr zu bekommen, teilt eine Dame am Schalter mit. Sie soll es online versuchen. Aber Ziena geht lieber einen Kaffee trinken. Eine halbe Stunde später ist sie zurück. Und nun hat plötzlich doch eine Mitarbeiterin Zeit. So muss es gelaufen sein, bei Ziena Abou. „Ich gebe nicht auf“, sagt Ziena. Niemals? Sie lacht. Niemals ist ein großes Wort.