Ein „Bürgerkrieg“ sei über seine Stadt hereingebrochen – mit diesen drastischen Worten fasste Eindhovens Bürgermeister John Jorritsma am Montagmorgen gegenüber der Presse die Ausschreitungen zusammen, die als Reaktion auf die am Abend zuvor eingeführte nächtliche Ausgangssperre stattgefunden hatten. Diese Kriegsrhetorik, zu der europaweit schon monatelang metaphorische Maschinengewehre knattern, ist hierzulande neu: Die politische Bildsprache der regierenden neoliberalen VVD ignoriert die kollektive Erfahrung mit der Pandemie ebenso wie eine mögliche Rolle des Staates in ihrer Bekämpfung.

Mark Rutte bagatellisiert Covid-19 als „Marathonlauf“, den es zu vollenden gilt, und die Gesellschaft als „kranken Patienten“, als hätte Frau Antje bloß einen schlimmen Schnupfen. Weiterhin wurden Hände geschüttelt, holländischen Mündern und Nasen ließ man ihre Freiheit. Seine Politik der Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen kam Rutte auch ganz gelegen: War es für frühzeitige Maßnahmen in aller Besonnenheit zu spät, konnte er seine Versäumnisse später auf unsichtbare Instanzen abwälzen – jene höheren Mächte, auf die man keinen Einfluss hat (Brüssel), oder verantwortungslose Individuen außerhalb (Tagestouristen aus Belgien und Deutschland) oder innerhalb der niederländischen Gesellschaft (feiernde Jugendliche oder, immer plausibel: zusammenrottende Ausländer).

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