Silke Gebel (Grüne).
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BerlinRascheln, Kramen, Stimmengewirr am anderen Ende der Leitung. „Moment, das Kind sucht noch den zweiten Schuh!“, sagt Silke Gebel. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen hat drei Kinder – eins, fünf und sieben Jahre alt –, und zugleich einen der familienfeindlichsten Jobs im Abgeordnetenhaus. Die 37-Jährige ist für Kollegen wie Presse zentrale Ansprechpartnerin zu allen wichtigen, besonders den tagesaktuellen Themen. Das bedeutet Rufbereitschaft, sieben Tage die Woche. Manchmal erklärt Gebel komplizierte Gesetzgebungsverfahren, während sie die Kinder badet, oder leitet Sitzungen mit dem Baby auf dem Schoß.

Parität ist das Spezialgebiet der 37-Jährigen und ein Kernthema der feministischen Ökopartei. Seit Jahrzehnten verpflichten sich die Grünen freiwillig zur Parität. Absurderweise könnte sie als Pflicht im Parlament aber auch für sie zu einem Problem werden.

Will keine Frau mehr reden, müssen auch die Männer schweigen

Denn während die meisten Paritätsgesetze auf eine 50/50-Verteilung zwischen Männern und Frauen  abzielen, haben die Grünen sich eine parteiinterne Quote verordnet, die sehr viel weiter geht. Alle ungeraden Plätze auf Wahllisten – also auch der besonders begehrte Platz 1 – sind für Frauen reserviert, auf den geraden Plätzen können außerdem Männer und Frauen kandidieren. So ist eine 50+-Frauenquote garantiert, potenziell möglich sind auch 100 Prozent Frauenanteil. Auf Parteiveranstaltungen müssen Frauen und Männer sich als Redner abwechseln. Melden sich keine Frauen mehr, wird die Redeliste geschlossen.

Für Gebel waren diese Instrumente eine Wohltat, als sie den Grünen beitrat. Politisch aktiv ist sie schon seit der Schulzeit. Sie organisierte Proteste an ihrer Schule gegen die Verkürzung des Abiturs von dreizehn auf zwölf Jahre. Danach trat sie den Jungen Europäischen Föderalisten bei, ein überparteilicher Verband, der eine jüngere Europapolitik fordert – vor allem männlich besetzt. Hier interessierte man sich oft mehr für die Klamotten, die Gebel trug, als für das, was Gebel sagte. Das Thema Genderpolitik erntete Schmunzeln. Ganz anders bei den Grünen, sagt Gebel: „Plötzlich ging es nicht mehr darum, wie man aussieht, wer sich am besten verkauft. Sondern darum, was man im Kopf hat, was man kann.“

Höchster Frauenanteil im Parlament

Die Hebel zeigen bei den Grünen Wirkung. Sie schicken die meisten weiblichen Abgeordneten ins Parlament, ihr Frauenanteil liegt bei mehr als 60 Prozent. Ein Paritätsgesetz, das allen Parteien die 50/50-Regel verordnet, wäre für sie deswegen ein einzigartiges Problem: Sie hätten zu viele Frauen. Den Anteil zu reduzieren, kommt für sie aber nicht infrage. Die Vorreiter bestrafen? Gebel kann über diese Vorstellung nur herzlich lachen.

Die Grünen schließen sich deswegen nicht dem Gesetzesentwurf der Berliner Linken an, sondern plädieren für eine „atmende Quote“. Ein System, das manchen Parteien mehr Frauen, anderen mehr Männer erlaubt – solange der Schnitt im Parlament insgesamt am Ende bei 50/50 liegt. Die rechtliche Ausführung ist kompliziert. Doch Gebel hat nachgerechnet, sie hält die Ergebnisparität mit der Quotierung der Grünen für vereinbar.

Dass es die Frauenquote im Parlament dringend braucht, davon ist Gebel fest überzeugt, sagt sie. Corona sei zurzeit das beste Beispiel: Die Politik müsse schnell reagieren, der gesamte politische und private Erfahrungsschatz seien gefragt. „Als Seehofer und Co. noch darüber diskutierten, dass man Fußballspiele weiter zulassen soll, da diskutierte man in meinem Umfeld schon über Spielplätze, Schulen, die Kinderbetreuung.“