Istanbul - Sie erschien mit einem überschminkten blaugeschlagenen Auge im Plenarsaal des Parlaments in Ankara – und löste damit eine neue, scharfe Debatte über die zunehmende Gewalt gegen Frauen in der Türkei aus. Fatma Salman Kotan, Abgeordnete der konservativ-religiösen Regierungspartei AKP, hatte den Mut, sich vergangene Woche im Plenum als verprügelte Ehefrau vor den Kameras zu präsentieren. Von einem „Foto der Brutalität“, sprach der Parlamentssprecher Cemil Cicek. Politische Kommentatoren klagen, dass das im März eingeführte neue Gesetz gegen häusliche Gewalt bislang wirkungslos geblieben sei.

Fatma Salman Kotan, 42 Jahre alt und dreifache Mutter, die sich als Politikerin seit Langem besonders für Frauenrechte einsetzt, erklärte, dass sie sich im gegenseitigen Einvernehmen habe scheiden lassen wollen. Doch Mitte November habe ihr Mann Idris Kotan plötzlich seine Meinung geändert und sie schwer verprügelt; sie sei von ihrem Sohn gerettet worden. Die Abgeordnete erhielt inzwischen Polizeischutz, wurde im Schnellverfahren geschieden, die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Mann aufgenommen, dem mehrere Jahre Haft wegen Körperverletzung drohen. Beide stammen aus der ostanatolischen Provinz Agri, in der kurdische Clanstrukturen und patriarchalische Vorstellungen das Leben weiter prägen.

Zahl der Opfer steigt

Fatma Salmans Fall erinnert die türkische Öffentlichkeit daran, dass die Zahl weiblicher Opfer häuslicher Gewalt im Land trotz des neuen Gesetzes stetig ansteigt. Tatsächlich haben sich Fälle häuslicher Gewalt laut einem Parlamentsreport in den vergangenen vier Jahren verdoppelt. Nach einer Zählung des Internetportals Bianet wurden 137 Frauen in den ersten zehn Monaten dieses Jahres von ihren Männern, Ex-Männern oder Lebensgefährten getötet. Frauenrechtsorganisationen klagen, dass der Staat gefährdete Frauen zu wenig schütze.

Die zuständige Familienministerin Fatma Sahin beteuerte jetzt zwar: „Wenn Experten feststellen, dass es häusliche Gewalt gibt, wird gerichtlicher Schutz für die Frau angeordnet – ob es sich um eine Abgeordnete handelt oder nicht.“ Doch steht dem oft das zeitraubende Scheidungsverfahren im Weg. Fatma Salman Kotan dagegen wurde noch am Tag ihres Auftritts im Parlament von einem Gericht in Ankara geschieden. Der Normalfall sei das nicht, erklärten Frauenrechtsverbände. Männer, die Frauen prügeln, vergewaltigen und ermorden, würden von der Justiz weiterhin nur auf dem Papier verfolgt.

Keine Hilfe der Behörden

Und die Gewalt hält an. Am 6. Dezember, dem Tag des Skandals im Parlament, tötete ein 36-Jähriger seine neun Jahre jüngere Ex-Freundin Gülsah Aktürk im zentralanatolischen Konya, wo sie Schutz bei ihren Eltern gesucht hatte. Weil er ihr Todesdrohungen schickte, hatte die junge Lehrerin zuvor die staatlichen Behörden um Hilfe gebeten. Die Antwort des Vize-Gouverneurs der Provinz Van: „Schlimmstenfalls wirst du sterben, denn seinem Schicksal kann man nicht entrinnen.“