Wenn Frauen sich nicht einschüchtern lassen: Femen-Protest am Reichstag. 
Foto: Rolf Zöllner/imago-images

BerlinDiesmal kamen die Urlaubsgrüße von Katharina Schulze besser an. „Das war so ein schöner Urlaub: ausschlafen, lesen, essen, draußen und am Meer sein“, postete die 33-jährige Fraktionschefin der Grünen im Bayerischen Landtag aus Dänemark zusammen mit einem Gute-Laune-Foto kürzlich auf Instagram. Sie bekam mehr als 1100 Likes dafür und viele gute Wünsche.

 Vor einem guten Jahr sah das noch ganz anders aus. Da hatte sie einen sehr großen Eisbecher fotografiert und „starting the year right“ daruntergeschrieben. Sofort setzte ein Shitstorm ein. Den Eisbecher hatte sie beim Neujahrstrip nach Kalifornien abgelichtet – und obendrein steckte auch noch ein rosa Plastiklöffel in der Eiskugel. Langstreckenflug, Plastikgeschirr, Einwegbecher – das gab hässliche Reaktionen im Netz und angesichts Schulzes politischer Stellung natürlich auch noch diverse Zeitungsartikel.

Auch die 19-jährige Lilly Blaudzun hat vor einigen Tagen die unangenehme Erfahrung gemacht, dass sich die eigenen Follower auch sehr schnell gegen einen stellen können. Die Studentin hat zwar weder ein Amt noch ein Mandat, wirbt aber fleißig für die SPD. Sie soll ganz gut mit Manuela Schwesig, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, bekannt sein und spricht sich auch ab und zu mal dafür aus, den Kapitalismus abzuschaffen. Nebenbei ist sie auf Instagram tätig und hat in dieser Eigenschaft bezahlte Werbung für einen Laptop gemacht. Ein Werbespot von einer Antikapitalistin - auch hier war der Aufschrei groß.

Noch übler erwischte es Ricarda Lang. Die 26-Jährige wurde heimlich im Zug fotografiert, mit einer Tüte Fastfood, die vor ihr auf dem Tisch stand – und das, obwohl die Grünen gerade überlegen, ob man TV-Werbung für Fastfood nicht verbieten sollte. Darauf wies eine AfD-Genossin hin und schrieb in ihrem Tweet unter das heimlich aufgenommene Foto hämisch: „Lass es Dir schmecken, Ricarda.“ Um die besondere Fiesigkeit der Bemerkung einschätzen zu können, sollte man wissen, dass Lang keine Model-Maße hat und sich seit Jahren couragiert gegen Bodyshaming zur Wehr setzt.

Auffallend ist, dass sich schnell Schimpfnamen für die angeblich Gefallenen finden. So musste sich zum Beispiel Luisa Neubauer, eine der bekanntesten Aktivistinnen von Fridays for Future, als „Langstrecken-Luisa“ beschimpfen lassen, weil sie nicht jede Strecke mit dem Rad oder dem Zug zurücklegt. Die Bayerin Katharina Schulze geisterte als „Kerosin-Katha“ durch diverse Zeitungsartikel.

Hass und Häme im Netz können natürlich jeden treffen, doch Studien in den vergangenen Jahren zeigten, dass besonders häufig Frauen betroffen sind. Und: Je männerdominierter die Branche, desto stärker bläst ihnen der eisige Wind ins Gesicht. Es hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Je jünger die Frauen sind, die sich in die Öffentlichkeit wagen, desto heftiger kriegen sie beim geringsten Anlass eins aufs Maul. Man muss es so krass ausdrücken, wenn man sich nur mal einen Teil der Kommentare ansieht, die solche Hassposts generieren.

Man kann auch sagen: Je jünger die Frauen sind, desto unnachgiebiger wird auf jedem vermeintlichen oder auch tatsächlichen Fehler herumgeritten. Offensichtlich müssen die jungen Politikerinnen oder Influencerinnen den „Mangel“ an Lebensjahren mit einem erhöhten Anspruch an Glaubwürdigkeit wettmachen. Wer Eis mit dem Plastiklöffel isst, darf nicht über Umweltpolitik sprechen. Dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde seine Vorliebe für das Anzuglabel Brioni auch häufig vorgeworfen. Das hatte ebenfalls etwas Hämisches, doch seine Glaubwürdigkeit zog man deshalb nicht ernsthaft in Zweifel.

Es gibt auch einige, die jetzt sagen, das hätten sich die betroffenen Frauen selbst zuzuschreiben. Tenor: Ihr wollt berühmt sein, also haltet gefälligst auch die Schattenseiten aus. Das aber ist die wahre Perfidie in dieser Diskussion: Wer beliebt sein oder auch nur ein paar Inhalte diskutieren will, muss sein Quantum an Hass mit einkalkulieren - als sei es ein Naturgesetz, dass es in den sozialen Medien ungerecht und finster zugeht. Viel zynischer kann man gar nicht argumentieren.

Bei Lilly Blaudszun haben die Hater erst einmal Erfolg gehabt. Sie hat ihren Twitter-Account gelöscht. Katharina Schulz, die schon einige Stürme erlebt hat, hat sich den Shitstorm im vergangenen Jahr erst einmal angesehen und dann erklärt, dass es ihre Privatsache sei, wo sie ihren Urlaub verbringe. Man könne auch für Umweltpolitik streiten, wenn man nicht zu 100 Prozent ökologisch lebe. Das Foto vom Eisbecher steht immer noch auf Instagram - allerdings ohne Kommentarfunktion.