Berlin - Der Anteil der Frauen in den höchsten Spitzenpositionen in Deutschland steigt – allerdings nur sehr langsam. Das geplante sogenannte zweite Führungspositionengesetz könnte die Entwicklung beschleunigen, kann aber nur ein Anfang sein.

Zu diesem Ergebnis kommen die Autorinnen des aktuellen Managerinnen-Barometers des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Im Herbst vergangenen Jahres gab es demnach in den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland 101 Frauen – sieben mehr als im Jahr davor. Bei insgesamt 878 Vorstandsposten entspricht das einem Anteil von etwa zwölf Prozent und einem Plus von einem Prozentpunkt. Besonders in den Vorständen der größten Banken und Versicherungen erhöhte sich der Frauenanteil nur sehr langsam, bei den Dax-30-Unternehmen stagnierte er gar.

„In vielen Vorständen bleiben die Männer nach wie vor unter sich“, sagt Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am DIW Berlin und gemeinsam mit Anja Kirsch von der FU Berlin Autorin des Managerinnen-Barometers, am Mittwoch in Berlin. Besonders mau sieht es im Finanzsektor aus – dabei ist der Frauenanteil in dieser Branche traditionell insgesamt besonders hoch. Dass die Frauen trotzdem so selten bis an die Spitze vorstoßen, liege auch daran, dass der Finanzsektor im Vergleich besonders familienunfreundlich sei. „Mehr noch als in anderen Unternehmen werden in diesem Sektor überlange Arbeitszeiten und viele Überstunden überproportional belohnt, Teilzeit gilt noch mehr als Karrierekiller als anderswo“, sagt Katharina Wrohlich. 

Deutsche Vorstände hinken im europäischen Vergleich hinterher

Besser als in den Vorständen sieht es in den Aufsichtsräten aus, wo schon seit 2015 eine Geschlechterquote gilt: Hier stieg der Frauenanteil in den Unternehmen im Herbst 2020 auf rund 36 Prozent, überschritt die gesetzlich vorgeschriebene 30-Prozent-Marke also deutlich.

Der Erfolg der Quote zeigt sich auch im europäischen Vergleich: Beim Frauenanteil in Aufsichtsräten der größten börsennotierten Unternehmen liegt Deutschland weit über dem Durchschnitt von 31 Prozent. Spitzenreiter ist Frankreich: Hier ist fast die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder weiblich.

Bei den Vorständen wiederum hinkt Deutschland mit 15 Prozent Frauenanteil hinter dem europäischen Durchschnitt von 19 Prozent hinterher. Am besten schneidet hier Litauen mit einem Frauenanteil von 29 Prozent ab.

Die Studienautorinnen erhoffen sich von der neuen Quotenregelung für Vorstände einen ähnlichen Effekt wie in den Aufsichtsräten. Der Anfang Januar im Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf sieht vor, dass es in den Vorständen der Unternehmen, die sowohl börsennotiert als auch paritätisch mitbestimmt sind, mindestens eine Frau geben muss – und mindestens einen Mann. Voraussetzung ist, dass der Vorstand mehr als drei Mitglieder hat.

Um das zu erreichen, seien die Unternehmen allerdings zum Umdenken gezwungen. „Gerade in der Hierarchieebene direkt unter dem Vorstand sind Frauen deutlich unterrepräsentiert“, sagte Katharina Wrohlich. „Die Unternehmen sollten das dringend ändern, sonst werden sie Schwierigkeiten haben, die Vorgaben zu erfüllen.“

Das geplante Gesetz hält Wrohlich für ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal, das aber nur ein erster Schritt sein könne. „Wir kommen von einem niedrigen Niveau, was die Beteiligung von Frauen an der Spitze von Unternehmen angeht. Es ist nicht zu erwarten, dass sich durch ein einzelnes Gesetz in kurzer Zeit viel ändern wird.“ Die Ökonomin erhofft sich allerdings eine Strahlkraft der größten Unternehmen auch auf die Firmen, die nicht an die gesetzlichen Maßnahmen gebunden sind. „Die Forschung zeigt: Je mehr Frauen in sehr hohen Führungspositionen sichtbar sind, desto eher werden geschlechterstereotype Zuschreibungen in der Gesellschaft abgebaut – und das ist ja einer der Gründe dafür, dass es so etwas wie eine gläserne Decke für Frauen überhaupt gibt.“

Frauen an der Spitze verbessern die Unternehmen

Die Unternehmen wiederum würden von mehr Frauen an der Spitze aller Voraussicht nach profitieren, prognostizieren Wrohlich und Kirsch.

Für das Managerinnen-Barometer haben die Wissenschaftlerinnen auch die Arbeitskultur in den Aufsichtsräten von 75 börsennotierten Unternehmen untersucht und dafür Interviews mit jeweils 30 Frauen und Männern in den Gremien geführt. Das Ergebnis: Frauen im Aufsichtsrat verbessern die Interaktion und die Entscheidungsfindung. Die Befragten empfanden die Atmosphäre außerdem als konstruktiver und höflicher.

Entgegen der gängigen Vorstellung waren die Beiträge der Aufsichtsrätinnen insgesamt aber nicht etwa risikoscheuer oder ethischer als die ihrer männlichen Kollegen. Allerdings hinterfragten Frauen Vorschläge und Entscheidungen des Vorstands eher als Männer, forderten häufiger mehr Informationen und zeigten sich insgesamt investigativer. „Ein höherer Frauenanteil in Aufsichtsräten kann also dazu beitragen, Vorstandsentscheidungen effektiver zu kontrollieren“, analysiert Anja Kirsch.