Dies ist die traurige Geschichte eines toten Mädchens. Amina Filali aus der Stadt Larache an der marokkanischen Atlantik-Küste, war 2011 vergewaltigt worden. Als sie sich, zwei Monate danach, ihren Eltern offenbarte, gingen diese vor Gericht. Doch der Staatsanwalt ging nicht gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger vor. Stattdessen riet er der Familie, ihre Tochter mit dem Mann zu verheiraten, um ihre Ehre wiederherzustellen.

Die Heirat fand statt. Der 24jährige Bräutigam willigte ein, weil das Gericht ihm mit einer langjährigen Haftstrafe wegen der Vergewaltigung drohte. Die Braut stimmte zu, weil ihre Eltern sie dazu drängten.

Fünf Monate dauerte die Ehe. Amina wurde so brutal von ihrem Mann verprügelt, dass sie ihre Eltern um Hilfe bat. Doch die rieten nur zu Geduld. Da brachte sich die verzweifelte Amina Filali um. Mit Rattengift. Vier Wochen ist das jetzt her.

Schutz der Ehre

Seither aber sind Marokkos Frauen aufgewacht. In dem nordafrikanischen Königreich wird heftig darüber debattiert, wie das Recht und die Sitten der Gesellschaft Amina in den Tod trieben. Es geht um Artikel 475 des marokkanischen Strafrechts, es geht aber auch um den Ruf der gemäßigt islamistischen Regierung in Rabat.

Eigentlich dient Artikel 475 dazu, die Entführung Minderjähriger unter Strafe zu stellen. Aber er enthält einen Passus, der regelt, was passiert, wenn ein Mädchen aus freien Stücken mit einem Mann entlaufen ist. Wenn der Mann sie dann heiratet, entgeht er der Strafverfolgung. Nach amtlichen Statistiken wurden 2010 in Marokko 41.000 Ehen mit minderjährigen Frauen geschlossen, ein Viertel mehr als im Jahr davor.

Marokkanische Strafrechtler sagen, Artikel 475 sei keineswegs dazu gedacht, Vergewaltigungen zu decken. Es geht darum, in einer muslimisch geprägten Gesellschaft den Ruf des Mädchens und der betroffenen Familien zu schützen. Doch marokkanische Frauenrechtler sagen, dass es Tausende von Fällen gebe, in denen sich Vergewaltiger auf diese Weise vor Strafe schützen. Die marokkanische Webseite Yalibadi berichtete, in der vergangenen Woche habe sich ein weiteres minderjähriges Mädchen umgebracht, um der Heirat mit seinem Vergewaltiger zu entgehen.

Fast 800.000 Unterschriften

"Dieser Artikel schützt die Vergewaltigung, er bedeutet eine völlige Verachtung der Frau", sagt die Anwältin und Feministin Fatiha Daoudi. "Solange sie Jungfrau ist, ist sie etwas wert, aber wenn sie das nicht mehr ist, kann man sie den Hunden zum Fraß vorwerfen."

Seit Aminas Tod haben fast 800.000 Menschen eine Internet-Petition unterzeichnet, in der die Abschaffung von Artikel 475 verlangt wird. Doch die Regierung des gemäßigten Islamisten Abdelilah Benkirane zögert. Frauenministerin Bassima Hakkaoui, die einzige Frau in seinem Kabinett, erklärte nur, man werde keine Reform unter internationalem Druck machen. Auch der Richter, der Amina zur Hochzeit drängte, blieb bislang im Amt.