Berlin - Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Seit 2019 ist dieser Tag in Berlin ein Feiertag, und wenn es eines zu feiern gibt, dann die Frauen selbst. Redakteurinnen und Redakteure der Berliner Zeitung erzählen, welche Frauen ihr Leben verändert haben. 

Meine Mutter (I)

Meine Mutter war die Erste in der Familie, die Abitur gemacht hat. Sie träumte davon, Rechtsanwältin zu werden, brach das Studium aber ab. Sie arbeitete als Stenografin am Gericht, nachdem ich geboren wurde, trug sie Briefe aus. Als das zweite Kind geboren wurde, meine Schwester, wurde sie Hausfrau. Sie hatte kein eigenes Konto, kein Einkommen, keinen Führerschein. Sie führte mit meinem Vater eine westdeutsche Hausfrauen-Ehe. Nur halt in der DDR. Sie war das Gegenteil der vielzitierten emanzipierten Ostfrau.

Wenn ich sie als Kind fragte, warum sie keine Arbeitsstelle hatte, wie die Mütter meiner Schulfreundinnen und die Nachbarinnen, reagierte sie genervt. Meine Mutter mochte diese Frage nicht. Sie sagte, ich solle froh sein, dass ich jeden Tag ein frisch gekochtes Mittagessen bekäme. Das hätten die anderen Kinder, deren Mütter erst am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause kämen, nicht.

Als ich älter wurde, stritten wir uns oft. Meine Mutter war sehr klar in ihren Ansichten, sie war gegen Abtreibung, fühlte sich in der Gesellschaft von Männern wohler als von Frauen, und in der MeToo-Debatte stellte sie sich auf die Seite von Catherine Deneuve, die fürchtete, dass man nun nicht mehr flirten könne. Alice Schwarzer fand sie furchtbar.

Es gab Zeiten, da sah ich meine Mutter als schwach an. Ich weiß noch, wie sie manchmal in der Küche an der Spüle stand und den fünfzehnten Berg Abwasch des Tages erledigte und darüber klagte, dass wir Kinder ihr nicht mehr Dankbarkeit zeigten. Sie habe doch Opfer gebracht.

Wenn ich gekämpft habe, dann auch immer ein bisschen für sie.

Sabine Rennefanz

Wir lachten sie aus, mit der Grausamkeit, die Teenagern zu eigen sein kann. Wenn wir jemandem dankbar zu sein hatten, dann doch unserem Vater, der das Geld verdiente. Meine Mutter hatte doch selbst oft gesagt, dass sie Hausfrau sein wollte, dass eine Mutter zu ihren Kindern gehöre.

Ich habe erst viel später verstanden, dass meine Mutter mich sehr viel mehr geprägt hat, als ich dachte. Sie hatte sich mit ihrem Hausfrauenleben abgefunden, aber es war nicht ihr Ziel gewesen. Sie steckte in ihren eigenen Grenzen fest, politischen, persönlichen, geschlechtlichen, doch sie hat mir viel Triebkraft, Energie weitergegeben. Ihre Grenzen sollten nicht meine sein.

Als ich Journalistin werden wollte, hat sie mich unterstützt, gegen den Rest der Familie. Sie hat es genossen, wenn ich herumgereist bin und ihr von fremden Städten erzählt habe. Sie war stolz auf meine beruflichen Erfolge. Sie war begeistert, dass mein Mann und ich Haushalt und Kinderbetreuung aufteilten. Wenn ich gekämpft habe, dann auch immer ein bisschen für sie. (Sabine Rennefanz)

Meine Schwester

Als meine Kinder in ihrer Hund-und-Katz-Phase waren, sich entweder aus dem Weg gingen oder übereinander herfielen, habe ich irgendwo gelesen, dass Streit unter Geschwistern ganz normal ist. Und nicht nur das. Er ist sogar wichtig. Ein großes Privileg. Geschwisterkinder lernen so, dass man sich hassen, aber nicht verlieren kann. Jedenfalls nicht so leicht.

Da hatten meine Schwester und ich unsere Streitphase längst hinter uns. Was konnten wir uns anschreien, kratzen, Türen vor der Nase zuknallen, schwören, nie wieder miteinander zu reden! Und eine Stunde später Kopf an Kopf im Bett liegen und uns vorstellen, in der Wand wäre ein Fenster, das in eine geheime Welt führt, uns verbünden gegen Eltern, Lehrer, Freunde, Rhönrad-Trainer.

Ja, Rhönrad! Diese Metallräder, in die man im Gymnastikanzug steigt, um akrobatische Übungen zu machen. Meine Schwester und ich hatten kein akrobatisches Talent und immer ein bisschen Angst, aus dem Rad zu fallen, aber zusammen war es nicht so schlimm. Zusammen war alles halb so schlimm.

Foto: Privat
Anja Reich mit ihrer Schwester Katrin.

Meine Schwester hat mich gerettet, als ich mit fünf in dem Springbrunnen vorm Roten Rathaus fast ertrunken wäre. Sie hat ihre Freunde zusammengetrommelt, als Jungs auf dem Schulhof meine Mütze vom Kopf rissen und in die Mülltonne warfen. Sie hat mir Rauchen und Schminken beigebracht. Sie war bei der Geburt meines Sohnes dabei. Sie ist meine Trauzeugin und der Mensch, den ich anrufe, wenn es mir gut geht oder schlecht oder wenn ich einen Rat brauche.

Sie ist zwei Jahre älter als ich und führt ein ganz anderes Leben. Feste Arbeitszeiten, Haus, Dienstwagen, Hund, seit Jahrzehnten die gleichen Freunde, im Urlaub Fernreisen, die sie weit im Voraus bucht. Ihr Ordnungssinn bringt auch in mein Leben Ordnung, ein bisschen zumindest. Und selbst jetzt, da wir beide längst Ehefrauen, Mütter von zwei Kindern sind, sie sogar Großmutter ist, kommt sie mir immer noch viel erwachsener vor.

Große Schwester forever.

Anja Reich

Wahrscheinlich ist das einfach so, sind das unsere Rollen, das werden sie auch noch sein, wenn wir 90 sind. Große Schwester forever. Sie heißt übrigens Katrin.

Als Katrin geheiratet hat, Anfang der 90er-Jahre, konnte ich mich endlich revanchieren, endlich mal sie retten. Mein damaliger Freund, ein Journalistikstudent aus Dortmund, besaß einen roten VW Polo, aber auch eine beeindruckende Kameraausrüstung und erklärte sich bereit, die Hochzeitsfotos zu machen. Allerdings befand ich mich gerade in einer etwas unsteten Phase meines Lebens. Eine Woche vor der Hochzeit beschloss ich, Schluss zu machen mit dem Hochzeitsfotografen, sagte aber wie immer bei so wichtigen Entscheidungen vorher Katrin Bescheid. Sie sah mich an und erklärte: „Das geht nicht, nicht jetzt.“ Ich verstand sofort, was sie meinte: Diesmal musste ich erwachsen sein.

Wir feierten Hochzeit, sie trug Weiß, ich Schwarz, meine Beziehung war vier Wochen später am Ende, ihre Ehe hat bis heute gehalten, und ja, die Fotos, die sind wirklich gut geworden. (Anja Reich)

Meine Lehrerin

Ich kann mich kaum an meine Lehrer erinnern. Ihre Namen, ihre Gesichter, den Unterricht. Drei Männer fallen mir ein. Ein Sportlehrer, dem die Brusthaare aus dem Unterhemd quollen und der am Reck seine Hand unter meinen Schenkel legte. Der Mathelehrer mit Bart, der zum ersten Mal eine Klasse übernommen hatte und uns bald wieder verließ. Ein Geschichtslehrer nach der Wende, auch frisch von der Uni, der morgens mal nicht unterrichten konnte, weil er nachts durchgesoffen hatte. Drei Männer mit merkwürdigem Verhalten.

Am liebsten aber erinnere ich mich an Frau Lindemann. Ich weiß nicht genau, wie lange sie meine Deutschlehrerin war, aber sie war es im Jahr der Wende, an meiner Schule mit erweitertem Russischunterricht in Prenzlauer Berg.

Foto: Privat
Christiane Lindemann, die Deutschlehrerin von Wiebke Hollersen.

Meine Lehrerin war ganz anders als die Frauen in meiner Familie. Anders als meine Mutter und meine Oma, zwei schöne Frauen, die viel arbeiteten, viel Wert auf ihr Äußeres legten und versuchten, ihre Männer nicht zu verärgern. Erst heute verstehe ich, wie anstrengend das gewesen sein muss. Anders auch als die Frau meines Vaters, die knallbunte Klamotten trug und zu Gefühlsausbrüchen neigte.

Natürlich, sagt sie, habe sie mich nicht vergessen. Ich gehöre doch zu ihrem Leben

Wiebke Hollersen

Frau Lindemann trug unauffällige bis altmodische Pullover und wartete zu Beginn einer Stunde vor der Klasse, bis es still war, den Kopf ein bisschen schräg, ein leichtes Lächeln. Sie schien in sich zu ruhen. Das kannte ich von Erwachsenen kaum. Im Unterricht probierte sie aus, was möglich war. Wir lasen, was man lesen musste. Aber auch Astrid Lindgren. Ein Mädchen aus der Klasse hatte eine Westausgabe mitgebracht. Am Tag vor der Wiedervereinigung fragte sie uns, was mich kein anderer Erwachsener in all den wilden Monaten davor und danach gefragt hat: Wie geht es euch?

Wir sollten aufschreiben, was wir über die Einheit denken, über unser zukünftiges Land, schlug sie vor, sie würde die Texte nicht lesen, sondern für uns aufbewahren. So machte sie es auch. Meine Wendewut lag sicher verwahrt in einem Umschlag in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg, zwanzig Jahre lang, bis wir sie zu einem Klassentreffen einluden. Als ich ihr diese Woche eine E-Mail schrieb, antwortete sie mir, ich sei putzig, natürlich habe sie mich nicht vergessen. Ich gehöre doch zu ihrem Leben. (Wiebke Hollersen)

Meine Freundin

Am liebsten sitzt sie auf einer Bank an der kleinen Wiese, die sie von der Kirche pachtet, und hört ihrem klapprigen Pferd dabei zu, wie es ins Gras beißt, es ausreißt und zerkaut. Frieden und Ruhe durchströmen sie dann, und alles hat seinen guten Sinn. Karoline Klemke ist Anfang der Siebziger geboren, wir gingen in Weißensee zusammen zur Schule und sind bis heute befreundet.

Wer wissen will, wie sie als Mädchen aussah, muss sich nur an die Kinderbücher erinnern, die ihr Großvater Werner Klemke illustriert hat: Lachmund mit großen Zähnen, sonnengelbe Strohhaare und abstehende Ohren. Schon damals war ich stolz auf sie. Sie ist eine Meisterin des Chaos, eine erschütterbare Stehauffrau, Trost- und Ratspenderin, Seelenkundlerin.

Foto: Privat
Karoline Klemke, Schulfreundin von Ulrich Seidler.

Sie wuchs, von Begabungen überschüttet, in einem christlich und künstlerisch geprägten, farbenfrohen, aber auch traumatisierenden familiären Umfeld auf, schlug sich vor und nach 1989 mit realexistierenden Widersprüchen herum, wurde von Welteroberungskraft sowie Angst- und Schwindelgefühlen durchsprudelt, wie so viele, die in den Wendejahren erwachsen wurden.

Aber anders als die meisten verlor sie die Sinnfrage des Daseins nicht aus den Augen, sondern sieht sich beim Leben zu. Und wenn wir uns in unregelmäßigen Abständen treffen und sie von den jüngsten Katastrophen erzählt, die ihr das Leben und die Männer zumuten, platzt gern das Lachen aus ihr heraus. Übrigens auch, wenn es um meine Katastrophen geht.

Viel Jugendzeit haben wir qualmend in einer Weinstube namens Tasso-Eck oder ein paar Schritte weiter im Concordia verbracht. Ein ironisch beflissener Oberkellner sprach uns mit „die Dame“ und „der Herr“ an und beglückwünschte uns zu unserem guten Weißwein-Geschmack, wissend, dass die Entscheidung zwischen „Lindenblatt“ oder „Grauer Mönch“ der zwischen Pest und Cholera entsprach und am Ende so oder so Schädeldruck bedeutete. Und allen anzüglichen Blicken dieses Kellners zum Trotz: Nein, wir waren nie ineinander verliebt, zumindest nicht gleichzeitig, was unsere Partnerinnen und Partner nicht daran hindert, eifersüchtig zu sein.

Sie hat im Drachenblut gebadet, aber mindestens drei Stellen, an denen sie verwundbar ist.

Ulrich Seidler

Karoline studierte Psychologie, als wäre das Fach für sie geschaffen, suchte und bekam eine Stelle als Therapeutin im Strafvollzug. Nichts von dem, was Menschen einander antun können, ist ihr fremd.

Ich gebe zu, dass es meiner Fantasie den Vorhang zuzieht, wenn ich sie mir im Gespräch mit einem Kindermörder, Sexualstraftäter oder Kannibalen vorstelle. Und ich weiß nicht, wie sie mit der Verantwortung lebt, wenn sie als Gutachterin in Gerichtsprozessen mit darüber entscheidet, ob jemand in Sicherungsverwahrung bleibt oder entlassen werden kann.

Sie schreibt, sie malt, kümmert sich um ihre Praxis, ihr Atelier, ihre Mietwohnung und ein baufälliges kleines Anwesen mit besagter Pferdewiese. Ihre Hündin Tinka, die sie vor Jahren von polnischen Tierschützern vermittelt bekam, ist vor kurzem blind und alt, aber zufrieden gestorben.

Sie hat im Drachenblut gebadet, aber mindestens drei Stellen, an denen sie verwundbar ist: zwei große Söhne und eine noch nicht ganz so große Tochter. Du darfst Angst um deine Kinder haben, sagte sie mir, aber du darfst sie ihnen nicht zeigen. Was mit Gott ist, haben wir bis heute nicht herausgefunden. Aber sie scheint ihm zu vertrauen. (Ulrich Seidler)

Meine Mutter (II)

In meinem Freundeskreis gibt es keine Frauen, die sich nicht als Feministinnen begreifen. Die meisten unter ihnen sind das sogar aktiv. Sie sprechen und schreiben darüber. Vor allem meine Freundinnen mit Kindern sind sehr bewegt, ihre Stimme gegen die Verhältnisse zu erheben – in der Pandemie mehr denn je, weil sie inmitten der Anforderungen zwischen Job und Kind schlichtweg untergehen.

Ich tat das wiederum nie und trete meinen Freundinnen in Gesprächen damit regelrecht auf den viel verachteten Schlips. Es ist nicht so, dass mir in dieser Hinsicht keine strukturellen Probleme begegnet wären oder ich sie bei anderen nicht beobachtet hätte. In mir brannte lediglich nie der Wunsch, viel über mich als Frau nachzudenken. Meine Mutter tat das bereits. Ich erzähle oft, im Matriarchat aufgewachsen zu sein.

Foto: Privat
Katharina Brienne mit ihrer Mutter.

Wobei – streng genommen dachte meine Mutter ebenso wenig über die Themen des Feminismus nach. Im Grunde verband sie lediglich ein Umstand mit der Frauenbewegung des vergangenen Jahrhunderts: Sie war wie Alice Schwarzer in Wuppertal zur Welt gekommen.

Meine Mutter handelte, anstatt von Theorien bewegt zu sein. Als junge Frau wollte sie lieber in einer Bank arbeiten, als Kinder an ihrem Busen zu nähren. Sie interessierte sich nicht für Politik, lebte aber trotzdem ein Familienmodell, von dem heute halb Instagram handelt – sie teilte sich die Sorge um uns Kinder bereits in den 80er-Jahren mit unserem Vater. In Westdeutschland wohlgemerkt: eine Ausnahmesituation.

Frauen, die wie meine Mutter jung Kinder bekamen und nicht zu Hause blieben, stattdessen schnell wieder arbeiten gingen, gab es in der BRD nur selten.

Ich glaube, dass meine Mutter vor denselben Herausforderungen stand wie heute meine Freundinnen. Sie sprach nur nicht so viel darüber.

Katharina Brienne

Letztlich ließe sich sogar sagen, Väter wie meinen gab es in Westdeutschland kaum. Mein Vater arbeitete wie meine Mutter in Vollzeit, seitdem wir Kinder klein waren, kümmerte sich aber nebenbei um uns, wie ich das in den Familien meiner Schulkameraden später nur durch Frauen besetzt sah: Er buk. Er wusch. Er kaufte ein. Meine Mutter habe ich nicht ein Mal für uns kochend am Herd stehen sehen.

Ich glaube aber, dass meine Mutter vor denselben Herausforderungen stand, von denen heute meine Freundinnen berichten. Sie sprach nur nicht so viel darüber. Sie ertrug wie mein Vater die Verhältnisse. Sie funktionierte. Sie arbeitete nicht, sie leistete in einem fort und vergaß darüber uns, vor allem aber sich selbst.

Ich kämpfe nur deshalb nicht an der Seite meiner Freundinnen, weil ich mir als Journalistin mehr Gedanken über die Verhältnisse zu jenem Teil der Gesellschaft mache, zu dem mir meine Mutter den Weg geebnet hat: der Wirtschaft, dem ewigen Leistungsphantom und wie beides zu verändern ist. (Katharina Brienne)

Meine Oma

Wenn ich meine Großmutter frage, wie es ihr geht, sagt sie: „Was willste machen, schießen darfste nicht.“ Dann lacht sie und erzählt, dass sie auch beim Kochen inzwischen lieber sitze. Sie esse viel Gemüse, und wenn sie Karotten koche, trinke sie später den Sud. „Wenn ich nicht so auf mich achten würde“, sagt sie, „wäre ich nicht mehr.“

Meine Familie verteilt sich inzwischen in ganz Deutschland, aber Oma Edelgard war die Einzige, die in Berlin geboren wurde. Das war 1932, sie wohnte in der Apostel-Paulus-Straße in Schöneberg, und sie ging auch dort zur Schule.

Bei einem Besuch in Berlin zeigte sie mir vor ein paar Jahren, wo sie einkaufen war und wo die Scheiben eingeworfen wurden, damals bei der Reichspogromnacht. Mit neun Jahren wurde sie Vollwaise, ihr Vater beging Selbstmord und die Mutter wachte kurz darauf im Bett neben ihr nicht mehr auf.

Foto: Privat
Sören Kittel mit seiner Oma Edelgard.

Wenn ich sie heute frage, ob sie solch schreckliche Erfahrungen im Leben sehr geprägt haben, dann klingt sie, als verstehe sie die Frage nicht. Es hatten doch alle schwer in jener Zeit. Und immerhin konnte sie zu Verwandten nach Bayershagen und begann dort eine Ausbildung zur Friseurin. Dort traf sie meinen Großvater, mit dem sie 57 Jahre verheiratet war. Nach 15 Jahren als Friseurin machten die Beine nicht mehr mit und sie schulte um: Erzieherin im Kinderheim. „Ein schönes Leben“, sagt sie, „hatte ich mit ihm.“

Von zwei Brüdern überlebte nur einer den Krieg, kam in Britische Gefangenschaft und blieb im Westen Deutschlands, in Hameln. Er kam alle zwei Jahre in das Haus seiner Schwester, brachte Mon Cheri und Kaffee mit, aber meine Großmutter hätte ihre neue Heimat an der Ostsee nicht verlassen. „Uns ging es doch gut“, diesen Satz sagt sie noch heute.

Bleib ehrlich“, sagt sie. „Und auf Linie.“ Über das zweite musste ich lange nachdenken.

Sören Kittel

Nur die Sache mit der Religion hat sie geärgert: Großvater durfte sich als Bäcker nicht selbstständig machen,  ihre beiden Kinder wurden in der Schule schikaniert - „weil sie religiös waren“. Mein Vater bekam schlechtere Noten und der Lehrer begründete das mit: „Vielleicht solltest du weniger beten im Unterricht.“

Inzwischen wohnt meine Großmutter in einer kleinen Wohnung in Brandenburg, in einem Haus mit vielen alten Menschen. „Alle halten sich an die Corona-Regeln“, sagt sie. Aber manchmal stellen sie einander kleine Körbchen mit Geschenken vor die Tür.

Zehn Jahre ist sie jetzt schon allein, sie puzzelt viel, sie schaut Billard im Fernsehen, und als wir sprechen, höre ich im Hintergrund, wie gerade die „Roten Rosen“ beginnen. „Bleib ehrlich“, sagt sie noch. „Und auf Linie.“ Über das zweite musste ich lange nachdenken. (Sören Kittel)

Meine Tochter

Ein Gespräch über Gleichberechtigung verläuft mit meiner Tochter derzeit ungefähr so:

„Hat schon mal jemand zu dir gesagt, du kannst etwas nicht, weil du ein Mädchen bist?“
„Nö.“
„Glaubst du, dass es Dinge gibt, die du später mal nicht tun kannst, weil du ein Mädchen bist?“
„Nö.“
„Sagst du gerade einfach zu allem Nö?“
„Nö.“

Meine Tochter ist fünfeinhalb Jahre alt. Sie macht sich viele Gedanken über die Welt (Warum ist in Syrien Krieg? Seit wann gibt es Menschen? Wann können wir Oma und Opa wieder besuchen?). Aber dass es einen Unterschied machen könnte, in dieser Welt ein Mann oder eine Frau zu sein, kommt ihr nicht in den Sinn.

Foto: Privat
Cleo, die Tochter von Anne Lena Mösken.

Der Moment, in dem ich erfuhr, dass ich ein Mädchen bekomme, war ein Schock für mich. Sofort schossen mir all die Dinge durch den Kopf, vor denen ich das Kind würde schützen müssen: Barbiepuppen. Ballettlehrerinnen. Fiese Mitschülerinnen. Germany’s Next Topmodel. Männer, die ihr das Herz brechen. Männer, die ihr nachts im Park auflauern. Oder in Teeküchen.

Ich hatte Angst vor dieser Aufgabe. Vielleicht auch, weil mir selbst gerade klar wurde, dass die Gleichheit der Geschlechter, die mir immer selbstverständlich schien, dort endete, wo die Wehen einsetzten.

Ich rief meine beste Freundin an, die schon eine Tochter hatte. Sie lachte nur und sagte: „Ach, Mädchen sind cool.“

Wenn in der Kita Ritterfest ist, ist sie ein Burgfräulein mit Schwert.

An diesen Satz muss ich oft denken, wenn ich meine Tochter heute sehe und sie mich skeptisch anblickt, wenn ich ihr dumme Fragen stelle. Ihr bester Freund trägt öfter Nagellack als sie. Wenn in der Kita Ritterfest ist, ist sie ein Burgfräulein mit Schwert. Sie liebt Bibi Blocksberg und die Drei Fragezeichen. Sie kann ihr Geschlechtsorgan anatomisch korrekt benennen. Bundeskanzlerin ist für sie ein Wort, das es nur im Femininum gibt. Aktueller Berufswunsch: Prinzessin. Oder Tierforscherin.

Im Kinderzimmer steht ein Buch mit Geschichten über starke Frauen. Meine Tochter hat kleine Zettel auf die Seiten geklebt, die ihr besonders gut gefallen. Malala, Schülerin aus Pakistan. Millo Castro Zaldarriaga, Trommlerin aus Kuba. Hatschepsut, ägyptische Pharaonin. Von vielen dieser Frauen hatte ich noch nie gehört.

Am Anfang mochte ich das Buch. Dann fiel mir auf: Die meisten Geschichten beginnen damit, dass einem Mädchen nichts zugetraut wird – weil es ein Mädchen ist. Ich finde, es hat noch etwas Zeit, bis meine Tochter  lernen muss, dass das mal so war und manchmal immer noch so ist. Ich lese ihr jetzt lieber Bücher über das Weltall vor oder die Tiefsee.

Eine letzte Frage noch: „Wärst du manchmal lieber ein Junge?“
„Nö.“ (Anne Lena Mösken)