BerlinEr sitze, sagt Navid Kermani am Donnerstag, nur stellvertretend auf diesem Podium, in Berlin, im Haus der Bundespressekonferenz, heute, am 10. Dezember 2020, dem internationalen Tag der Menschenrechte. Gemeinsam mit der Künstlerin Parastou Forouhar, der Filmemacherin Maryam Zaree und dem Schriftsteller Bahman Niroumand verstehe er sich als Botschafter der Menschen im Iran, deren fundamentale Rechte täglich missachtet und verletzt werden.

Die Lage im Iran, sie verschärfe sich zusehends, von den Reformversprechen der Rouhani-Regierung sei kaum mehr etwas übrig, diese blicke vielmehr machtlos auf das Regime, das der Kölner Autor und Journalist eine „klerikale Diktatur“ nennt. Wer sich dort wehrt gegen die grassierende Korruption oder die Beschneidung der Freiheitsrechte, wer die Arbeitslosigkeit kritisiert oder die ständig steigenden Preise, wer es wagt, wegen angeblicher politischer Verfehlungen Verhaftete zu verteidigen, der droht, hinter Gefängnismauern zu verschwinden, für unbestimmte Zeit, oft für immer.

Eine von diesen Gefangenen ist Nasrin Sotudeh, iranische Anwältin, Menschenrechtsaktivistin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, verurteilt zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben, weil sie ihrer Arbeit nachging und sich unter anderem dafür einsetzte, Hinrichtungen von Minderjährigen im Iran zu verbieten. Inzwischen ist Sotudeh zur Symbolfigur der Freiheit im Iran geworden.

Für sie und all die anderen politischen Gefangenen, die von Tod und Folter bedroht werden, haben Kermani und seine Mitstreiter auch beim Bundespräsidenten, im Bundeskanzleramt und im Außenministerium vorgesprochen – in der Hoffnung, dass ihre Forderungen gehört werden. Eine ganz zentrale davon ist, jegliche Neuverhandlungen über das Atomprogramm des Irans und überhaupt die gesamte Iranpolitik Deutschlands und der EU mit Fragen der Menschenrechte zu verknüpfen. „Das ist auch in unserem eigenen Interesse“, sagt Navid Kermani. „Menschrechtsfragen sind Fragen der Sicherheit.“

Mit „uns“ meint der Schriftsteller Deutschland, eine seiner beiden Heimaten. Hier kam Kermani 1967 in Siegen zur Welt, als vierter Sohn iranischer Eltern, die im Jahr 1959 in die Bundesrepublik eingewandert waren. Wann immer Kermani, Autor zahlreicher Bücher, Zeitungsartikel und Reden sowie Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, von seiner anderen Heimat, vom Iran spricht oder schreibt – einem „Land im Aufbruch“, wie er sagt – von dessen Kultur, der Schönheit seiner Landschaft, liegt große Zuneigung in seinen Worten. Und eine tiefe Liebe zu den Menschen, die dort leben und täglich um ihre Freiheit kämpfen. „Wir glauben an die Kraft dieser Menschen“, sagt Kermani am Donnerstag, dem Tag der Menschenrechte, in Berlin. „Über kurz oder lang werden sie es schaffen, dass aus ihrem Land ein freies Land wird.“ Doch sie werden dafür alle Hilfe brauchen, die sie bekommen können.