Klimaschutz-Demonstration von Fridays For Future mit Greta Thunberg in Berlin.
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Berlin - In der kommenden Woche steht der große Tag bevor, von dem sich Fridays for Future neuen Schwung erhofft. Am 25. September ist der nächste globale Klimastreik geplant – erstmals seit dem Lockdown wieder als größere Demonstration auf der Straße. In zahlreichen deutschen Städten soll unter strengen Hygienevorgaben protestiert werden. In einem Newsletter der Klimabewegung hieß es im Vorfeld, dass die Finanzierung des nächsten Klimastreiks noch nicht gesichert sei und von Spenden abhinge, die während der Corona-Pandemie zurückgegangen seien. Dazu wollte sich Quang Paasch, Fridays for Future Aktivist der ersten Stunde, im Gespräch mit der Berliner Zeitung jedoch nicht äußern.

Einige Beobachter sahen zuletzt bereits erste Zerfallserscheinungen der 2018 gegründeten Klimabewegung heraufziehen. Das Treffen von Luisa Neubauer und Greta Thunberg mit Angela Merkel im August war innerhalb der Bewegung auf harsche Kritik gestoßen, ebenso wie die Ankündigung des Aktivisten Jakob Blasel, für die Grünen in den Bundestag einziehen zu wollen. Doch der Protestforscher Sebastian Haunss vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung relativiert die Annahme einer Spaltung in einen pragmatischen und einen radikalen Flügel. „Bei Fridays for Future ist ein viel größeres Spektrum als bei vorherigen Klimaprotesten zusammengekommen. Dass es innerhalb dieses Spektrums zu Uneinigkeiten über die inhaltliche Ausrichtung und die Aktionsformen kommt, ist eine notwendige Folge dieses breiten Zusammenkommens“, sagte der Politikwissenschaftler der Berliner Zeitung.

Mit ihren Forderungen, die Klimakrise zu stoppen und die Gesellschaft in Richtung einer nachhaltigen Lebensweise umzukrempeln, hat es Fridays for Future derzeit nicht leicht – denn die Corona-Pandemie hat das Thema Klimaschutz in den Hintergrund gerückt. Das räumt auch Quang Paasch ein. „Medial und im alltäglichen Bewusstsein sind wir nicht mehr so präsent wie im letzten Jahr“, erklärt der 19-Jährige. „Die Pandemie hat uns vor besondere Herausforderungen gestellt.“ Dadurch, dass die Bewegung in den letzten Monaten weniger sichtbar gewesen sei, sinke auch die Aufmerksamkeit für den Klimaschutz.

Der Politikwissenschaft-Student befürchtet, dass die Ökologie im Zuge der Corona-Pandemie vergessen werde. „Das ist sehr riskant, denn die Klimakrise macht keine Pause“, mahnt der in Berlin-Pankow aufgewachsene Paasch. Die Frage, wie der Klimawandel wieder zum wichtigsten Thema in der Öffentlichkeit werden kann, hat Fridays for Future in den letzten Monaten umgetrieben. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verlagerte die Bewegung ihre Proteste weitestgehend ins Netz. „Wir haben versucht den Klima-Diskurs aufrechtzuerhalten, indem wir neben den Streiks im Internet auch Fahrraddemonstrationen oder Plakataktionen organisiert haben“, berichtet Paasch. „Aber wir sind eine soziale Bewegung, die von Demonstrationen auf den Straßen lebt.“

Zieht Fridays for Future die Notbremse?

Das sieht auch der Protestforscher Sebastian Haunss so: „Die öffentliche Resonanz von Protesten auf der Straße ist größer als bei Aktivismus im Netz.“ Seiner Ansicht nach steht die Bewegung aber trotz abgenommener Aufmerksamkeit nicht vor dem Aus. „Einer Bewegung kann es nie gelingen, ihr Thema über einen langen Zeitraum in der Prioritätenliste der Menschen ganz oben zu halten“, erläutert der Professor von der Universität Bremen. Schwankende Teilnehmerzahlen auf Demonstrationen seien kein Indiz für eine Krise der Protestbewegung. „Die Organisationsgruppen selbst sind nicht substanziell kleiner geworden, sondern relativ stabil geblieben“, erklärt Haunss. Diese Einschätzung teilt auch Quang Paasch: „Es gibt Menschen, die von Anfang an dabei waren und die nicht mehr dabei sind, aber es rücken immer wieder neue junge, engagierte Leute nach, die die Bewegung weiterhin tragen.“

Protestforscher Haunss verweist zudem auf die bereits erzielten Erfolge von Fridays for Future: „Die Beschlüsse des Klimakabinetts im letzten Herbst waren Reaktionen auf die Proteste.“ Gleichzeitig sei aber bisher kaum etwas von ihren Forderungen – Einhaltung des Pariser Klimaabkommens, Kohleausstieg bis 2030, Klimaneutralität Deutschlands bis 2035 – umgesetzt worden.

Im September vergangenen Jahres hatte Fridays for Future deutschlandweit über eine Million Menschen mobilisieren können. An diesen Höhepunkt im letzten Jahr möchte der Berliner Aktivist Quang Paasch, der die Demonstrationen am Freitag mitorganisiert, nun wieder anknüpfen. Protestforscher Haunss betont jedoch, dass soziale Bewegungen einen langen Atem bräuchten, um ihre Ziele zu verwirklichen: „Bei der Anti-AKW-Bewegung hat das fast 40 Jahre gedauert.“

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1940 schrieb der Philosoph Walter Benjamin: „Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ 80 Jahre später verwendet auch die Bewegung Fridays for Future ebenjene Metapher, um ihr Anliegen auszudrücken. „Wir stehen an einem Scheideweg: Rasen wir weiter auf den Abgrund zu oder ziehen wir die Notbremse?“, fragte etwa Dalila Nouame, eine Sprecherin der Klimabewegung. Ob es Fridays for Future tatsächlich gelingen wird, die viel beschworene Notbremse zu betätigen, hätte mit Sicherheit auch Walter Benjamin interessiert.