Rund 60.000 Demonstranten zogen durch die Berliner Innenstadt. Leonie Bremer ist Mit-Organisatorin von Fridays for Future Berlin.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinLeonie Bremer ist keine, die Umwelt- und Klimaschutz gerade schick findet. Sie ist 22 Jahre alt, und die Sorge um den Umgang mit Ressourcen, mit Pflanzen und Tieren zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die weltweite Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ ist nur ein weiteres Kapitel im Leben der jungen Frau. Ein wichtiges zwar, aber keines, über das sie gerade zufällig gestolpert ist, weil gerade alle davon sprechen und für das Klima auf die Straße gehen.

Leonie Bremer ist eine der bundesweiten Sprecherinnen von „Fridays for Future“ (FFF). Nebenbei, kann man fast sagen. Denn Leonie Bremer hat einen vollen Terminkalender. Am Donnerstag war sie noch in Köln, wo sie lebt, am Freitag bei der FFF-Demo in Berlin – und nächste Woche geht es nach Madrid zu KIimakonferenz. „,Fridays for Future‘ war eine Erlösung für mich“, sagt sie. Die globale Bewegung habe ihr das Gefühl gegeben, mit ihren Gedanken, ihren Sorgen und ihrem Engagement nicht allein zu sein und zu wissen: „Ich werde gehört.“

Kein Fleisch, seit sie sieben ist

Leonie Bremer ist sieben Jahre alt, als sie zu Hause das Essen von Fleisch verweigert. Den Tieren zuliebe, wie die im nordrhein-westfälischen Hilden aufgewachsene Studentin erzählt. Ihre Eltern glauben da noch, das sei nur eine Phase. Ein Trugschluss. Denn Leonie Bremer bleibt dabei. Heute lebt sie vegan, verzichtet also auf Fleisch und auf alle anderen tierischen Produkte auf ihrem Speiseplan. Leonie Bremer ist aber keine Missionarin, sie sieht sich als Aufklärerin. „Ich will informieren. Und danach muss jeder selbst entscheiden, wie weit er gehen will“, sagt sie. Für sie ist klar: Die meisten wissen zu wenig, viele behaupten, das gehe sie alles nichts an, der Klimawandel betreffe sie doch gar nicht. Das gelte auch für die Politiker. „Wir müssen aber alle aus unserer Komfortzone raus“, sagt sie.

Wer sich mit Leonie Bremer unterhält, trifft auf eine aufgeräumte, ruhige und konzentrierte Frau, die auf angelernte und polemische Sätze verzichtet. Lautstärke ist ihre Sache nicht. Es sei denn, sie steht bei einer Demonstration am Megafon und versucht, die Teilnehmer mit Sprüchen zu ermutigen. Man kann sich vorstellen, dass ihr das zu Beginn nicht leicht gefallen ist. Auch das kann Teil der Komfortzone sein, die man verlassen muss, wenn man etwas erreichen will, findet sie. Oft wirkt sie ernst, die langen Haare hat die Kölnerin in einem strengen Zopf gezähmt, sie trägt schwere Doc-Martens-Stiefel. Resolut, aber warm. Kritisch, aber nicht resigniert.

Wenn Leonie Bremer ihre Gedanken ordnet und von schwindenden Gletschern spricht oder davon, warum ein „so schöner warmer Sommer“ für die Bauern eben gar nicht so schön ist, greift sie manchmal an den Anhänger ihrer Kette. Es ist ein Lebensbaum – ein Geschenk ihrer Mutter. Das mythische Symbol hat vielerlei Bedeutungen; unter anderem steht es für Erdverbundenheit, für Wachstum, aber auch für Halt, Motivation und Orientierung. Alles Dinge, die Leonie Bremer im Kampf für ein besseres Klima wohl für die kommenden Jahre gut gebrauchen kann. „Ich mache so lange weiter, bis sich etwas ändert. Ich bin aber optimistisch, sonst verliere ich die Motivation“, betont sie.

Was damals mit Fleischverzicht und im Tierrechte-Aktivismus bei „Anonymous for the Voiceless“ beginnt, führt Leonie Bremer bald nach Island. Viereinhalb Monate lebt sie auf der kargen ruppigen Insel, in einem Land, das der Gewalt der Natur so ausgeliefert ist wie kaum ein anderes in Europa. Nicht etwa ins hippe Reykjavik zieht es sie, sondern auf eine Farm im Nordwesten. Im Nichts. Die nächste Tanksäule liegt drei Stunden entfernt. Ihre erste Lektion in Sachen Nachhaltigkeit und Konsum lernt Leonie Bremer von den Isländern. An Sauberkeit und Ordnung gewöhnt, will sie ihr chaotisches Zimmer aufräumen und einige Dinge ausmisten. Socken mit Löchern zum Beispiel. Doch ihre isländische Gastmutter schüttelt den Kopf. Auf Island werfe man nichts weg, bemerkt diese, hier repariere man. „Das hat mich geprägt“, sagt sie. Auch heute kauft Leonie Bremer ihre Kleidung, soweit es eben geht, in Second-Hand-Läden.

Ein Praktikum beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland folgt, inzwischen studiert sie Umwelt-Ingenieurwesen in Duisburg, steht kurz vor ihrem Abschluss. In ihrer Bachelorarbeit beschäftigt sie sich mit den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels, also damit, welche Krankheiten den Menschen zum Beispiel durch Dürre und Hitzewellen drohen können. „Die Arbeit schreibe ich nachts, tagsüber bin ich zu beschäftigt“, sagt sie.

Voller Terminkalender

Denn neben ihrem Studium und ihrem Engagement für das Klima unter anderem bei FFF arbeitet sie auch noch bei der VdS Schadensverhütung, einem Unternehmen, das unter anderem Dienstleistungen bei Schäden nach einem Brand anbietet. Sie wird für Vorträge, Gastbeiträge oder Podiumsdiskussionen angefragt.

Vor ein paar Tagen hielt sie beim Berliner Forum Außenpolitik im Humboldt-Carré eine Rede. Dort wurde ihr viel applaudiert. Sie mag das nicht und sagt das auch. Leonie Bremer will nicht, dass man stolz auf eine politische Jugend ist und ihr anerkennend auf die Schulter klopft. „Ich fühle mich dann nicht ernst genommen.“ Leonie Bremer will nur eins, hat eine klare Forderung: dass die Politik endlich handelt und die Klimakrise nicht nur anerkennt, sondern auch etwas tut. Viel mehr tut.

Enttäuscht sei sie von allen Parteien gleichermaßen, sagt sie. Auch von den Grünen, die ihrer Meinung nach ebenfalls nicht konsequent genug agieren. „Ich gehe nicht auf die Straße, damit alle über das Klima reden, sondern damit wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens einhalten“, macht sie klar. Es sei für sie schwer zu ertragen, wie die Menschen mit der Natur umgingen, dass es sie nicht interessiere, wenn in der Arktis das Eis schmelze.

„Wer einmal am Hambacher Forst die Gruben des Tagebaus gesehen hat, kann nicht anders“, sagt sie. Leonie Bremer unterstützt daher auch die Klimaaktivisten und Kohlegegner von „Ende Gelände“, die regelmäßig für einen schnelleren Kohleausstieg demonstrieren.

Distanz zu Extinction Rebellion

Von den Klimaaktivisten von Extinction Rebellion, die vor einigen Wochen diverse Verkehrsknotenpunkte in Berlin lahmlegten und zu zivilem Ungehorsam aufriefen, distanziert sie sich. „Sie vertreten nicht meine Interessen“, sagt die Studentin.

Es sei aber gut, dass es verschiedene Bewegungen gebe. Jeder müsse für sich entscheiden, welcher davon er sich anschließen wolle. Für die Kölnerin ist jedenfalls klar, dass „Fridays for Future“ der Rahmen ist, in dem sie ihren Protest auf die Straße tragen möchte.

Am Freitag in Berlin zum Beispiel. Auch an diesem Morgen hat Leonie Bremer einen straffen Zeitplan. Bevor sie in der Hauptstadt beim Klimastreik hilft, hält sie noch einen Vortrag über den Klimawandel an der Humboldt-Universität. Danach geht es zum Brandenburger Tor, wo am Mittag der Demonstrationszug in Richtung Regierungsviertel aufgebrochen ist.

Mit Laptop, Powerbank und Funkgerät im Rucksack hilft sie dem Berliner Organisationsteam, damit es an den Straßen zu keinen Unfällen kommt. In mehr als 500 Städten hat „Fridays for Future“ nun schon vierten Mal zum globalen Streik aufgerufen.   Leonie Bremer wäre eigentlich gern in Köln geblieben, aber wegen ihrer vielen Termine in Berlin unterstützt sie den Streik nun hier.

Wie die meisten Klimaschützer und Umweltaktivisten ist auch sie enttäuscht vom Klimapaket, das die Bundesregierung auf den Weg bringen will. „Selbst der Bundesrechnungshof geht davon aus, dass wir die Klimaziele nicht erreichen werden“, kritisiert sie. Ganz gleich, welchen Punkt man nehme, das sei alles unzureichend und fragwürdig, findet sie – von der Pendlerpauschale bis zur CO2-Bepreisung.

Es sei unglaublich, dass sich die große Koalition damit brüste. „Wir haben keinen Bock, dass unsere Generation die Versäumnisse der letzten Generation zahlt“, sagt Leonie Bremer. Umso bitterer sei es nun, dass ausgerechnet die deutsche Regierung „mit leeren Händen nach Madrid zur Klimakonferenz“ fahre.

Leonie Bremer hat ihre Komfortzone längst verlassen. Am Dienstag wird sie selbst nach Madrid reisen, um zu zeigen, dass man nicht nachlassen darf, dass man weiter präsent bleiben muss, bis sich endlich etwas ändert.

„Wir werden den Staats- und Regierungschefs der Länder genau auf die Finger gucken“, sagt sie. Auch wenn sie keine großen Erwartungen an die Konferenz habe.

Die Zweifler überzeugen

Sie will die kommenden zwei Wochen vorrangig für den Austausch nutzen, Konferenzen und parallel laufende Seminare besuchen, noch mehr wissenschaftliche Erkenntnisse bekommen, will zuhören und reden. Die wissenschaftlichen Fakten braucht sie für die Zweifler, die Ignoranten, die Kritiker, für diejenigen, die sich immer noch über heiße Sommer freuen.

Natürlich nimmt Leonie Bremer die Bahn nach Spanien. „Ich fliege schon seit zwei Jahren nicht mehr“, sagt sie. Und dabei hat sie noch Glück, dass die Konferenz in Spanien und nicht wie ursprünglich geplant in Chile stattfindet.

Kopfschüttelnd rechnet sie vor: 28 Stunden dauert die Reise mit dem Zug, 250 Euro kostet das Ticket. Mit dem Flieger wäre sie in zweieinhalb Stunden in der spanischen Hauptstadt. Kosten: 17 Euro.