Potsdam - Es ist ein Stück Russland mitten in Potsdam: Die Russische Kolonie Alexandrowka existiert schon seit fast 200 Jahren. Der Beginn des Ukraine-Krieges war auch eine Zäsur für die Kolonie. Die Bewohnerinnen und Bewohner und die Russisch-Orthodoxe Kirche, die etwas oberhalb auf dem Kapellenberg liegt, werben seitdem demonstrativ für den Frieden.

„Die Russische Kolonie Alexandrowka in Potsdam ist ein Zeichen. Sie steht für die Freundschaft zu einem friedlichen Russland und erinnert daran, wie schmerzvoll Krieg schon immer war“, heißt es in einer Erklärung, die seit mehreren Monaten am Museum der Kolonie zu lesen ist. „In diesen Tagen denken wir ständig an die Menschen aus der Ukraine, welche vielleicht hier zu Besuch waren und nun im U-Bahn-Tunnel um ihr Leben bangen müssen oder auf der Flucht vor einem tatsächlichen Krieg im 21. Jahrhundert sind. Wir wollen Frieden - „Mir“ - „Nie wieder Krieg“.“

Vor fast 200 Jahren - 1826 bis 1827 - wurde die Russische Kolonie auf Wunsch von König Friedrich Wilhelm III. zum Gedenken an seinen gestorbenen Freund Zar Alexander I. angelegt. Rund ein Dutzend Holzhäuser im russischen Stil waren damals die Heimat russischer Sänger, die nach der Rückkehr aus dem Krieg als Geschenk des Zaren am königlichen Hof blieben. Die Gärten ringsum mit Hunderten Obstsorten, von Peter Joseph Lenné entworfen, sollten ihnen Muße bringen. Die Holzhäuser stehen noch heute - umringt von zahlreichen Obstbäumen.

Mitten in der Kolonie steht das Restaurant Alexandrowka. Die Leiter Tatjana und Thomas Hein und ihr Team wenden sich ebenfalls gegen den Krieg. Sie haben eine Erklärung verfasst, in der es heißt: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von Krieg, Gewalt und menschenrechtsverletzenden Handlungen. Wir wünschen uns, dass dieser Konflikt schnellstmöglich ohne weitere Gewalt beendet wird.“

Wenige hundert Meter entfernt liegt die Alexander-Newski-Gedächtniskirche, die als älteste russisch-orthodoxe Kirche auf deutschem Boden gilt. Sie wird nach Angaben der Stadt seit dem Bau 1828 bis 1829 ununterbrochen genutzt. Die Gemeinde hat rund 850 Mitglieder, zu ihrem Einzugsgebiet gehört Berlin - und selbst aus Perleberg in der Prignitz kommen Gemeindeglieder.

„Wir haben viele ukrainische Mitglieder“, sagt Erzdiakon Daniel Koljada, der in Lettland geboren ist. „Mindestens ein Drittel hat ukrainische Wurzeln.“ Die Gemeinde unterstützt sie, wie er sagt. „Wir helfen, wo wir können.“ Er nennt Behördengänge, Übersetzungen, Kinderbetreuung und Sprachkurse als Beispiele. Es gibt aber auch noch Solidarität auf einer anderen Ebene: „Wir unterstützen sie in Gebeten.“

Der russische Angriffskrieg führt auch in der Kirchengemeinde zu Diskussionen. „Natürlich gibt es auch in der Gemeinde unterschiedliche Meinungen“, sagt Koljada. „Es gab zu Anfang sogar Konflikte in Familien, wo Leute den Konflikt unterschiedlich sehen.“

Die Gemeinde selbst war Ziel von Kritik. Anfangs habe es einige E-Mails und Kommentare gegeben, die die russisch-orthodoxe Kirche in Frage gestellt hätten, aber keine direkte Bedrohung, sagt der Erzdiakon. Zugleich bieten auch Bürgerinnen und Bürger Unterstützung an. „Viele Deutsche rufen an und fragen mich: Wie kann man den Ukrainern helfen?“ Der Erzdiakon lebt seit 1986 in Potsdam. „Ich sehe mich als Potsdamer“, sagt er.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) lobt die Solidarität in seiner Stadt. „Seit Beginn des Krieges in der Ukraine erleben wir in Potsdam eine Welle der Hilfsbereitschaft“, sagt Schubert. „In vielen Initiativen engagieren sich Ukrainer, Russen, Deutsche und Menschen aus anderen Nationen gemeinsam, um den von Krieg geplagten Menschen und jenen auf der Flucht zu helfen - darunter auch die Arbeits- und Interessengemeinschaft Alexandrowka im Herzen des Unesco-Welterbes. Auch sie setzen ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben.“