Um Andrea Nahles ist es seit ihrem Rücktritt ruhig geworden.
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BerlinVor ein paar Tagen konnte man auf der Titelseite einer Tageszeitung ein Foto von Manfred Weber und Ursula von der Leyen sehen. Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament gratulierte der Präsidentin der EU-Kommission zu ihrer neuen Aufgabe. Und er tat dies offenbar keineswegs leidend. Vielmehr strahlten sowohl der CSU-Mann als auch die CDU-Frau.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn Weber sollte und wollte ja das werden, was von der Leyen wurde: eine Art europäisches Staatsoberhaupt. Außerdem gibt es in der Politik viele eher schlechte Verlierer.

Zu den wenigen guten Verlierern zählt neben Weber, von dem nach seinem Scheitern kein schlechtes Wort über die Gewinnerin überliefert ist, auch Andrea Nahles. Sie legte nach ihrer schleichenden Demontage Partei- und Fraktionsvorsitz der SPD nieder, gab noch dazu ihr Bundestagsmandat ab und sagte anschließend: nichts.

Röttgen: „Nicht immer in der Vergangenheit stehen bleiben“

Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses und Ex-Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) wäre zu nennen. Zwar hat er nach 2012 erkennbar mit Angela Merkel gehadert, nachdem diese ihn vor die Tür gesetzt hatte. Ohnehin hält Röttgen vom überwiegend taktischen Politikverständnis der Kanzlerin nicht viel. Mit Attacken hat sich der 54-Jährige aber trotz seines Ehrgeizes zurückgehalten. Und unlängst sagte er der Süddeutschen Zeitung: „Die Umstände meines Ausscheidens waren unschön.“ Aber es sei nicht seine Natur, „dass ich mich immer gräme“, er „rechne nicht jeden Tag, wer hat mir mal bei einer Gelegenheit etwas angetan“. Man könne „ja nicht immer in der Vergangenheit stehen bleiben“.

Norbert Röttgen zeigt sich als einer der wenigen guten Verlierer der Politik.
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Weise Worte – so weise, dass sie beileibe nicht alle Spitzenpolitiker in den Mund nehmen würden. Helmut Kohl intrigierte vielmehr jahrelang hinter den Kulissen gegen Merkel und den heutigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU), nachdem der Alt-Kanzler im Zuge der Spendenaffäre aus eigenem Verschulden und vollkommen zu Recht den Ehrenvorsitz jener Partei verlor, die er nach Jahren an der Spitze in gewisser Weise als sein Eigentum betrachtete. Ähnlich verhält es sich mit Sigmar Gabriel, dem relativ langjährigen SPD-Chef. Mittlerweile sind die Interviews, in denen Gabriel mit seiner Partei abrechnet, kaum mehr zu zählen. Zugleich lässt die Wirkung der Interviews mit jedem weiteren nach. Alle wissen schon, was kommt.

Offene Wunden, unterschiedliche Reaktionen

Aus Oskar Lafontaine wiederum scheint erst jetzt, 20 Jahre nach dem Rücktritt als SPD-Vorsitzender 1999, der Zorn auf die Sozialdemokraten zu entweichen. Nachdem er zuvor mit der Linken eine neue Partei nicht zuletzt deshalb mitgegründet hatte, um Rache an der SPD zu üben, hält er eine „Fusion“ beider Parteien heute für „wünschenswert“.

Nicht zu vergessen: Friedrich Merz. Nach seinem 2002 von Merkel betriebenen Sturz als Unionsfraktionschef wechselte der Sauerländer in die Wirtschaft. Doch seit Merkels Abstieg begonnen hat, versucht er den Wiederaufstieg und lässt auch an Merkels Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer kein gutes Haar. Der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach daraufhin von einer „Debatte, die im Moment von älteren Männern geführt wird“, die vielleicht nicht das im Leben erreicht hätten, was sie hätten erreichen wollen.

Seit Jahren liegt über diesem Land wie ein Nebelteppich die Untätigkeit und die mangelnde Führung durch die Bundeskanzlerin.

Friedrich Merz (CDU), nach der Wahlniederlage der CDU in Thüringen 

Bei Merz schmerzt eine Wunde. Eine Wunde, die es so auch in der CSU gibt – etwa beim früheren Parteivorsitzenden Erwin Huber oder Ex-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, die ihre Ablösung nicht verwinden konnten. Horst Seehofer hat sie ihnen geschlagen.

Wohin mit dem großen Ego?

Die keineswegs vollständige Liste endet bei der einstigen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer und dem ehemaligen Außenstaatssekretär Ludger Volmer. Sie lasen ihrer alten Partei, den Grünen, zunächst öffentlich die Leviten und schlossen sich kurz darauf Sahra Wagenknechts Bewegung „Aufstehen“ an. Die Botschaft war unmissverständlich: Wir sind auch noch da. Volmer gilt ohnehin als einer, der immer glaubte, es besser zu wissen als andere. Sein früherer Chef, Außenminister Joschka Fischer, hat das nicht nötig. Für ihn galt nach der Wahlschlappe 2005, was jetzt für Andreas Nahles gilt: Schluss, aus, vorbei!

Erlittene Niederlagen können in der Politik wie auch sonst im Leben eine Menge Energie freisetzen – wenn es schlecht läuft für Destruktion, wenn es gut läuft für neue produktive Taten. Dass es in der Politik so wenige gute und so viele schlechte Verlierer gibt, dürfte damit zu tun haben, dass man als Spitzenpolitiker ein großes Ego braucht, um nach oben zu kommen und oben zu überleben – und dieses große Ego später nicht weiß, wo es hin soll.