BerlinFriedrich Merz ist nicht für seine Zurückhaltung bekannt. Es kann daher niemanden so richtig überrascht haben, dass der 64-jährige Ex-CDU-Fraktionsvorsitzende seiner Wut über die Absage des Bundesparteitages im Dezember Luft machte, so öffentlich es nur irgendwie ging.

„Ich halte meine Vermutung aufrecht, dass die Verlegung des Parteitages mit Corona wenig und mit anderen Erwägungen sehr viel zu tun hat“, sagte Merz am Montagabend im ZDF.

Das klingt gefährlich nach Verschwörungstheorie und kann deshalb schnell darüber hinwegtäuschen, dass Merz tatsächlich ganz reale Schwierigkeiten anspricht. Denn auch der größte Merz-Kritiker muss anerkennen, dass die (recht kurzfristige) Absage eines Präsenzparteitages keine Bagatelle ist. Ein Bundesparteitag ist das höchste Entscheidungsgremium der Parteien auf Bundesebene – die regelmäßige Ausrichtung ist im Parteiengesetz festgeschrieben. Und es gäbe schließlich durchaus Konzepte, das Delegiertentreffen unter den derzeitigen Pandemie-Bedingungen sicher durchzuführen.

Dass die CDU-Spitze leichtfertig ein demokratisches Prinzip aushebelt, um ihn als Vorsitzenden zu verhindern, wie Merz andeutet, ist allerdings eine steile These. Und es kann stutzig machen, dass der Mann, der im nächsten Herbst Bundeskanzler werden will, die Integrität seiner eigenen Parteivorderen infrage stellt, indem er ihnen vorwirft, die Corona-Pandemie als entsprechenden Vorwand zu nutzen.

Dass bei der Entscheidung parteitaktische Überlegungen so gar keine Rolle gespielt haben, mag man mit Blick auf das CDU-Kandidatenkuddelmuddel der letzten Monate aber auch nicht recht glauben.

Zumal Merz stolz darauf ist, sich dem entgegenzustellen, was er das Establishment nennt. 2018 scheiterte er damit schon einmal in der Wahl um den Parteivorsitz – damals musste er sich Annegret Kramp-Karrenbauer geschlagen geben. Als diese Anfang dieses Jahres erklärte, nicht erneut kandidieren zu wollen, war Merz sofort zur Stelle. Und näher als jetzt war der Sauerländer, der sich – Millionenvermögen und Privatjets hin oder her – in der Vergangenheit ohne rot zu werden als Angehöriger der oberen Mittelschicht bezeichnete, seinem Ziel noch nie.

Man darf daher davon ausgehen, dass hinter Merz’ öffentlicher Empörung eine klare Taktik steht. Denn er weiß wohl, dass er mit seinen Verschwörungsunkereien einen Teil der CDU-Basis anspricht, und - bezogen auf sein Ziel, das Kanzleramt - auch einen Teil der potenziellen Wählerschaft: Den Teil nämlich, dem Armin Laschet zu merkelig, Markus Söder zu präsidial und Norbert Röttgen zu liberal ist. Dafür nimmt Merz vermutlich gerne in Kauf, auf Twitter für eine Weile als ich-bezogener Spinner zu gelten.

Ob diese Taktik ihm am Ende nutzen oder schaden wird, bleibt abzuwarten.