Die Prinsengracht in Amsterdam – jeder, der sie in diesem Sommer genießen kann, darf sich selbst gratulieren. 
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AmsterdamDieser Text ist meine letzte Kolumne im Juni und das möchte ich als Anlass nehmen, Ihnen allen und mir selbst zu gratulieren: wir haben die erste Hälfte des Jahres 2020 überlebt. Wer hätte zu Jahresbeginn gedacht, dass das mal eine Nachricht wert wäre. Sowieso hält sich kaum jemand so gut an die geltenden Abstandsregeln, wie der 1. Januar 2020, denn zumindest in meiner Wahrnehmung ist der Neujahrstag in etwa so weit weg wie der Fall der Berliner Mauer, der Todestag von Lady Di oder der Tag, an dem sich Take That trennte.

Es fühlt sich fast an, als hätte der Tag in einer anderen Zeit stattgefunden: eine Zeit, in der mich anderthalb Meter zuallererst daran erinnerten, dass Kylie Minogue wirklich unfassbar klein ist, und in Europa eigentlich niemand so genau wusste, warum Asiatinnen und Asiaten ab und zu mit Gesichtsmasken rumlaufen – liegt bestimmt an dem unerträglichen Smog über Peking oder an der Feinstaubbelastung, übrigens auch so ein Wort aus vergangenen Zeiten, dass jegliche Bedrohlichkeit verloren hat.

Am Jahresanfang hätte ich, als der Weltbürger, der ich gerne wäre, auch noch felsenfest behauptet, dass es in unserem vereinten Europa kaum einen Unterschied macht, ob ich nun in Berlin oder Hamburg, Amsterdam oder Rotterdam wohne. Der Umzug nach Amsterdam war nur unwesentlich aufwändiger als ein vergleichbarer Wohnortwechsel nach Köln, allerdings mit dem schönen Nebeneffekt, dass man am Ende nicht in Köln wohnen muss. Ende Februar begann mir zu dämmern, dass ich trotz meines deutschen Passes im niederländischen Ausnahmezustand werde leben müssen – wobei der hier ja erst mal auf sich warten ließ.

Ich empfand es beispielsweise als etwas übertrieben, dass die Leipziger Buchmesse, die ab dem 12. März hätte stattfinden sollen, abgesagt wurde. Am 7. März tanzte ich nämlich noch mit meinen niederländischen Verlagskolleginnen und einigen Tausenden Schriftstellerinnen, Lektorinnen, Verlegerinnen und Buchhändlerinnen auf dem Bücherball, der die hiesige Bücherwoche einläutete, ein mit der Buchmesse vergleichbarer Anlass zur Selbstbeweihräucherung der niederländischen Buchbranche.

Während meine früheren Kolleginnen Mitte März schon in Kurzarbeit waren, fuhr ich Tag für Tag mit der U-Bahn in die Amsterdamer Innenstadt und nahm an meinem Schreibtisch Platz, als ob um mich herum keine weltweite Pandemie wütete. Meine Zwillingsschwester, die Schneiderin ist, schickte mir in einem Paket selbst genähte Gesichtsmasken, die schön aussahen, für die ich aber lange keine Verwendung hatte. Eine Maskenpflicht gibt es hier in den Niederlanden nur in öffentlichen Verkehrsmitteln, und das auch erst seit Anfang Juni.

Sowieso waren die niederländischen Regeln zum sozialen Umgang gelinde gesagt wirr, teilweise widersprüchlich, und im Resultat dann auch ziemlich gefährlich. Bis weit in den April starben in den Niederlanden mehr Menschen am Coronavirus als in Deutschland und das, obwohl Deutschland mehr als viermal so viele Einwohner hat. Auf dem Höhepunkt der Pandemie schaute ich mir deshalb etwas wehmütig die Pressekonferenzen von Angela Merkel an, die mich eigentlich nicht betrafen, da ich mich schließlich in dem hiesigen Gesundheitssystem durch diese Pandemie retten musste. Am nächsten Mittwoch lassen wir also die erste Jahreshälfte hinter uns. Und mit ihr vielleicht auch gleich die Welt, wie wir sie kannten.