Berlin - Woher kommt eigentlich die gewaltige Wut, die in öffentlichen Debatten, Leserbriefen, Blogeinträgen derzeit wie ein allgegenwärtiger Spuk erscheint? Da wird ein anerkannter Historiker und Kolumnist dieser Zeitung zum „Gendernazi“ ernannt, weil er es für problematisch hält, dass Grüne und FDP in einem Gesetzentwurf zur Transsexualität Jugendlichen von 14 Jahren die Verantwortung für schwerwiegende gesundheitliche Eingriffe übertragen wollen. Weil Götz Aly es verantwortungslos findet, jungen Menschen in den „Wirren der Pubertät“, wie er schreibt, geschlechtsverändernde und hormonelle Eingriffe an sich vornehmen zu lassen, wird er Opfer einer zum Teil initiierten Kampagne, die ihn zum „Reichsbürger-kompatiblen Ideologen“ stempelt. Ausgerechnet dieser Autor, der Wesentliches zur Holocaustforschung und zu den nationalsozialistischen Verbrechen der „Rassenhygiene“ veröffentlicht hat, wird infam beleidigt, er propagiere ebendiese.

Ähnliche Erfahrungen mit dem Furor aufgepeitschter Empörung machte dieser Tage Wolfgang Thierse. Dem ehemaligen langjährigen Bundestagspräsidenten sollte man eine gewisse Autorität zugestehen, wenn er sich darum sorgt, unsere Demokratie könnte ernsthaft Schaden nehmen, wenn Themen kultureller Zugehörigkeit, ethnischer und sexueller Identität die Gesellschaft mehr und mehr erregen und zu spalten drohen. „Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver“, konstatiert Thierse, und er sieht Demokratieverachtung nicht allein beim Rechtspopulismus, sondern auch in einem eifernden, selbstherrlichen Alleinvertretungsanspruch von Predigern einer imaginierten politischen Korrektheit.

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