Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung a. D.
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BerlinBis zum letzten Jahr konnte man Norbert Blüm noch in Bonn auf der Straße begegnen. Er spazierte gern durch die Südstadt mit den schönen Gründerzeithäusern, in einem von ihm wohnte er seit Jahrzehnten mit seiner Frau Marita. Er war immer gern zu einem Pläuschchen aufgelegt. Obwohl er 2002 aus der aktiven Politik ausgeschieden war, zählte Norbert Blüm immer noch zu den bekanntesten politischen Persönlichkeiten in Deutschland. 16 Jahre lang gehörte er als Arbeits- und Sozialminister der Regierung von Helmut Kohl an, so lange wie kein anderer. 

Aus jener Zeit stammt das zum geflügelten Wort gewordene Zitat „Die Rente ist sicher“, was er freilich so gar nicht gesagt hatte. Das Plakat, das er auf einem legendären Foto an eine Litfaßsäule auf dem Bonner Marktplatz klebt, lautet nämlich: „Eines ist sicher: Die Rente.“Auch mit über 80 Jahren war Blüm noch jederzeit bereit, diesen Satz zu verteidigen. „Und zwar mit einer gewissen Wut im Bauch“, wie er der dpa versicherte. Blüm sagte von sich selbst, er wäre ein „alter Rummel-Boxer“, der den Schlagabtausch brauche. Er war ein kleiner, aber kompakter und beweglicher Mann, der noch im hohen Alter einen festen Händedruck hatte und einem direkt in die Augen sah. Jetzt ist er im Alter von 84 Jahren gestorben. Das teilte sein Sohn am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Bonn mit.

Der in Hessen geborene, die längste Zeit seines Lebens aber in Nordrhein-Westfalen lebende Christdemokrat war über viele Jahre ein überaus populärer Politiker der alten Bundesrepublik, der in kaum eine der bekannten Schablonen passte. Der gelernte Werkzeugmacher und IG-Metall-Gewerkschafter sprach für die Sozialausschüsse der CDU, den Arbeitnehmerflügel der Partei. Er hatte damit maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der sozialpolitischen Programme der CDU und war ein einflussreicher Gegenspieler der Wirtschaftslobby. Er berief sich auf die katholische Soziallehre und wurde wegen seiner Haltung als „Herz-Jesu-Sozialist“ verspottet.

Mit dieser Position geriet er Anfang der 2000er Jahre, als die neue Parteivorsitzende Angela Merkel die CDU zeitweise auf einen neoliberalen Kurs steuerte, innerparteilich ins Abseits. Auf dem Leipziger Parteitag 2003 wurde er ausgepfiffen und ausgelacht, ein einmaliges Ereignis in seiner langen politischen Laufbahn, in der er von 1983 bis 2002 dem Bundestag angehörte. Ein kurzes Intermezzo führte ihn auch nach Berlin: 1981 berief ihn der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker als Bundessenator in die West-Berliner Stadtregierung. 1982 wechselte er dann wieder nach Bonn in das erste Kabinett Helmut Kohls. Er war lange ein enger Vertrauter des Kanzlers und CDU-Vorsitzenden. Kohl brach die Freundschaft im Jahr 2000 ab, nachdem Blüm dessen Verhalten in der Spendenaffäre kritisiert hatte. Das Ende dieser Freundschaft hat Blüm nach eigenem Bekunden sehr getroffen.

Das kompromisslose Festhalten an bestimmten, vor allem christlich und moralisch motivierten Grundsätzen zeichnete ihn aus. Legendär ist seine Reise nach Chile 1987, als er Menschenrechtsverletzungen in der von Deutschen geführten „Colonia Dignidad“ nachgehen wollte. Man ließ ihn nicht in die abgeschottete Kolonie, aber der Militärmachthaber Augusto Pinochet empfing den deutschen Minister. Der eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Herr General, Sie sind ein Folterknecht.“ Pinochet legte ihm eine Liste mit den Namen von 16 oppositionellen Chilenen vor, denen die Todesstrafe drohte. Er könne sie retten, wenn sie in Deutschland Asyl erhielten. Blüm setzte dies gegen starken Widerstand in der CDU/CSU durch, was fast zum Bruch der schwarz-gelben Koalition führte.

Der Christdemokrat engagierte sich bis zuletzt gegen Menschenrechtsverletzungen in aller Welt, unter anderem in den Palästinensergebieten. 2016 übernachtete er im griechischen Flüchtlingslager Idomeni, um gegen die dortigen Zustände und das Nichtstun der EU zu protestieren. In einem Interview mit der Berliner Zeitung zu seinem 80. Geburtstag sagte Norbert Blüm 2015 auf die Frage nach seinem Lebensmotto: „Tue Recht und scheue niemanden! Das ist mein altes und mein neues Motto.“

Im vergangenen Jahr erlitt Norbert Blüm eine Blutvergiftung, in deren Folge er gelähmt blieb. In einem im März diesen Jahres erschienenen Text für die Zeit schrieb er: „Jetzt, im wachen Zustand, begreife ich, welches Glück die Normalität ist. Ich sehe durchs Fenster des Krankenzimmers auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Menschen scheinbar voraussetzungslos gehen. Die 'normalen Verhältnisse' bieten ein Potenzial an Lust, das wir erst zu schätzen wissen, wenn wir es verloren haben.“