Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) debattierte mit seinen EU-Amtskollegen.
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BerlinNoch gibt es keinen Impfstoff gegen das Coronavirus, allerdings große Hoffnungen auf einen Durchbruch in den nächsten Wochen und Monaten. Die Gesundheitsminister der Europäischen Union (EU) schalteten sich daher am Freitag per Videokonferenz zusammen, um sich darüber abzustimmen, dass er fair verteilt wird.

„Wenn es einen Impfstoff gibt, soll er für alle gleichermaßen zugänglich sein“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach Abschluss der Gespräche und betonte dabei die große Gemeinsamkeit. Keiner der 27 EU-Staaten solle benachteiligt werden. Man garantiere den Firmen, die gerade an einem Impfstoff arbeiten, bereits jetzt die Abnahme. Entsprechende Verträge sollen demnächst mit sieben Firmen abgeschlossen werden, einen Vertrag gibt es bereits seit einiger Zeit. Für die Finanzierung der Abnahme seien bereits 2,15 Milliarden Euro im EU-Haushalt reserviert worden. Das reiche allerdings nicht aus, so Spahn. Daher sollen noch einmal 750 Millionen Euro nachgeschossen werden. Wer wie viel davon übernimmt, wurde am Freitag aber noch nicht festgelegt.

Ein weiteres Thema war die Dauer der Quarantäne für Reiserückkehrer aus Risikogebieten. Sie soll nach dem Willen der EU-Gesundheitsminister künftig länderübergreifend einheitlich geregelt und dabei auch verkürzt werden – von 14 auf vermutlich 10 Tage, sagte Spahn. Er selbst halte das für eine gute Idee, schlug aber die Formulierung „mindestens 10 Tage“ vor. Umstrittener sei bei der Debatte gewesen, ob man Rückkehrer bereits nach fünf Tagen aus der Quarantäne entlassen könne, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen.

Ebenso umstritten ist ein Vorschlag des Berliner Virologen Christian Drosten, der sich in dieser Woche in seinem Podcast für eine Verkürzung der Quarantänezeit von derzeit 14 auf fünf Tage ausgesprochen hatte. Später präzisierte er seine Aussage und erklärte, mit den fünf Tagen sei die Isolation für infizierte Personen gemeint, die nach dieser Zeit nicht mehr ansteckend seien. Derzeit wird die Isolation auf 10 Tage angesetzt. Quarantäne dagegen gilt für Menschen, die Kontakt zu Infizierten hatten. Sie dauert derzeit mindestens 14 Tage – so lange ist die Inkubationszeit für Covid-19.

Die jeweilige Quarantäne für Kontaktpersonen wird vom örtlichen Gesundheitsamt angeordnet, wobei nach engen und weniger engen Kontaktpersonen unterschieden wird. Daher werden bei Covid-19-Fällen etwa an Schulen meist nicht ganze Klassen, sondern nur das engere soziale Umfeld des oder der Infizierten unter Quarantäne gestellt.

Unabhängig von dieser Entscheidung fand der Fünf-Tage-Vorschlag Drostens nahezu einhellige Zustimmung in der Politik. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, verwies darauf, dass das Robert-Koch-Institut den Auftrag erhalten habe, zu klären, ob 5 oder 7 Tage Isolation bei einer Infektion ausreichend seien. „Es ist spannend, dass wir bei der Corona-Pandemie nahezu jeden Tag Neues hinzulernen“, sagte sie der Berliner Zeitung.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP- Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, sagte der Berliner Zeitung, dass es sich zunächst um den Vorschlag eines einzelnen Professors handele, der aber genau untersucht werden müsse. „Sollten die Untersuchungen neue Erkenntnisse bezüglich der Infektiosität liefern, muss die aktuelle Politik schnellstmöglich reagieren“, so Aschenberg-Dugnus. „Das heißt konkret, dass bei einer möglichen Infizierung eine fünftägige Isolierung und ein anschließender Freitest völlig ausreichend ist. So kann das Verständnis für Einschränkungen erhöht werden und Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugnern die Argumentationsgrundlage entzogen werden.“ Zwar müsse man Infektionen erkennen und zurückverfolgen, dabei aber die Auswirkungen für die Betroffenen minimieren. „Das entspricht dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz.“

Gesundheitsminister Jens Spahn äußerte sich zurückhaltend zu dem Vorschlag. Er verwies darauf, dass Drosten ihn selbst als „steile These“ bezeichnet habe, mit der man gewissermaßen an eine Schmerzgrenze gehe, um bei der Bevölkerung die Akzeptanz für die Maßnahmen zu erhöhen. Der Gesundheitsminister will diese Schmerzgrenze offenbar eher meiden. Er ließ am Freitag durchblicken, dass er an der momentanen Isolierungszeit von 10 Tagen nicht rütteln will. Drostens Vorschlag bezog sich darauf, dass man mittlerweile davon ausgeht, dass bei einem Infizierten erst nach ungefähr vier Tagen das Virus nachgewiesen werden kann.

Aus München wurde am Freitagabend eine erneute Corona-Test-Panne gemeldet. Von ihr sollen rund 10.000 Menschen betroffen sein, die zwischen Sonnabend und Dienstag an bayerischen Flughäfen auf das Coronavirus getestet worden waren. Sie hatten das Ergebnis nicht innerhalb der versprochenen Frist von 48 Stunden erhalten, bestätigte ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums. Grund sei ein EDV-Problem gewesen.