Berlin - Nach dem Duell der Kanzlerkandidaten am Sonntag waren sich alle einig: Der Wettkampf der Kleinen könne nur interessanter werden. Weil Angela Merkel und Martin Schulz sich nicht wehtun wollten – aber auch, weil das Abschneiden der Kleinen darüber entscheiden dürfte, mit wem Merkel weiter regiert. Die Prognostiker sollten Recht behalten. Dies zeigte der Fünfkampf in der ARD mit Sahra Wagenknecht (Linke), Cem Özdemir (Grüne), Joachim Herrmann (CSU), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD).

Vermisste Themen werden diskutiert

Auffällig war, dass die Moderatoren Sonia Mikich und Christian Nitsche zunächst die Versäumnisse ihrer Moderatoren-Kollegen vom Sonntag ausbügelten. Denn sie begannen mit den liegen gebliebenen Themen Digitalisierung, Bildung und Rente. Hier machte Wagenknecht einen Punkt, als sie an entsprechende Eingeständnisse Herrmanns anknüpfte und mit Blick auf die Versorgung mit Breitbandkabeln sagte: „Es ist ein Fehler, wenn die öffentliche Hand solche Aufgaben aus der Hand gibt. Privatisierung bringt nichts. Das sind Aufgaben, die der Staat machen muss.“

In der Rentenpolitik  unterstrich Herrmann, eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters stehe „überhaupt nicht in Aussicht“. Ein Dementi der Rente mit 70 war das nicht. Lindner widersprach, er wolle das Renteneintrittsalter grundsätzlich flexibel gestalten.

Weidel und die Flüchtlingspolitik

Nach einer halben Stunde kam die Runde dann doch auf die Flüchtlingspolitik. Hier war absehbar, dass Weidel die restriktivste Position bezog. Sie will den Anspruch auf Asyl streichen und die Genfer Flüchtlingskonvention neu verhandeln. Verblüffender Weise war es Wagenknecht, die neben Özdemir entschieden dagegen hielt.

Sie wolle, dass das Asylrecht gelte, betonte die linke Spitzenkandidatin. Zudem sei es besser, wenn nicht anerkannte Flüchtlinge freiwillig gingen, statt abgeschoben zu werden. Und schließlich sei es „unmenschlich“, Menschen außer Landes zu schaffen, „die hier ihre Heimat gefunden haben“. Das war auch vom Ton her eine andere Haltung als jene flüchtlingskritische, die Wagenknecht noch vor Monaten eingenommen hatte.

Lindner fordert Anerkennung sicherer Herkunftsländer

Da klang Lindner schon anders. Er forderte, die Liste der sicheren Herkunftsländer auszuweiten, „robuste Verhandlungen“ etwa mit Marokko und „nicht Zuwanderung in unsere Sozialsysteme“. Was die Bürger gestört habe, seien im Übrigen nicht die Flüchtlinge gewesen, sondern der staatliche Kontrollverlust bei deren Zuzug.

In Sachen innere Sicherheit waren die hörbaren Differenzen nicht so groß. Allerdings stellte Özdemir, dem selbst von konservativen Beobachtern ein starker Auftritt attestiert wurde, klar: „Wir schieben die Falschen ab.“ Denn die islamistischen Attentate innerhalb und außerhalb Deutschlands zeigten ja, dass die Täter meist vorher bekannt seien. Darüber hinaus plädierte er dafür, dass nicht allein Islamisten verfolgt gehörten, sondern auch Rechtsextremisten. „Ich drehe da meine Hand nicht um.“

Spitzenkandidat befragt Spitzenkandidat

Spannend war, als die Moderatoren die Kandidaten baten, Fragen an die jeweiligen Mitbewerber zu richten. Weidel erklärte in dem Zusammenhang an Wagenknecht gerichtet: „Sie sind ja die vernunftorientierte Frau in Ihrer Partei.“ Wagenknecht ließ das an sich abtropfen. „Ihr Lob können Sie sich gerne schenken“, sagte sie. Die AfD-Politik der Abschottung sei nämlich „ein zutiefst inhumaner Ansatz“. Auch seien dort „Halb-Nazis“ unterwegs.

Ein bisschen trickreich ging es ebenfalls zwischen Lindner und Özdemir zu. „Lieber Cem Özdemir“, sagte Lindner, benutzte später sogar das „Du“ und stellte seinen Konkurrenten als möglichen nächsten Außenminister vor. Der gab ein „Lieber Christian Lindner“ zurück, verzichtete jedoch auf das „Du“ und schenkte dem FDP-Chef beim Thema Dieselautos kräftig ein.

FDP und Grüne balgen sich um Platz drei hinter Union und SPD. Da wird auch schon mal zum Instrument der Umarmung gegriffen.

Die Sendung gab einen Vorgeschmack auf den nächsten Bundestag. Bei so vielen Parteien wird es für jede Partei schwierig, sich zu profilieren – und für die Bürger schwierig, den Überblick zu behalten.