Berlin - Früher waren es die Socken in den Sandalen, dieses Jahr wird man die Deutschen im Ausland vermutlich an ihrem leuchtend gelben Impfpass erkennen. Den Betroffenen wird es vermutlich egal sein, weil ihnen die Impfung wichtiger sein dürfte als die Art der Dokumentation. Dennoch deutet es sich an, dass in diesem Super-Reisesommer die Deutschen wieder mal als leicht rückständig gelten könnten. Der digitale Impfpass lässt hierzulande nämlich noch auf sich warten.

Seine Einführung wurde vom Bundesgesundheitsministerium wolkig für das Ende des zweiten Quartals angekündigt, das bedeutet Ende Juni. Die Berliner, deren Schulsommerferien bereits am 24. Juni beginnen, müssen demnach auf jeden Fall ohne ihn in den Urlaub fahren. In der Berliner Verwaltung weiß man ohnehin noch nicht viel über die konkrete Umsetzung.

Auf die Frage der Berliner Zeitung, wie weit  die Vorbereitung auf die Ausgabe digitaler Impfpässe in Berlin sei, antwortete Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) am Dienstag entspannt, man sei in dieser Hinsicht „ganz prima unterwegs“. Umgesetzt werden müsse der digitale Impfpass schließlich auf Bundesebene. Man arbeite in Berlin mit den „bewährten Möglichkeiten“, so Kollatz weiter.

Was das bedeutet, machte er in einem Appell an die Berlinerinnen und Berliner deutlich: „Bitte haben Sie den gelben Impfpass immer dabei.“ Was den digitalen Impfpass betraf, sagte er nur: „Wenn es ein weiteres Instrumentarium gibt, dann werden wir es einsetzen“. Das klang eher nicht so, als rechne er in absehbarer Zeit damit.

Wenn es aber einmal so weit sein sollte, dann wird Deutschland gemeinsam mit der Europäischen Union nichts weniger als einen „weltweiten Maßstab“ setzen. Das verkündete Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der vergangenen Woche stolz. Die Europäische Union werde als erste Region auf der Welt eine international anschlussfähige Lösung vorweisen. Warum sich das Projekt verzögert, begründete Spahn mit dem „hohen Anspruch an den Datenschutz“ in Deutschland. Man habe sich aber nun auf die technischen Details geeinigt.

Karl Lauterbach mag sich bei manchen seiner Vorhersagen geirrt haben, aber zur Beschönigung der Arbeit der Bundesregierung – in der ja auch seine Partei vertreten ist – neigt er nicht. Und so stellte er am Montagabend in der Sendung „Hart, aber fair“ nüchtern fest, dass eine datensichere App nicht langsamer zu programmieren sei als eine weniger sichere. Er vermutet, es habe für den digitalen Impfpass hierzulande eben nicht die oberste Priorität gegeben – weswegen Deutschland einmal mehr hinterherhinkt.

Digitaler Impfpass: Die EU beschloss das Projekt schon am Jahresanfang

Der Europäische Rat beschloss bereits Anfang des Jahres, einen fälschungssicheren digitalen Impfpass für die Mitgliedsstaaten zu entwickeln. Zunächst ging es nur um den Impfnachweis, später hieß es, dass auch Genesene und negative Getestete damit ihren Status nachweisen sollten. Damit sollte die Reisefreizügigkeit besser gestaltet werden können. Die App soll aufs Smartphone geladen oder als Zusatzfunktion in die Corona-Warn-App integriert werden. Wer kein Smartphone hat, kann sich – so der Plan – einen QR-Code, den es dann bei der Impfung oder beim Test gibt, zuhause ausdrucken und in Papierform mit sich führen.

Impfpass: Wer schon geimpft ist, muss noch mal zum Arzt

Problematisch wird es für jene, die bereits geimpft sind. Sie müssen sich diesen digitalen Nachweis rückwirkend ausstellen lassen. „Wenn in den Impfzentren entsprechende Kontaktdaten vorliegen, sollen die QR-Codes möglichst automatisch per Post zugesandt werden“, teilt das Bundesgesundheitsministerium dazu mit. Allerdings ist unklar, ob diese Daten wirklich in der entsprechenden Form vorliegen. „Außerdem könnten Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker nachträglich Impfnachweise ausstellen“, so das Ministerium.

Die niedergelassenen Ärzte laufen bereits Sturm gegen den Mehraufwand. Man sei schließlich kein Bürgeramt, heißt es dort.

Für die Berliner ist der Begriff Bürgeramt nicht gerade positiv besetzt. Sie fahren vermutlich bereitwillig mit dem gelben Heft in den Urlaub.