MUTTER: Du siehst aus, wie eine Giraffe. Wie ist das denn passiert?

TOCHTER: Ich hatte Lust auf Verkleiden, da hab ich ein Kostüm bestellt. Es ist so langweilig zuhause.

Und wie vereinbarst du das mit deinem Umweltbewusstsein?

Ich habe jetzt für drei Wochen ein schlechtes Gewissen und werde beschließen, nie wieder was zu kaufen und nur noch recyclen oder die Sachen aus meinem Schrank anziehen, wie man es ja auch machen sollte.

Ich staune ja über die Jugend, wenn ich dich so beobachte, und wenn ich höre, dass ihr T-Shirts tauscht, um nichts Neues zu kaufen. Neulich hattest du die T-Shirts irgendwelcher Jungsfreunde an.

Ja, klar. Die wollten sie nicht mehr und da habe ich sie jetzt. Ist doch viel besser, als wenn ich die gleichen T-Shirts neu kaufe. Übergroße Sachen sind bequem. Wenn ich sie gratis haben kann, ohne noch mal für Kinderarbeit zu bezahlen, ist doch gut.

Kinderarbeit? Bist du sicher?

Auf jeden Fall. Alles ist Kinderarbeit in der Textilindustrie, wenn nicht bio und fair trade drauf steht. Die meisten verkaufen ihre Produkte nur teuer, aber es ist trotzdem von Kindern in Asien zusammengeschustertes Zeug. Neue Textilien kaufen ist tendenziell immer schlecht.

Hm, ich habe schon lange nichts mehr gekauft. Das liegt aber an Corona und daran, dass ich schon zu viel habe. Bei dir ist der Recyclinggedanke aber extrem. Nur bei dir oder bei anderen auch?

Es ist schon normal, dass man nicht jedes Wochenende shoppen geht, und dass man Sachen tauscht. Der Recyclinggedanke und das schlechte Gewissen sind bei vielen vorhanden. Wenn man sagt „Oh, eine neue Hose“ bedankt sich derjenige und dann kommt aber sofort „Tut mir leid, ich musste das jetzt mal machen, ich hatte keine Hose mehr“. Es ist halt schlecht, was zu kaufen, und man hat ein schlechtes Gewissen. Es hilft natürlich unterbezahlten Menschen überhaupt nicht, wenn man sich entschuldigt und trotzdem freudig shoppen geht.

Es scheint ja nicht freudig zu sein, wenn das schlechte Gewissen immer mit dabei ist. Das bremst das Konsumverhalten schon.

Das ist doch gut. Wir haben alle viel zu viele Sachen in unseren Kleiderschränken, die man nicht braucht. Ich finde das richtig, auch wenn das Einkaufengehen dann nicht mehr so schön ist. Das ist eine Art von Bewusstwerdung, die einfach mal passieren muss. Lieber habe ich ein schlechtes Gewissen beim Einkaufen, als immerzu ein System zu unterstützen, das Menschen ausbeutet.

Ich dachte ja, Recycling sei nur ein Hype und dann kaufen die Jugendliche doch wieder T-Shirts für drei Euro. Diese Kids muss es ja auch noch geben, denn die Textilketten sind ja nicht verschwunden.

Ich kann nur für die Menschen in meiner Umgebung sprechen, und da sind diese ganzen Ketten echt unten durch. Da kauft keiner mehr, weil es ein Sinnbild für Ausbeutung ist. Aber eigentlich weiß es auch jeder. In der Schule sind Umwelt und Produktionsbedingungen fester Bestandteil des Unterrichts. Da werden alle großen Firmen von Nestlé über Adidas bis H&M auseinandergenommen. Schüler wissen genau, wie und wo die Produkte hergestellt werden und wie haarsträubend das alles ist.